Lichtgestalt des Ska

Britischer Sänger Terry Hall gestorben

Anfang der 1980er Jahre bewegte karibisch angehauchter Studenten-Pop nicht nur in Großbritannien die Tanzflächen: die Ska-Welle. Terry Hall war einer ihrer größten Stars.

Der britische Ska-Sänger Terry Hall starb nach kurzer Krankheit im Alter von 63 Jahren.

© Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Der britische Ska-Sänger Terry Hall starb nach kurzer Krankheit im Alter von 63 Jahren.

Von Von Christoph Meyer und Christof Bock, dpa

London - Die britische Ska-Szene hat einen ihrer wichtigsten Musiker verloren: Terry Hall ist tot. Das teilte seine Band The Specials in der Nacht zum Dienstag auf ihren Social-Media-Kanälen mit. Demnach starb Hall nach kurzer Krankheit, er wurde 63 Jahre alt. Als Specials-Frontmann war er Anfang der 80er international ein Star.

Halls hypnotischer Gesang verlieh den Specials den besonderen Sound, traumwandlerischer und feiner als der von Madness, die mehr auf Partystimmung setzten und kommerziell erfolgreicher waren. Hall war Stimme und Blickfang der Gruppe: immer aus dem Ei gepellt - wie viele Fans seiner Ska-Richtung 2-tone gern im Popper-Look mit schwarzem Anzug und Sonnenbrille oder mit Accessoires im Schachbrettmuster.

Beißende Gesellschaftskritik

"Ghost Town" aus dem Jahr 1981 war Halls wohl bekanntester Hit, er stand drei Wochen an der Spitze der britischen Charts. Der Videoclip, der in dem Geburtsjahr von MTV noch etwas ziemlich Neues war, zeigt die Band zusammengestaucht in einer alten schwarzen Vauxhall-Limousine, während sie miesepetrig durch Londons verödete Innenstadt fährt. Vielleicht war die schlechte Laune gar nicht gespielt. Die Gruppe hatte sich, endlich wirklich erfolgreich, gerade im Streit getrennt. Ironischerweise mit ihrem größten Meisterwerk.

Die 1977 in Coventry gegründeten Specials waren politisch bedeutender als es auf den ersten Blick aussehen mag. Auch wenn Ska der Sound der karibischen Einwanderer war: Die Zusammensetzung der Specials aus schwarzen und weißen Bandmitgliedern galt als revolutionär. Und ihre Gesellschaftskritik war beißend. "Ghost Town" beklagte die depressive Stimmung, die um 1980 auf England lag. "Too Much Too Young" machte ganz offen Teenie-Schwangerschaften in der Unterschicht zum Thema. Die Gruppe griff aber auch rassistische Diskriminierung in Großbritannien und den Verfall gesellschaftlichen Strukturen auf.

Seine Melancholie war nicht gespielt

Nach Abgang bei den Specials gründete Hall die Gruppe Fun Boy Three, die den kleinen Clubhit "The Lunatics (Have Taken Over The Asylum)" hervorbrachte. Später brachte er einige Specials-Mitglieder 2019 unter altem Namen wieder zusammen. Hall arbeitete mit Tricky und den Gorillaz. Die Band würdigte ihn als "einen der brillantesten Sänger, Songwriter und -texter, die dieses Land je hervorgebracht hat".

Die Melancholie, die Hall stets umgab, war nicht gespielt. Der Sänger, der seine Frau und einen Sohn, sowie zwei weitere Kinder aus erster Ehe hinterlässt, verarbeitete in seinen Songs unter anderem auch extrem belastende Kindheitserfahrungen. Er war eigenen Angaben zufolge im Alter von 12 Jahren von einem Lehrer entführt und mehrere Tage lang sexuell missbraucht worden.

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Erstellt:
20. Dezember 2022, 12:10 Uhr
Aktualisiert:
20. Dezember 2022, 14:52 Uhr

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