Kendrick Lamar in Stuttgart

Rap-Superstar versetzt Fans in Freudentaumel

Kendrick Lamar gilt als Hip-Hop-Genie – und als Künstler, der sich gegen Rassismus und Schwulenfeindlichkeit positioniert. Seine Fans in der Stuttgarter Schleyerhalle hat er in Freudentaumel versetzt.

Politisch engagiert: Kendrick Lamar  am Montagabend in der Stuttgarter Schleyerhalle

© Greg Noire

Politisch engagiert: Kendrick Lamar am Montagabend in der Stuttgarter Schleyerhalle

Von Swantje Kubillus

Am Montagabend dürfte das Hip-Hop-Ereignis des Jahres in der Stuttgarter Schleyerhalle stattgefunden haben: Der Rap-Gigant Kendrick Lamar hat für gute zwei Stunden die Halle regelrecht zum Beben gebracht und seine Fans in puren Freudentaumel versetzt. Bei wummernden Bässen wurde getanzt und mitgesungen, inklusive Pogen und Moshpits. Funken und kleine Explosionen gab es auf der Bühne und vor allem auch im Sprechgesang des Künstlers.

Kendrick Lamar präsentiert derzeit auf seiner Welttournee „The Big Steppers Tour“ sein fünftes Studioalbum „Mr. Morale & The Big Steppers“ und macht für fünf Konzerte Halt in Deutschland. Der Stehplatzbereich war in Stuttgart restlos ausverkauft, auf den Tribünen waren hier und da noch ein paar Plätze frei. An die 15 000 Fans sind es aber sicherlich gewesen, die sich versammelt haben, um das Rap-Genie zu feiern. Die Ticketpreise bewegten sich entsprechend zwischen 70 und 150 Euro. Als Gäste hat Lamar die Rapper Tanna Leone und Baby Keem dabei, die schon im Vorprogramm die Fans beglücken und später zur Zugabe noch mal auf die Bühne kommen.

Alte und neue Titel stehen nebeneinander

Kendrick Lamar selbst erscheint gegen 21.30 Uhr nach einem Aufmarsch von zehn in schwarz und weiß gekleideten Tänzerinnen und Tänzern am Klavier. Der Tourname trägt den Untertitel: „Come help Mr. Morale get out of the Box“ – damit könnte die Botschaft Lamars nicht klarer sein, denn der gibt sich in seinen Texten gern gesellschaftskritisch. Auf seinem neuen Album erzählt der 35-jährige Rapper vom transgenerationalen Trauma, Suchtproblemen („Mother I sober“), Trauer sowie dem Patriarchat und Beziehungsproblemen („We cry together“).

Ein Rundumschlag, bei dem der Sänger auch seine eigenen Defizite in den Blick nimmt. Während des Konzerts ist deshalb immer wieder aus dem Off eine Frauenstimme zu hören, die ihm therapeutische Hinweise gibt. Einmal solle er sich hinlegen, weshalb auf der Bühne ein Bett erscheint, in das er sich legt, dann begibt er sich in eine durchsichtige quaderförmige Kapsel, weil die Stimme ihm rät, nun einen Covid-Test zu machen. Es wird viel mit Licht und Schatten gespielt.

Das Konzert ist voller Kunst und Symbolsprache, und die Bühne ist weit in den Raum hineingebaut. Leinwände im Hintergrund zeigen entweder den Sänger oder Videoanimationen. Die Fans sind kaum zu halten und rufen immer wieder begeistert „Kendrick, Kendrick“. Der Sänger tut ihnen einen Gefallen, indem er nicht nur neue Stücke spielt, sondern diese mit alten Tracks durchmischt. Er startet mit „United in Grief“ und „N95“ und gibt aber auch „m.A.A.d City“ oder „Bitch, don’t kill my Vibe“ zum Besten.

Lamars Musik vereint Elemente aus Klassik, Pop, Rap und Afrorock

Zwischen den Songs gibt es jeweils eine kleine Pause, was dem Fluss des Abends ein wenig schadet – das hätte nicht sein müssen. Aber alles, was passiert, ist bombastisch. Zentrales Thema bei Lamar ist die Auseinandersetzung mit der modernen afroamerikanischen Gesellschaft, sein Stil ist dem Genre des „Conscious Hip-Hop“ zuzuordnen. Er steht auf der anderen Seite des oftmals von Sexismus geprägten Gangsta-Raps. In seinen Texten geht es etwa um Rassismus oder Schwulenfeindlichkeit. Lamar ist ein Künstler, der sich politisch zeigt, etwa in Zusammenhang mit rassistischer Staatsgewalt in den USA. Barack Obamas Lieblingssong 2015 war „How much a Dollar Cost“.

2018 gewann er für sein viertes Album „Damn“ den Pulitzer-Preis und ist damit der erste Rapper, dem das gelang. 14 Grammys hat der Überflieger auch schon in der Tasche, unter den männlichen Rappern haben nur Eminem, Kanye West und Jay-Z mehr. In seinen Texten geht er über die Schmerzgrenze hinaus, sein Stil lässt sich als künstlerisches Soundprojekt beschreiben, in dem sich Opern- und Kammermusik, Pop-Elemente oder Afrorock finden. Hinzu kommt dieser unglaublich schnelle Sprechgesang mit vielen Tempowechseln. Kendrick Lamar liefert keine Standard-Hits, und dennoch kann das Publikum bei allen Songs mit rappen, er verlangt, ihm zuzuhören, und schafft sich damit einen Status von Einzigartigkeit.

Rap als Ausweg aus prekären Verhältnissen

Aufgewachsen ist der 35-Jährige in armen Verhältnissen in Compton, einem berüchtigten Vorort von Los Angeles voller Gewalt und Drogenkriminalität, der etwa durch den Film „Straight outta Compton“ Berühmtheit erlangte – Rap als Ausweg aus prekären Verhältnissen. Dr. Dre nahm ihn unter seine Fittiche, und er begab sich schon früh in eine Reihe mit anderen Hip-Hop Größen wie Tupac Shakur, Notorious B.I.G oder Eazy E. Für Marvel’s „Black Panther“ lieferte er den Soundtrack. An diesem Abend verschwindet er wieder genauso, wie er gekommen ist, am Klavier und am Ende sogar mit leichtem Gesang. „I will be back“ sagt er klar ins Mikrofon – von den Fans gibt’s dafür tosenden Jubel.

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Erstellt:
25. Oktober 2022, 09:10 Uhr
Aktualisiert:
25. Oktober 2022, 09:59 Uhr

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