Buchtipp: Petros Markaris, „Verschwörung“

Athen im Würgegriff der Impfgegner

Der neue Fall des Athener Kommissars Kostas Charitos spielt inmitten der Coronapandemie – und handelt von den tödlichen Folgen, die politischer Wahn haben kann.

Wütende Proteste gegen die Impfpflicht vor dem Regierungssitz in Athen – ein neuer Fall für  Kommissar Kostas Charitos.

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Wütende Proteste gegen die Impfpflicht vor dem Regierungssitz in Athen – ein neuer Fall für Kommissar Kostas Charitos.

Von Lukas Jenkner

Gyros, Sonne und Sirtaki – es gibt eine Menge Klischees, die mit Griechenland, das Deutsche vor allem als Feriendomizil erleben, verbunden sind. Hellas zählt schon seit Jahrzehnten zu den Sehnsuchtsorten deutscher Urlauber, ein bisschen hat jeder Udo Jürgens’ „Griechischer Wein“ im Ohr und die Akropolis vor Augen.

Ausgeblendet wird da meist, dass zumal das jüngere Griechenland eine dunkle und blutige Geschichte hat. Im Zweiten Weltkrieg von gegeneinander kämpfenden Partisanen und griechischen Sicherheitsbataillonen der Wehrmacht zerrissen, taumelte das Land zunächst in einen Bürgerkrieg, der das politische Klima auf Jahre hinaus vergiftete. 1967 schließlich putschte sich eine Militärjunta an die Macht, die bis Mitte der 1970er Jahre mit Massenverhaftungen und Folter Angst und Schrecken verbreitete.

Eine kleine, aber laute Minderheit krakeelt von der Revolution

In diesen Kontext bettet Petros Markaris den neuesten Fall seines Athener Kommissars Kostas Charitos ein. In „Verschwörung“ dämmert die griechische Hauptstadt im Corona-Lockdown vor sich hin, fast alles ist geschlossen, die Krankenhäuser voll. Wie in vielen anderen Ländern trennt sich die Gesellschaft in eine schweigende Mehrheit, die sich mit zusammen gebissenen Zähnen an die Regeln hält, um dem Würgegriff der Coronapandemie zu entkommen, und eine kleine, aber laute Minderheit, die sich von sinistren Mächten unterdrückt und zur Herde degradiert sieht.

Da erregt ein Selbstmord Aufsehen. Ein alter Mann wählt den Freitod, um das Land vermeintlich aufzurütteln. In seinem Abschiedsbrief schreibt er „Es lebe die Bewegung der Selbstmörder“. Kommissar Charitos, der bekanntlich die Eulen durchs nächtliche Athen rauschen hört, schwant Übles. Und tatsächlich führen die anschließenden Ermittlungen ins Milieu der modernen Protest- und Widerstandsstrukturen Griechenlands, die ihre Wurzeln tief in der Geschichte haben und die bis heute fortwirken.

Die Familie als ruhender Pfeiler im Corona-Chaos

Das mäandernde Ermittlungsgeschehen schildert Markaris gewohnt lakonisch-nüchtern. Leser, die an Cliffhanger und atemlose Action gewöhnt sind, werden möglicherweise daran scheitern. Aber die Familie und das Essen sind nun mal zwei wesentliche Eckpfeiler des griechischen Lebens und verdienen wohl deshalb eine wiederkehrende und ausführliche Beschreibung.

Unterm Strich ist „Verschwörung“ zwangsläufig hochaktuell und wer meint, dass der in Istanbul geborene Autor lediglich volatile Stimmungen im Pandemiegeschehen zugespitzt habe, der möge nach Österreich schauen, wo in den vergangenen Tagen der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr für einen Aufschrei gesorgt hat. Sie war von aggressiven Impfgegnern zum Hass-Objekt erklärt und solange beschimpft und verfolgt worden, dass sie in ihrer Not nur noch den Freitod als Ausweg sah. Politischer Wahn kann immer tödliche Folgen haben, das lehrt nicht zuletzt die deutsche Geschichte.

Petros Markaris: Verschwörung. Ein Fall für Kostas Charitos. Diogenes Zürich 2022. Hardcover Leinen, 288 Seiten, 25 Euro.

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Erstellt:
5. August 2022, 10:20 Uhr

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