Staatsoper Stuttgart

Helene Schneiderman gibt zum Abschied ordentlich Wumms

Nach 38 Jahren verabschiedet sich die Sängerin Helene Schneiderman aus dem Ensemble der Stuttgarter Staatsoper. Ihr Solo im Finale am Eckensee: grandios!

Helene Schneiderman

© Sigmund.com/Martin Sigmund

Helene Schneiderman

Von Tim Schleider

Zwei Abschiede muss Opernintendant Viktor Schoner am Montagabend vor Beginn der Vorstellung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in dem ausverkauften Haus ankündigen. Ein letztes Mal wird Ulrich Hermann im Orchestergraben das Fagott spielen – nach 27 Jahren Tätigkeit im Staatsorchester. Und ein letztes Mal wird die Sängerin Helene Schneiderman als festes Ensemblemitglied der Oper auf der Bühne stehen – nach 38 Jahren. Über diese lange Zeit sei sie nicht nur Künstlerin und geschätzte Kollegin für viele geworden, so Schoner, sondern auch eine „Humanistin“ in der Stadtgesellschaft. Weswegen sich an diesem Abend im Großen Haus nicht nur die Opernfreunde der Abo-Reihen 55 und 201 versammelt haben, sondern auch Familie und Freunde aus aller Welt, nebst manch bekanntem Gesicht aus besagter Stadtgesellschaft.

Das Haus hat Spirit

Irgendwas Besonderes muss wohl doch in diesem Staatstheater stecken; die US-Amerikanerin Schneiderman nennt es vielleicht „spirit“ – und dieses Gemeinsame grundiert die gesamte nun folgende Aufführung. Mit gut dreieinhalb Stunden geht so ein „Figaro“ ja nicht eben flugs über die Bühne. Aber wenn das Orchester (Leitung: Christopher Moulds) so dynamisch und zupackend und die Sängerinnen und Sänger so beseelt und spielfreudig bei der Sache sind wie hier, dann vergeht vor lauter Wumms nicht nur die Zeit wie im Fluge, sondern man kommt als Zuschauer auch mühelos über die Deutungsklippen der spätestens gegen Ende etwas überkomplexen Inszenierung hinweg.

Und mittendrin die Schneiderman als Marcellina, jener ollen Schachtel, die dem Figaro einen alten Schuldschein nebst Eheversprechen unter die Nase hält, sich zum Glück aber im 3. Akt als dessen Mutter entpuppt, weswegen diese Heirat immerhin vom Tisch wäre. Das Ensemble schenkt Schneiderman aber nicht nur diese wunderbar dichte Aufführung, sondern mittendrin als Bonus einen Solo-Auftritt: Mitten in Figaros Party wechselt die Musik zackig von Mozart zu Leonard Bernstein, und die kulturell-migrantisch so vielfältig gemixte Schneiderman singt den sehr schmissigen Song „I am easily assimilated“ aus dem Musical „Candide“. Da kann man nicht anders: Das Publikum jubelt, und das geht so laut und von Herzen halt nur im Stehen. Große Kunst von allen an einem großen Abend.

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Erstellt:
5. Juli 2022, 18:42 Uhr
Aktualisiert:
6. Juli 2022, 08:56 Uhr

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