Zum Tod des Gitarristen Joe Messina

Der weiße Mann bei Motown

In den sechziger Jahren eroberte Soul des Labels Motown den weißen Popmarkt. Im Studio spielte der weiße Gitarrist Joe Messina, der gar nicht mitbekam, dass er Hits lieferte.

Joe Messina (re.) in den 60er Jahren mit seinem Kollegen Robert White im Kellerstudio von Motown

Joe Messina (re.) in den 60er Jahren mit seinem Kollegen Robert White im Kellerstudio von Motown

Von Thomas Klingenmaier

Manchmal knackt man schwierige Fragen mit einer einfachen Antwort. Diese zum Beispiel: Wie groß ist der afroamerikanische Markt für schwarze Musik? Der schwarze Produzent Berry Gordy befand in den 60er Jahren: auf jeden Fall zu klein. Mit seinem Label Motown brachte er eine sachte Revolution in Gang: schwarze Soul-Musik, die tief in den weißen Popmarkt eindrang.

Schwarze und Weiße

Als Hitfabrik wurde sein Label immer wieder bezeichnet, denn wie am Fließband lieferten die Supremes, die Jackson 5 oder Marvin Gaye moderne Klassiker und liebenswerte Nichtigkeiten ab. Hinter den Stars, deren Namen auf den Plattencovern standen, spielte stets die aus einem kleinen Pool von Musikern wechselnd zusammengesetzte Hausband, die man später die Funk Brothers taufte. Mittendrin in dieser schwarzen Profigruppe, und das ist einer der schönsten Teile dieser Erfolgsgeschichte, saß ein weißer Gitarrist, Joe Messina – der nun, am 4. April 2022, im Alter von 93 Jahren gestorben ist.

Damals gab es noch sehr viel mehr Menschen als heute, die an klare Abgrenzungen, an unüberwindbare Unterschiede, an seltsame Konzepte von Rasse und an fixe Prägungen glaubten. Die also auch behauptet hätten, herauszuhören, ob ein Musiker schwarz oder weiß sei. Anderswo wurde so ein rassistisches Konzept von der schwarz-weiß gemischten Soulband Booker T. & The M.G.s sowie von den weißen Session-Musikern der Muscle Shoals Studios in Alabama ad absurdum geführt. Bei Motown übernahm, ohne sich dessen groß bewusst zu sein, Messina diese Aufgabe.

In der Schlangengrube

Eigentlich war Messina mit Leib und Seele Jazzmusiker. Berry Gordy, ebenfalls Jazzfan, hatte ihn bei einem Clubkonzert entdeckt und angesprochen, ob er nicht vorbeikommen und in seinem Studio stundenweise ein paar Akkorde klopfen wolle, leichte Arbeit, schnelles Geld. Vermutlich aber wären viele Musiker angesichts der Produktionsbedingungen in dem Snake Pit, Schlangengrube also, genannten Kellerstudio arg ins Schwitzen geraten.

Anfangs gab es dort keine Mehrspuraufnahmen, kein Mixen. Alles wurde studio-live eingespielt. Patzte einer der Beteiligten, mussten alle wieder von vorne anfangen. Für manche Stücke musste man sich vor Ort fix eine Lösung ausdenken, andere kamen in den späteren Jahren mit vorgegebenen Arrangements, die von den Funk Brothers ohne viel Probieren vom Blatt gespielt werden sollten. Messina nahm das alles mit einem Lächeln. Ihm sei, hat er später gesagt, überhaupt nicht klar geworden, dass er da Pophits für die Ewigkeit einspiele. Die meisten Songs habe er nie mehr gespielt und oft auch nie mehr gehört. Außerhalb der Schlangengrube galt seine Liebe nach wie vor ganz dem Jazz.

Lachen über die Namenspanne

Bei vielen Musikern könnte man da Arroganz vermuten, Hochmut gegenüber Pop, gar Zynismus. Joe Messina aber war das Musterbeispiel eines entspannten, freundlichen Könners, der alles ernst nah, aber nichts zu wichtig. In einer Welt hysterischer Übertreibungen, verbohrter Fan-Fanatik und überzogener Künstlereitelkeit stellte er den exakten Gegenpol dar, eine respektvolle Entspanntheit gegenüber der Musik und ein Nicht-zu-wichtig-Nehmen der eigenen Person.

Eines allerdings fand der Mann, der so viel zum Charakter von Hits wie „Dancing in the Street“ von Martha and the Vandellas oder „Your Precious Love“ von Marvin Gaye und Tammi Terrell beigetragen hatte, dann doch sehr lustig. In den 60er Jahren stand auf den Plattencovern von Motown kein Hinweis auf die Musiker hinter den Stars. Als die Namen ab 1971 aufgelistet wurden, mutmaßte Messina, werde manch einer gedacht haben, der eines Italo-Amerikaners müsse da aus Versehen auf die Liste geraten sein. Der Gitarrist strahlte vor Vergnügen, wenn er davon erzählte.

Bloß nicht verkrampfen

Über die traurige, viele Musikhörer bis heute verwirrende Seite seiner Karriere hat er nicht so gerne gesprochen. Als Berry Gordy den Motown-Sitz 1972 an die Westküste verlegte, zog Joe Messina nicht mit um. Er blieb in Detroit, aber er stieg ganz aus dem Musikgeschäft aus, drei Jahrzehnte lang. Mit Jazz war kein Geld zu verdienen.

Als im Gefolge eines Buchs und eines Dokumentarfilms über die Funk-Brothers-Jahre, „Standing in the Shadows of Motown“ (2002), eine Reunion-Band zusammengestellt wurde, ging Joe Messina erstmals überhaupt mit dieser Musik auf die Bühne und auf Tour. Ihm, der die professionellen Begegnungen mit den Kollegen in der Schlangengrube einst genossen hatte, lag dieser Konzertbetrieb aber gar nicht. Er stieg bald wieder aus. Auch davon hat er stets lachend erzählt. Vielleicht hat keiner den Geist der Motown-Musik so gut wie der „white Brother with Soul“ verkörpert, diesen Vibe, der empfiehlt, man solle sich vom Leben auf keinen Fall verkrampfen lassen.

Marvin Gaye & Tammi Terrell: „Your Precious Love“

Martha & the Vandellas: Dancing in the Street

Zum Artikel

Erstellt:
5. April 2022, 12:10 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!