Architekten feiern Jahresempfang

Bewahren als Fortschritt

Die Landesvorsitzende Liza Heilmeyer eröffnete den traditionellen Jahresempfang des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten BDA Baden-Württemberg im Mozart-Saal in Stuttgart.

Die Stuttgarter Architektin Liza Heilmeyer, Landesvorsitzende des BDA Baden-Württemberg

© Andreas Labes

Die Stuttgarter Architektin Liza Heilmeyer, Landesvorsitzende des BDA Baden-Württemberg

Von Ulla Hanselmann

Der Architekt ist hochverehrlich, obschon die Kosten oft beschwerlich. Wilhelm Busch, der Meister des leichten, humoristischen Reimes, hat die Diskrepanzen des Berufsstandes in zwei treffliche Zeilen gepackt. Obschon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasst, halten sie auch noch im Jahr 2022 einer inhaltlichen Prüfung stand. Der Landesvorsitzenden des Bundes Deutsches Architektinnen und Architekten Baden-Württemberg, Liza Heilmeyer, jedenfalls kamen sie am Montag im Mozart-Saal gelegen, als sie in ihrer Begrüßungsrede Lage und Zwänge ihres Berufsstandes umriss.

Der BDA Baden-Württemberg hatte zu seinem 62. Jahresempfang in die Stuttgarter Liederhalle geladen. Es hätte der dreiundsechzigste sein müssen, doch im vergangenen Jahr war die traditionelle Jahresauftaktveranstaltung ausgefallen, in diesem Jahr verschob sie sich, immer noch pandemiebedingt, in den Frühsommer hinein.

Kreislaufwirtschaft und Hinwendung zum Bestand

Wie kann die Architektenzunft ihre Kernaufgabe, „das Notwendige zu gestalten“, angesichts von sich häufenden Krisen bewältigen, vor welchen Herausforderungen steht sie? Heilmeyer nannte die erwartbaren Stichworte wie Kreislaufwirtschaft, die Hinwendung zum Bestand („Bewahren als Fortschritt“), plädierte aber mit einem charmanten Exkurs dafür, sich trotz des „knallharten“, von Kosten- und Termindruck bestimmten Arbeitsalltags an der berühmten Kinderbuch-Maus Frederick ein Beispiel zu nehmen. Die sammelt für den harten Winter vermeintlich wider jede Vernunft keine Futtervorräte, sondern scheinbar unnütze Dinge wie Sonnenstrahlen, Farben und Poesie – und sichert damit aber letztlich ihrer Mäusefamilie das Überleben.

Gärten des Grauens

Von der Tierparabel für Kinder zur Frage „Was bedeutet (uns) Kunst?“: Das war dann gar kein so gewaltiger Sprung mehr, wie es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein haben mochte. Der Festredner Thomas Bauer verstand es, mit seinem Thema zu fesseln. Theoriegrundiert, aber auch anschaulich führte Bauer, Arabist an der Universität Münster, in Definitionsfragen ein und machte Viel- und Mehrdeutigkeit als das entscheidende Merkmal von Kunst aus. Doch die Fähigkeit, das Vage und Mehrdeutige als bereichernd und schön zu empfinden, sei in unserer Zeit tendenziell am Schwinden, konstatierte der Wissenschaftler und zeigte die Vieldeutigkeitsfeindlichkeit von Fundamentalismus oder auch Populismus auf. Mit seinen letzten Bildern bekam er dann doch noch die Kurve zur Architektur – als Beispiel für sinkende Ambiguitätstoleranz zeigte er drei besonders grässliche Schotter-„Gärten des „Grauens“.

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Erstellt:
24. Mai 2022, 09:04 Uhr
Aktualisiert:
24. Mai 2022, 10:24 Uhr

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