Serien-Expertin Julia Fidel

Was deutsche Serien von Skandinavien lernen können

Julia Fidel ist die Serien-Expertin der Berlinale. Im Interview verrät, wieso skandinavische Serien so erfolgreich sind, was oft der Fehler deutscher Serien ist und ob der Serienboom womöglich bald vorbei ist.

Julia Fidel bei der Berlinale-Premiere der Serie „Der Schwarm“

© Berlinale/Stefanie Schmid Rincon

Julia Fidel bei der Berlinale-Premiere der Serie „Der Schwarm“

Von Gunther Reinhardt

Nach der Berlinale ist vor der Berlinale. Julia Fidel, die seit 2019 Leiterin der TV-Serien-Reihe der Internationalen Filmfestspiele in Berlin ist, wird demnächst schon wieder beginnen, nach tollen Serien für die Berlinale 2024 Ausschau zu halten. Im Interview spricht sie über Trends, Erfolgsrezepte und Gefahren auf dem Serienmarkt.

Frau Fidel, die Serien-Reihe der Berlinale gibt es seit 2015. In diesem Jahr wurde die Reihe noch durch einen eigenen Wettbewerb aufgewertet.

Wir waren tatsächlich die ersten, die sich eine Serien-Sektion erlaubt haben. Und wir sind auch jetzt wieder die ersten. Es gibt zwar Serien-Festivals, die Preise verleihen. Aber dass man bei einem großen Filmfestival sagt, man gibt Serien einen prominenten Platz und zeichnet dann auch eine*n Gewinner*in aus, das machen bisher nur wir.

Wie kam es zur Entscheidung, nun auch einen Serien-Wettbewerb zu veranstalten?

Das war etwas, das auch schon meine Vorgängerin überlegt hatte. Als ich angefangen habe, gab es erst einmal andere wichtige Themen. Dann kam Corona, und wir hatten einige Zeit zum Nachdenken. Jetzt findet das Festival erstmals wieder in bekannter Form statt, und das war eine gute Gelegenheit, das zu verwirklichen. Ein Wettbewerb gibt dem ganzen Programm noch mal eine andere Dramaturgie.

Die ZDF-Serie „Der Schwarm“ hat den Wettbewerb eröffnet. Die Adaption des Öko-Thrillers von Frank Schätzing lief allerdings außer Konkurrenz.

„Der Schwarm“ ist eine besondere Serie, ein Riesenprojekt, das so in Europa einzigartig ist. Wir wollten ihr einen besonderen, prominenten Platz geben und das feiern, deshalb haben wir am Sonntag damit eröffnet und drei Episoden gezeigt, weil das für uns erzählerisch am stimmigsten war. Da für den Award aber einheitliche Regeln gelten sollen und Eröffnungsserien immer ein bisschen anders sind, fanden wir „außer Konkurrenz“ am stimmigsten.

Und wie wählt man aus der Vielzahl der Serien, die ständig produziert werden, sieben aus, die im Wettbewerb laufen dürfen?

Es gibt Serien, die wir wirklich gerne einladen oder zeigen würden, bei denen es aber zeitlich nicht passt, weil sie zu früh oder zu spät für uns starten. Das ist bei Serien tatsächlich schwieriger als bei Filmen, die schneller mal verschoben werden können. Und darüber hinaus versuchen wir beim Programm ein möglichst großes Fenster möglichst weit aufzumachen. Dass man eben nicht nur relativ kommerzielle Serien einlädt, sondern im Sinne des „Festival-Auftrags“ auch das findet, was im besten Sinne Arthouse ist. Auch möglichst viele verschiedene Erzähltraditionen aus unterschiedlichen Ländern sind uns ein Anliegen. Und wenn man 200 Serien sichtet, ist der Faktor Überraschung und Innovation nicht zu unterschätzen. Es muss nicht immer alles perfekt sein, aber wenn es gar nicht überrascht, ist es manchmal schwierig, sich zu begeistern.

Angesichts der Tatsache, dass Ihnen Vielfalt so wichtig ist, ist interessant, dass Sie zwei skandinavische Serien im Programm haben.

Ja, die skandinavischen Serien scheinen fast schon gesetzt, 2021 hatten wir sogar drei im Programm. Ich werde oft gefragt, ob das ein Trend ist. Aber das ist es aus meiner Sicht nicht, es ist ein etabliertes Erfolgsmodell – es gibt in vielen skandinavischen Ländern eine unheimlich gute Infrastruktur und die richtige Einstellung, die richtigen Produzentinnen und Produzenten, die dann auch genügend Freiraum geben für ihre Autorinnen und Autoren.

Da kann Deutschland noch viel von lernen.

Ich glaube, man kann gar nicht mehr so richtig über „deutsche Serien“ sprechen, weil es so viele internationale Koproduktionen gibt und so viele unterschiedliche Adressaten. Und die Streamer, aber auch die Sender, für wahnsinnig viel Veränderung gesorgt haben in den letzten Jahren. Aber ich würde schon sagen, dass es in Skandinavien eine größere Bereitschaft gibt, Risiken einzugehen und vor allem auch eine individuelle Stimme so zu lassen, wie sie ist.

Das gilt vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender.

Ich glaube schon, dass wir da noch vorsichtiger sind, dass man sich weniger traut, für Nischen zu produzieren. In Skandinavien hat man da einen anderen Ansatz. Wenn es nicht außergewöhnlich ist, dann hat es keine Chance auf dem internationalen Markt. Dadurch, dass wir in Deutschland so lange rein für den deutschen Markt produzieren konnten, weil der so groß ist, haben wir einfach noch immer eine sehr nationale Struktur.

Im Wettbewerb liefen auch Serien aus China und Indien.

Wir sind jedes Jahr auf der Suche nach Produktionsländern, die wir noch nie eingeladen haben. Von unserem Asien-Delegierten wurde uns diese chinesische Serie zugeschickt und wir waren vollkommen angetan. Und aus Indien kam zuletzt sehr viel, da ist ganz viel passiert. Wir hatten sogar den Luxus, unsere Lieblingsserie aus dem großen indischen Angebot rauszusuchen. Das war „Dahaad“, eine total außergewöhnliche Serie, die auch das Land, in dem sie spielt, kritisch betrachtet und dabei eine sehr, unterhaltsame, spannende Genre-Geschichte erzählt.

Noch einmal zurück zu dem Überangebot an Serien. Gibt es da vielleicht schon eine Übersättigung?

Wir sprechen schon seit Jahren davon, dass es eine Konsolidierungsphase gibt. Es kommen ja weiterhin neue Streamingdienste auf den Markt, dann gibt es dadurch einen Wettlauf, bei dem alle erst mal ganz groß aufschlagen wollen – und gleich mal eine Riesenzahl neuer deutscher Originals melden. Inzwischen aber hat die gesamte Branche bemerkt, dass dieser Wettlauf ein Marathonlauf ist, den nicht jede*r zu Ende bringt. Man merkt dass die Budgets jetzt nicht weiter wachsen und auch die Anzahl der Projekte nicht mehr. Wenn es aber gelingt, sich auf die bestehende Anzahl an Projekten besser zu konzentrieren, kann das am Ende auch den Produktionen gut tun – ich hoffe sehr und rechne eigentlich damit, dass wir eine Steigerung der Qualität und vor allem der Originalität erwarten dürfen!

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Erstellt:
27. Februar 2023, 14:26 Uhr

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