„Wie viel“ von Mareice Kaiser

Über die toxische Beziehung zu Geld

Vom Pfandsammler bis zur Millionenerbin: In Mareice Kaisers Buch „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ spricht die Autorin mit Menschen, die sehr viel oder sehr wenig Geld haben. Und mit Menschen, die sich irgendwo dazwischen befinden. Am Ende stellt sie die Frage: Wie kann Geld gerechter verteilt werden?

Mareice Kaiser beschäftigt sich in ihren Texten mit sozialer Ungleichheit.

© Rowohlt Verlag/Oğuz Yılmaz

Mareice Kaiser beschäftigt sich in ihren Texten mit sozialer Ungleichheit.

Von Ina Schäfer

Einen Hunderter macht Erwin Husel im Monat mit seinem Job. Der Job: Pfandflaschen sammeln in Berlin-Kreuzberg. „Haben oder nich’ haben“, sagt er. Husel ist 85 Jahre alt und Rentner. Von den 800 Euro Rente bleibt nicht viel übrig, deshalb fährt er seit 15 Jahren mit einem alten Fahrrad durch seinen Kiez und sammelt, was er an Flaschen finden kann, in einer großen Aldi-Tragetasche.

Husel ist einer von acht Personen, die Mareice Kaiser in ihrem neuen Buch „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ porträtiert. Die Journalistin und Autorin begleitet ihre Protagonistinnen und Protagonisten und spricht mit ihnen über ihre finanzielle Situation – über die eigene Geschichte, die Beziehung zu Geld, was sie sich leisten können und was nicht.

Je mehr Geld, desto weniger sprechen die Menschen darüber

Über Geld zu reden ist noch immer ein Tabu. Wie viel wir in unserem Job verdienen, erzählen wir häufig nicht einmal unseren engsten Freunden. Was Kaiser bei ihrer Recherche gemerkt hat: Je mehr Geld, desto weniger sprechen die Menschen darüber.

Husel wohnt in ihrer Nachbarschaft. Als Kaiser ihn anspricht, und fragt, ob sie ihn für ihr Buch begleiten könne, sagt er: „Ja, erzählen Sie den Leuten mal meine Geschichte.“ Menschen mit wenig Geld zu finden, die über ihre Situation sprechen möchten, sei nicht schwierig gewesen, sagt Kaiser.

Am anderen Ende des Geldspektrums steht Marlene Engelhorn. „Menschen ohne Geld reden die ganze Zeit über Geld, während Reiche es nicht tun“, sagt auch sie. Dass sie über Geld spricht liegt daran, dass sie vor einiger Zeit die Initiative „Tax me now“ gegründet hat, die sich dafür einsetzt, Vermögende zu besteuern. Vermögende wie sie. Engelhorn hat einen zweistelligen Millionenbetrag geerbt. Sie selbst findet es ungerecht, dass sie Geld bekommt, für das sie nie gearbeitet hat.

Die Bücher erzählen etwas über die Autorin

Erbschaften und Schenkungen machen heute die Hälfte des gesamten Vermögens in Deutschland aus, schreibt Kaiser in ihrem Buch. Erben macht die Reichen immer reicher. Engelhorn will dazu beitragen daran etwas zu ändern.

Kaisers Sachbücher erzählen auch immer etwas über die Autorin selbst. In „Alles inklusive“ geht es um das Leben mit ihrer Tochter, die mit einem seltenen Chromosomenfehler zur Welt kam und im Alter von vier Jahren starb. Anhand des Beispiels ihrer Familie schlägt sie darin den Bogen zu Debatten um Inklusion. In „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ erörtert Kaiser – ebenfalls anhand ihrer eigenen Geschichte – das aktuelle Mutterideal.

Interview mit dem Vater

Und so baut auch ihr aktuelles Buch auf persönlichen Erfahrungen auf, indem Kaiser ihre eigene Beziehung zu Geld offenlegt. „Ich hasse Geld – und ich will es haben“, beschreibt die Autorin ihr toxisches Verhältnis zu allem, was mit Finanzen zu tun hat.

Geld habe, so schreibt sie, in ihrer Kindheit immer eine Rolle gespielt. Vor allem die Knappheit des Geldes in ihrer Familie. Ihr Vater arbeitet als LKW-Fahrer, ihre Mutter hat nach vielen Jahren unbezahlter Care-Arbeit eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht. Mareice war ihr drittes Kind. „Du als drittes Kind hast uns den Weg bereitet, ein Sozialfall zu werden“, sagt ihr Vater. Das letzte Interview im Buch führt sie mit ihm. Er sei der Mensch, den sie am meisten mit Geld verbinde.

Mit jedem Gespräch kommt Kaiser in ihrem Buch der Frage näher, wie Geld in unserer Gesellschaft verteilt ist und wie viel diese Verteilung mit Gerechtigkeit zu tun hat. Am Ende fordert Kaiser eine sozialpolitische Zeitenwende, eine Anpassung des Sozialsystems an die Realität. „Denn seit Jahren – und durch die Inflation noch mehr – reicht das nicht, was die Politik als ‚Existenzminimum’ formuliert“, schreibt sie.

Kaiser ist vor allem durch die sonst so seltenen Einblicke in fremde Geldbeutel und nicht zuletzt durch ihre eigene extreme Offenheit ein lesenswertes Buch gelungen. Auch wenn die Erfüllung ihrer am Ende formulierten Visionen für eine gerechtere Welt in einer, so darf befürchtet werden, fernen Zukunft liegen.

Mareice Kaiser: Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht. Rowohlt, 208 Seiten, 17 Euro.

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Erstellt:
24. November 2022, 14:12 Uhr
Aktualisiert:
24. November 2022, 14:34 Uhr

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