Buchtipps für Kinder

Große Themen für kleine Menschen

Lesenswert und nominiert: Ein Bilderbuch begleitet ein stotterndes Kind, eine Graphic Novel erzählt vom Aufwachsen mit einer drogenabhängigen Mutter.

Ob Weihnachten oder Geburtstagsparty: Der kleine Jarrett lernt, ohne seine Mutter klarzukommen.

© Loewe-Verlag/Jarrett J. Krosoczka

Ob Weihnachten oder Geburtstagsparty: Der kleine Jarrett lernt, ohne seine Mutter klarzukommen.

Von Andrea Kachelrieß

Den Klang der Wörter hat der Erzähler beim Aufwachen genau im Sinn. „Aber ich kann sie nicht sagen.“ Das Wort „Baum“ scheint im Mund Wurzeln zu treiben und die Zunge zu umzingeln; die „Krähe“ krallt sich im Rachen fest. Jordan Scott fühlt sich in seiner Annäherung an einen stotternden Jungen so sensibel ein in das beklemmende Vakuum, wenn sich Wörter im Mund verklumpen und nicht rauswollen, dass alle beim Lesen mitleiden.

„Ich bin wie der Fluss“ heißt Scotts Bilderbuch, das von der poetischen Kraft der Sprache erzählt. Sydney Smith schafft in seinen Illustrationen feine Stimmungen, welche die Nöte des Stotterers ebenso einfangen wie die erlösenden Momente: Da sind die kichernden Mitschüler, die hinter einem aquarellierten Schleier verschwinden, da ist ein Geflecht, das sich vor die Sicht des kleinen Erzählers schiebt, aber da ist auch die Natur, in der Vater und Sohn Trost suchen.

Wie das Wasser wirbeln die Wörter

Das Wasser, wie es wild wirbelt und sprudelnd vorwärtsdrängt, aber nach den Stromschnellen zur Ruhe kommt, wird zum Hoffnungsbild für den Erzähler. Mit dem Fluss vor Augen gelingt es ihm am nächsten Tag vor der Klasse, von seinem Lieblingsort zu erzählen. Wer „Ich bin wie der Fluss“ gelesen hat, wird beim Stottern anderer nie mehr kichern oder lachen. Dieses Buch, in dem Jordan Scott ein eigenes Kindheitstrauma verarbeitet, müsste Pflichtlektüre sein in einer Zeit, die bereits in der Grundschule Präsentieren und Debattieren so wichtig nimmt.

Eine schwierige Kindheit als Comic-Buch

An ältere Kinder wendet sich Jarrett J. Krosoczka in seiner Graphic Novel „Hey Kiddo!“. Dass auch für dieses Comic-Buch eigene Erfahrungen Ausgangspunkt sind, macht bereits der Untertitel klar: „Wie ich meine Mutter verlor, meinen Vater fand und mit Drogensucht in meiner Familie klarkommen musste“, lautet er. Kleinformatige Zeichnungen geben Krosoczkas Comic-Autobiografie den Anschein eines Fotoalbums. Wie Filmstills, manchmal nah auf Menschen und Mimik herangezoomt, ist die Erzählung angelegt: „Ja“, wie die Großeltern Jarrett nennen, kennt den eigenen Vater nicht; die Mutter, ein Heroinjunkie, verbringt die meiste Zeit in Gefängnis und Bewährungsreinrichtungen, mit Entzug und Rückfällen. Obwohl Großeltern und Freunde dem Erzähler Halt geben, tun sich in seinem fast normalen, heiteren Leben immer wieder albtraumhafte Abgründe auf und lassen zumindest ahnen, was ein Aufwachsen ohne Eltern und ein Verstoßenwerden von der eigenen Mutter mit einem Kind machen.

Im Fall des Illustrators Jarrett J. Krosoczka, der, wie er notiert, erst zeichnete, um der Familie zu gefallen, dann, um andere zu beeindrucken, wird die Kunst zum Motor für ein selbstbestimmtes, sinnhaftes Leben. „Jetzt, als Teenager, füllte ich Block um Block, um einfach nur klarzukommen. Um zu überleben“, heißt es an einer Stelle von „Hey, Kiddo!“. Briefe, Zeitungsausschnitte und andere Dokumente, im Original eingefügt und im Anhang des Buchs übersetzt, geben diesem Bericht eine sehr persönliche Farbe.

Beide Bücher sind zu Recht für Auszeichnungen nominiert: „Ich bin wie der Fluss“ für den Deutschen Jugendbuchpreis 2022, „Hey, Kiddo!“ für den National Book Award.

Info

Bilderbuch Jordan Scott, Sydney Smith (Illustr.): Ich bin wie der Fluss. Aladin-Verlag, 44 Seiten, 18 Euro. Ab 5

Comic-Buch Jarrett J. Krosoczka: „Hey Kiddo!“. Loewe-Verlag, 320 Seiten, 18 Euro. Ab 12

Jordan Scott, Sydney Smith: Ich bin wie der Fluss. Aladin-Verlag, 44 Seiten, 18 Euro. Ab 5

© Aladin-Verlag/Sydney Smith

Jordan Scott, Sydney Smith: Ich bin wie der Fluss. Aladin-Verlag, 44 Seiten, 18 Euro. Ab 5

Beklemmender Moment in der Schule, wenn die Wörter nicht rauswollen: Das Buch beeindruckt mit einfühlsamen Situationen, für die Sydney Smith entsprechende Bilder findet.

© Aladin-Verlag/Sydney Smith

Beklemmender Moment in der Schule, wenn die Wörter nicht rauswollen: Das Buch beeindruckt mit einfühlsamen Situationen, für die Sydney Smith entsprechende Bilder findet.

Am Fluss sucht der Junge mit seinem Vater Trost – und findet die Kraft für den nächsten Tag. Das Buch von Jordan Scott und Sydney Smith ist in der Kategorie Bilderbuch für den Deutschen Jugendbuchpreis 2022 nominiert.

© Aladin-Verlag/Sydney Smith

Am Fluss sucht der Junge mit seinem Vater Trost – und findet die Kraft für den nächsten Tag. Das Buch von Jordan Scott und Sydney Smith ist in der Kategorie Bilderbuch für den Deutschen Jugendbuchpreis 2022 nominiert.

Jarrett J. Krosoczka: „Hey Kiddo!“. Loewe-Verlag, 320 Seiten, 18 Euro. Ab 12

© Loewe-Verlag/Jarrett J. Krosoczka

Jarrett J. Krosoczka: „Hey Kiddo!“. Loewe-Verlag, 320 Seiten, 18 Euro. Ab 12

Jarretts Mutter ist drogensüchtig, deshalb wächst er bei den Großeltern auf – und wird nachts von Albträumen geplagt.

© Loewe-Verlag/Jarrett J. Krosoczka

Jarretts Mutter ist drogensüchtig, deshalb wächst er bei den Großeltern auf – und wird nachts von Albträumen geplagt.

Mit Originalbriefen und -dokumenten gibt der Illustrator der Geschichte seiner eigenen Kindheit eine persönliche Farbe.

© Loewe-Verlag/Jarrett J. Krosoczka

Mit Originalbriefen und -dokumenten gibt der Illustrator der Geschichte seiner eigenen Kindheit eine persönliche Farbe.

Wie ist es, wenn die Mutter immer fehlt? Wenn man sie in Drogeneinrichtungen besuchen muss? Jarrett J. Krosoczka sucht nach Bildern für die Enttäuschungen in einem jungen Leben.

© Loewe-Verlag/Jarrett J. Krosoczka

Wie ist es, wenn die Mutter immer fehlt? Wenn man sie in Drogeneinrichtungen besuchen muss? Jarrett J. Krosoczka sucht nach Bildern für die Enttäuschungen in einem jungen Leben.

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Erstellt:
18. Juli 2022, 10:16 Uhr

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