Judas Priest in Stuttgart

Eine Audienz beim Metal-Gott

Der Sänger Rob Halford (70) hat mit seiner Band Judas Priest in der Schleyerhalle eine grandiose musikalische Zeitreise inszeniert.

Metal-Folklore mit einer Legende: der Judas Priest-Sänger Rob Halford in Stuttgart.

© Lichtgut/Christoph Schmidt

Metal-Folklore mit einer Legende: der Judas Priest-Sänger Rob Halford in Stuttgart.

Von Bernd Haasis

Da steht er kurz vor Schluss mit seinem weißen Rauschebart und der mantellangen Kutte über dem Pailetten-Anzug, die Hände hinter dem Rücken verschränkt; er lauscht und nickt ab und zu wohlwollend wie ein Chorleiter bei einer Aufnahmeprüfung, während in der prallvollen Stuttgarter Schleyerhalle aus tausenden Kehlen der Refrain des Gassenhauers „Living after Midnight“ erklingt.

Rob Halford, 70 Jahre alt, Vorsteher der britischen Metal-Formation Judas Priest und eine lebende Legende, gewährt seinen Fans zum 50-Jahr-Jubiläum der Band noch einmal eine Audienz – und was für eine. Seine das Genre prägende Stimme ist noch erstaunlich gut intakt, vom kehligen Männergesang bis zum schneidenden Falsett; kleine Krächzer und Aussetzer sieht man ihm gerne nach.

Eine Huldigung an Black Sabbath

Das Programm ist eine gut durchdachte Zeitreise durch das Genre, optisch in Szene gesetzt mit dem über der Bühne schwebenden Priest-Dreizack und vielen Licht-Effekten. Vor „Living after Midnight“ steht im Zugabenblock „Breaking the Law“, der andere Mitsing-Hit vom Album „British Steel“ (1980). Es erschien, als junge Bands der „New Wave of British Heavy Metal“ wie Iron Maiden und Saxon das Genre für kurze Zeit zum Mainstream machten und Altvordere wie Judas Priest und Motörhead zu ihren Flaggschiffen wurden.

Ein anderer Block widmet sich der Zeit davor, als Priest mit „Unleashed in the East“ (1979) das vielleicht härteste Live-Album der damaligen Zeit veröffentlichten – mit metallisierten Coversongs wie „The green Manalishi“ (Fleetwood Mac/Peter Green) und „Diamonds and Rust“ (Joan Baez); sie elektrisieren auch an diesem Abend mit ihrer Wucht und ihrer Ausdruckstiefe. Begonnen hat das Konzert mit einer Huldigung an die Metal-Gründerväter Black Sabbath, wie Judas Priest aus Birmingham – „War Pigs“ schallte da aus den Lautsprechern.

In manchen Passagen klingen die Gitarristen nach Priest

Neben Halfords Stimme waren die peitschenden Riffs und zweistimmigen Linien der Gitarristen Glenn Tipton und K. K. Downing ein Markenzeichen von Judas Priest. Downing verließ die Band 2010 im Streit, Tipton kann wegen einer Parkinson-Erkrankung nicht mehr touren. Nun gibt der Downing-Ersatz Richie Faulkner den Ton an und verschießt in schnellen, wenig markanten Soli sein Pulver, wo Tipton stets stilsicher Melodien im Ohr hatte. In manchen Passagen klingt die Rhythmus-Arbeit von Faulkner und seinem Kollege nach Priest – oft aber wirken sie wie Musiker in einer Priest-Coverband.

Eine Bank ist die Rhythmusgruppe. Der Original-Bassist Ian Hill (71) versteckt sich wie üblich in der rechten hinteren Bühnenecke und legt dort ein verlässliches Fundament. Der flinke Drummer Scott Travis, der 1990 zur Band stieß, moderiert „Painkiller“ an, den Titelsong des gleichnamigen Albums, mit dem Judas Priest sich neu erfanden, alte Fans irritierten und erneut zur Speerspitze der Metal-Bewegung wurden; Halford gibt alles, um seinen schrillen Sirenengesang von damals noch einmal hervorzukitzeln.

Halford hat dem Metal viel von seiner modischen Folklore geschenkt

„Priest, Priest, Priest“ rufen die überwiegend mitgereiften Fans, von denen viele schwarze Band-T-Shirts tragen. Sie fressen dem Sänger aus der Hand, wenn er ihnen Nachsing-Melodien vorgibt. Er wechselt gern die Kostüme, trägt ganz selbstverständlich Glitzernieten, Lederfummel, Ketten, Mützchen – Halford hat die modische Folklore des Metal nachhaltig beeinflusst. Vor „Hell bent for Leather“ fährt er, wie es die Tradition verlangt, mit einer fetten Harley auf die Bühne – und bleibt vorsichtshalber darauf sitzen, während er singt.

Als Halford sich 1998 endlich outete, war seine Homosexualität längst das offenste Geheimnis der Welt; die Metal-Gemeinde, deren Verurteilung er jahrzehntelang fürchtete, schloss ihn völlig selbstverständlich weiterhin in ihre Arme. Nicht wenige verehren Rob Halford als „Metal God“; in der aktuellen Coming-of-Age-Dramödie „Metal Lords“ auf Netflix ist er tatsächlich kurz als solcher zu sehen.

Rob Halford

© Lichtgut/Christoph Schmidt

Rob Halford

Rob Halford

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Rob Halford

Der Judas Priest-Dreizack

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Der Judas Priest-Dreizack

Rob Halford

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Rob Halford

Rob Halford

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Rob Halford

Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

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Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

© Lichtgut/Christoph Schmidt

Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

Judas Priest

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Judas Priest

Rob Halford

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Rob Halford

Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

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Gitarrist Richie Faulkner und Sänger Rob Halford

Gitarrist Richie Faulkner

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Gitarrist Richie Faulkner

Gitarrist Richie Faulkner (vorne) und Sänger Rob Halford

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Gitarrist Richie Faulkner (vorne) und Sänger Rob Halford

Rob Halford

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Rob Halford

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Erstellt:
24. Juni 2022, 01:58 Uhr

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