Filmfestival in Cannes

Baz Luhrmanns „Elvis“ sorgt für Pomp und Pracht

Zwei Männer als Babyhändler, eine fast symbiotischen Freundschaft und der King of Rock ‚n’ Roll – der Wettbewerb in Cannes bringt einige sowohl hochkarätige als auch außergewöhnliche Beiträge auf die Leinwand.

War doch klar – der King lebt: Austin Butler in der Rolle des Elvis  Presley in

© Cannes Filmfestival/ Cannes Filmfestival

War doch klar – der King lebt: Austin Butler in der Rolle des Elvis Presley in

Von Patrick Heidmann

Im Endspurt hat sich Festival von Cannes in diesem Jahr noch einmal wirklich ins Zeug gelegt, sowohl was Spektakel als auch die Qualität der Wettbewerbsbeiträge angeht. Für ersteres war der australische Regisseur Baz Luhrmann zuständig, der von Pomp und Pracht – siehe „Moulin Rouge!“ oder „The Great Gatsby“ – einiges versteht. Bei keinem Film war dieses Jahr an der Croisette der Ansturm so groß wie zur außer Konkurrent gezeigten Weltpremiere seines Biopics „Elvis“; als Gäste kamen neben der Witwe des Titelhelden, Priscilla Presley, auch Popstars wie Kylie Minogue, Shakira, Ricky Martin oder die Vorjahres-Eurovision-Gewinner Måneskin, die sogar auf dem Soundtrack vertreten sind.

Ansturm auf „Elvis“

Der Film selbst, der recht wahrheitsgetreu Presleys außergewöhnliches Leben und nicht zuletzt von der Ausbeutung durch seinen Manager Colonel Parker (gegen den Strich besetzt mit Tom Hanks) erzählt, brachte einen Energieschub sondergleichen ins Festival, der sich nicht nur dem Rock’n’Roll verdankte, sondern Luhrmanns gewohnt rastloser und prunkvoller Inszenierung. „Elvis“, der Ende Juni auch in die deutschen Kinos kommt, ist in Gold und Glitzer gegossenes Adrenalin für alle Sinne, und der bislang vor allem als Teenie-Star bekannte Austin Butler in der Hauptrolle liefert als Elvis eine Tour de Force ab, die nicht zuletzt auch stimmlich und tänzerisch überzeugt.

Sehr viel mehr Feinsinn statt Oberfläche war in „Broker“ angesagt, dem neuen Film des japanischen Cannes-Gewinners Hirokazu Koreeda. Nach einem Abstecher nach Frankreich zieht es ihn dieses Mal nach Südkorea, wo er eine Geschichte erzählt, die zunächst reißerisch klingt. Zwei Männer wollen ein an einer Babyklappe anonym abgegebenes Kind an adoptionswillige Eltern verkaufen, doch der Plan entwickelt sich anders als geplant. Nicht nur müssen sie bald die junge Mutter an ihrem Geschäft beteiligen und sich um einen Jungen aus einem Waisenhaus kümmern, sondern haben bald auch sowohl zwei ehrgeizige Polizistinnen als auch einige Gangster an den Fersen.

Sentimentaler Roadtrip

Was klingt wie ein krude konstruierter Thriller entpuppt sich als zarter, manchmal auch sentimentaler Roadtrip, der gleichermaßen eine Abhandlung über selbst gewählte, aber auch abwesende Familien ist. Thematisch ist das nach dran an Koreedas großem Erfolg „Shoplifters“, für den es 2018 die Goldene Palme gab. Ganz so stark und emotional überwältigend ist „Broker“ nun nicht. Aber rührender und empathischer war im Wettbewerb sonst kaum ein Film.

Echte Chancen auf die diesjährige Palme, die am heutigen Samstagabend verliehen wird, hat derweil „Close“, der erst zweite Spielfilm des 31-jährigen Belgiers Lukas Dhont. Mit viel Feingefühl widmet er sich hier der fast symbiotischen Freundschaft von Léo (herausragend: Eden Dambrine) und Rémi (Gustav de Waele) und einer im Spannungsfeld von Brüderlichkeit und Erotik noch gänzlich undefinierten Nähe und Zärtlichkeit. Womöglich zwangsläufig kann eine solche Beziehung das Einsetzen der Pubertät nicht ohne gravierende Veränderungen überstehen, hier nimmt sie schließlich eine besonders tragische Wendung. Dhont inszeniert das auf so emotional wie visuell bezwingende, dichte und herzzerreißende Weise, dass einem im Kino mitunter der Atem stockte. Und die Tränenflüsse immer wieder kaum zu stoppen waren.

Echte Chancen auf die Palme: „Close“

Dass „Close“ am Ende ohne Preis nach Haus gehen wird, kann sich zum Festivalende kaum jemand vorstellen. Doch auch Park Chan-wooks „Decision to Leave“, „Holy Spider“ von Ali Abbasi, das Sozialdrama „Tori & Lokita“ der Dardenne-Brüder oder das iranische Familiendrama „Leila’s Brothers“ von Saeed Roustayi werden zu den Favoriten gezählt. Und die amerikanische Regisseurin Kelly Reichardt, die am Freitagabend noch ihre humorvolle Künstlerinnen-Biografie „Showing Up“ mit Michelle Williams ins Rennen schickte, würde sicherlich ebenfalls gerne noch ein Wörtchen mitreden. Schon alleine weil sie, wie man hört, noch in ihrem Hotelzimmer in Cannes an der letzten Schlussfassung gearbeitet hat.

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Erstellt:
27. Mai 2022, 16:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Mai 2022, 16:06 Uhr

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