Sommerlesetipps

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Ferien! Jetzt fehlt nur noch der richtige Lesestoff – und es kann losgehen. Unsere Kulturredaktion empfiehlt, was in den Koffer gehört.

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Wie man sich bettet, so liest man – was, erfahren Sie in unserer Bildergalerie.

Von unserer Redaktion

Es ist wieder so weit: der Urlaub ist da, und das eigentliche Leben beginnt. Er soll für all das entschädigen, was sich das Jahr über angesammelt hat: all die Mühen und Entbehrungen des alltäglichen Kampfes ums Dasein.

Seit Goethe vor seinem Weimarer Hofbeamtenfrust nach Italien geflohen ist, gilt Reisen als die populärste Form des Glücks. Doch es gibt noch eine andere – Lesen.

Ernstfall Urlaub

Lesen ist in diesen Tagen auf jeden Fall die sicherste Form zu reisen – emissionsfreier als im Billigflieger der Vorstellungskraft gelangt man nicht durch die Welt. Unsere Kulturredaktion hat da ein paar vorteilhafte Angebote zu machen, mit denen man ganz schön viel erleben kann.

Wohin der Weg in diesem Jahr auch führt, auf den Balkon, an nahe oder ferne Gestade oder direkt in die Quarantäne: Gute Literatur hat die erfreuliche Eigenschaft, dass wir uns immer näher kommen, je weiter sie uns entrückt. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Von Dostojewski bis Miranda Cowley Heller geht die Reise. Gute Fahrt!

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Es gibt ja Menschen, die werden im Urlaub unglaublich wach und aktiv. Ich neige zum Gegenteil und muss aufpassen, in Tagen am Meer nicht in einen Zustand des Dauer­dösens zu verfallen. Für Menschen wie mich braucht es darum Urlaubslektüre, die den Hormonspiegel hebt. Meine Tipps hierzu in diesem Sommer: <b>„Ein Sommer in Niendorf“</b> (Rowohlt, 22 Euro) – <b>Heinz Strunk</b> beschreibt in seinem Roman beängstigend realistisch, wie aus einer wunderbar geplanten ruhigen Auszeit an der Ostsee ein existenzieller Höllenritt werden kann, bei dem ein Likördepot keine ganz unwesentliche Rolle spielt. Und danach zum Schlauerwerden so was wie das hier:<b> </b><b>Karl-Heinz Ott</b> entfaltet in seinem Sachbuch <b>„Verfluchte Neuzeit“</b> (Hanser, 26 Euro) eine „Geschichte des reaktionären Denkens“ – und wirklich, sie hängen uns ja gerade im Nacken, die Trumps und Orbáns, die Putins, Weidels und Wagenknechts dieser Welt. Tim Schleider

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Regelmäßig veröffentlicht <b>John Grisham </b>Thriller, und nicht immer sind es Pageturner. <b>„Der Verdächtige“</b> (Heyne, 24 Euro), jüngst erschienen, fesselt von der ersten Seite an: Die Anwältin einer Justizaufsichtsbehörde jagt einen Killer, der sonst als Richter arbeitet. Ebenso spannend, wenn auch ganz anders, ist der Dokumentarroman <b>„Wuhan“</b> von <b>Liao Yiwu</b><b> </b>(S. Fischer, 24 Euro) der in einer kunstvollen Mischung von Fakten und Fiktion den Ausbruch der Coronapandemie in China beschreibt und die anfänglichen Versuche der Regierung, diesen zu vertuschen. In die aktuelle Geopolitik führt <b>Karl Schlögels „Entscheidung in Kiew“</b> (Hanser, 25 Euro). In dem bereits 2014 nach der Annexion der Krim erschienenen Buch erklärt der Historiker und Slawist ebenso informativ wie emotional, warum Russlands Attacke auf die Ukraine auch ein Angriff auf Europa ist. Lukas Jenkner

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Wenn die Ex-Chefin der Drama-Sparte bei HBO, die Serienhits wie „Die Sopranos“ verantwortete, ein Romandebüt vorlegt, ist sonnenklar, dass daraus eine TV-Serie wird. Und, logo, das Setting von<b> Miranda Cowley Hellers </b>Erstling ist absolut telegen: ein Sommerhaus an einem See in den Back Woods von Cape Cod. Nicht überraschend auch, dass eine uralte Geschichte erzählt wird, die nie aus der Mode kommt: eine Frau, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss. Trotzdem ist <b>„Der Papierpalast“</b> (Ullstein, 24 Euro) <b> </b>ein ausgesprochenes Sommer-Lese-Erlebnis. Es ist, als ob man in ein tiefes, dunkles Wasser steigt, in dem Schnappschildkröten ihr Unwesen treiben. Cowley Hellers Frauen- und Familienstory ist geheimnis- und lügensatt, von Schuld, Missbrauch, Gewalt getränkt; Innenwelten malt sie so plastisch wie die verwunschenen Naturlandschaften Neu-Englands. Bitte eintauchen! Über Wassertierbisse hilft nach dem Auftauchen <b> Jean-Luc Bannalecs </b>jüngster Kommissar-Dupin-Streich, <b>„Bretonische Nächte“</b> (Kiwi, 17 Euro), hinweg. Ulla Hanselmann

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Inzwischen weiß man nicht mehr so recht, ob man woke sein soll, also politisch wachsam, sobald es um Minderheiten und Unterdrückte in der Literatur geht. Oder ob das schon „cancel culture“ ist und also das Ende des freien Wortes. Alternativ könnte man einfach gute Bücher lesen. Oft hilft nämlich die Konfrontation mit dem Fremden, das eigene Denken zu schärfen. Ziemlich woke und ziemlich gut ist in diesem Literatursommer zum Beispiel <b>Robert Jones jr.s „Die Propheten“</b> (dtv, 26 Euro). Der Autor versteht sich als queerer Afroamerikaner in der Tradition von James Baldwin. Isaiah und Samuel sind zwei junge Sklaven Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in den Südstaaten – und sie sind ein Liebespaar. Aus unterschiedlichen Perspektiven, mit dem Blick der Unterdrücker wie der Unterdrückten, erzählt Jones jr. die Geschichte einer queeren Liebe im Zeichen von Gewalt und Rechtlosigkeit. Geschichten wie diese sind wirkmächtiger als Agitation. Finden <b>Samira El Ouassil </b>und <b>Friedemann Karig </b>in ihrem klugen Sachbuch <b>„Erzählende Affen“</b> (Ullstein, 26 Euro). Wer zwischen seinen Sommerromanen noch Platz hat, erfährt hier, warum er Romane so gerne mag. Markus Reiter

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Ich will den knappen Platz nicht mit Empfehlungen verschwenden, auf die Sie vielleicht schon selbst gekommen sind, weil es sich dabei nicht nur um die fesselndsten Bücher dieser Saison handelt, sondern auch um solche, die die Zeiten überdauern: <b>Ralf Rothmanns </b>Abschluss seiner Kriegs-Trilogie<b> „Eine Nacht unterm Schnee“</b> (Suhrkamp, 24 Euro), <b>Reinhard Kaiser-Mühleckers </b>Dorfroman <b>„Wilderer“</b> (S. Fischer, 24 Euro) oder <b>Karl-Ove Knausgards</b> Endzeitbeobachtung <b>„Der Morgenstern“</b> (Luchterhand, 28 Euro). Apropos Endzeit, was ist bloß in Italien los – regieren dort bald wieder die Erben Mussolinis? Wenn es mich dorthin verschlägt, was trotz allem ziemlich wahrscheinlich ist, hätte ich zwei Bücher im Gepäck: <b>Gianfranco Galligarichs </b>melancholisch-schöne Rom-Hommage <b>„Der letzte Sommer in der Stadt“</b> (Zsolnay, 22 Euro), die meine unverwüstliche Italien-Liebe erklärt, und <b>Giulia Caminitos</b> Geschichte einer Jugend in der Provinz, <b>„Das Wasser des Sees ist niemals süß“</b> (Wagenbach, 25 Euro) – in körnigem Hell-Dunkel führt sie vor Augen, was dort gerade schiefläuft. Beides kann man übrigens auch lustvoll in Schweden oder im südlich heißen Norwegen lesen. Stefan Kister

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

„Rosa Traurigkeit ist die Traurigkeit weißer Anchovis“: <b>Mary Ruefle </b>schreibt fühlbar und wahr. Die 70-jährige Lyrikerin und Essayistin kennt hier fast niemand, in den USA hat sie den Pulitzer Prize gewonnen. Ein kurzer Prosaband (<b>„Mein Privatbesitz“</b>, Suhrkamp, 18 Euro) erscheint jetzt erstmals auf Deutsch, übersetzt von Esther Kinsky. Die Texte erzählen von Schrumpfköpfen, Weihnachtsbäumen oder den Wechseljahren, sind sehr geistreich und synästhetisch. „Alles, was man nicht im Bett tun kann, braucht man gar nicht erst anzufangen“, soll Groucho Marx gesagt haben. Sex, Geburt, Tod, Träumen, Schlafen, Herrschen: In <b>„Was im Bett geschah“</b> (Reclam, 24 Euro) erzählen die Archäologen <b>Nadia Durrani </b>und <b>Brian Fagan</b>, warum das Bett in allen Kulturen der Menschheitsgeschichte auch ein politischer Ort war – unterhaltsame Lektüre für einen entspannten Urlaub in der Horizontalen. Eva-Maria Manz

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Wolfgang Rihm, 70-Jahr-Jubilar des Jahres 2022, ist nicht nur (hoch-)begabt zum Komponieren, sondern auch zu treuer Freundschaft, und einer solchen verdanken sich zwei gelungene Geburtstagsbücher. <b>Eleonore Bünings „Über die Linie“</b> (Benevento-Verlag, 24 Euro) durchschreitet Vita, Werk und die großen Lebensthemen Rihms, ein Bändchen von <b>Lotte Thaler </b>(<b>„Alles kommt ans Licht“</b>, Wolke-Verlag, 9,50 Euro) bietet quicklebendige Interviews. In beiden Bänden fallen einem Sätze Rihms entgegen, die sich eingraben. „Nur ein ungebundener Geist, ein unbändiger, ist Komponist“, liest man bei Büning (die ebenfalls unbändig ist). Und bei Thaler beschreibt er den idealen Zuhörer: „Ich erwarte nicht grundsätzlich Bestätigung, ich erwarte das Gegenüber mit der eigenen Stimme.“ Darüber und über einen der schillerndsten Kunst-Menschen unserer Tage lässt sich auch sinnieren, während man am Strand den Wellen lauscht. Susanne Benda

Diese Bücher müssen mit in den Urlaub

Weil<b> Fjodor Dostojewski </b>2021 seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte, sind seine Werke omnipräsent auf den Spielplänen 2021/2022. Wie lustig es da auch mal zugeht, hat Oliver Frljic im Schauspielhaus Stuttgart mit seiner Inszenierung des Romans „Schuld und Sühne“ gezeigt. Auch in <b>„Aufzeichnungen aus einem toten Haus“</b>, bitte in der Neuübersetzung von Barbara Conrad (Hanser, 36 Euro) lesen, ist das so. Der adelige Ich-Erzähler berichtet von seinem Aufenthalt im Lager in Sibirien in vielen hoffnungslosen, aber auch warmherzigen, heiteren Szenen. Wer sich noch nicht an diese Werke menschlicher Düsternis traut – als Einstieg lohnt <b>„Der Idiot“</b>, in der Übersetzung von Swetlana Geier (Fischer-Taschenbuch, 17 Euro) oder als Theaterfassung am Thalia in Hamburg: jede Menge sympathische Wirrköpfe, Ohnmachtsanfälle, verrückt schöne Szenen. Größer als das Leben. Nicole Golombek