Shortlist Deutscher Buchpreis

Welcher ist der beste Roman des Jahres?

Schnösel, Dschinns und dicke Mütter: Die sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis stehen fest. Wir stellen ihre Werke vor.

Auserwählt: Fatma Aydemir, Eckhart Nickel, Kristine Bilkau, Jan Faktor, Daniela Dröscher und Kim de l’Horizon (von links oben im Uhrzeigersinn).

© Imago/dpa

Auserwählt: Fatma Aydemir, Eckhart Nickel, Kristine Bilkau, Jan Faktor, Daniela Dröscher und Kim de l’Horizon (von links oben im Uhrzeigersinn).

Von Stefan Kister

Man neigt dazu, vereinheitlichen zu wollen, Gemeinsamkeiten zu entdecken oder zu forcieren, wo keine sind. Die sechs Romane, von denen einer zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober den Deutschen Buchpreis erhalten wird, haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Im Gegenteil, sie verschaffen jeder auf seine Weise dem Abweichenden und Verschiedenen Raum. Aber vielleicht liegt gerade darin ihre Gemeinsamkeit.

Die Karriere des Deutschen Buchpreises begann 2005 mit einem Roman, dessen Autor bis dahin nur Insidern ein Begriff war: Arno Geiger. Auch dieses Mal geht ein Debüt ins Rennen um die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung. Wie schon im letzten Jahr bleiben die größeren Verlage unter sich. In ohnehin schwierigen Zeiten für die Branche ist das ein nicht unproblematisches Signal. Dafür steht zum ersten Mal eine non-binäre schreibende Person auf der Liste, neben drei Autorinnen und zwei Autoren. In unserer Bildergalerie stellen wir ihre Werke kurz vor.

<b>Kristine Bilkau: Nebenan. Luchterhand.  288 Seiten, 22 Euro. </b>Die Mittelschicht hat Angst. Wovor, erzählt Kristine Bilkau in ihren Romanen. In „Nebenan“ tröstet sich eine aufs Land gezogene Großstädterin mit den Mutterwelten eines digitalen Neobiedermeiers über den eigenen unerfüllten Kinderwunsch hinweg. Doch Seite an Seite wohnt das Unheimliche. Im Haus nebenan ist eine Familie verschwunden, und irgendwann steht ein rätselhaftes Kind im Nachbargarten. Was Bilkaus Figuren umtreibt, ist die Furcht, dass die heitere Seifenoper, als die man sich das eigene Leben wünscht, in einen jener Romane abrutschen könnte, wie sie die  Hamburger Autorin immer meisterlicher  schreibt.

© (c) Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Muenchen

<b>Kristine Bilkau: Nebenan. Luchterhand. 288 Seiten, 22 Euro. </b>Die Mittelschicht hat Angst. Wovor, erzählt Kristine Bilkau in ihren Romanen. In „Nebenan“ tröstet sich eine aufs Land gezogene Großstädterin mit den Mutterwelten eines digitalen Neobiedermeiers über den eigenen unerfüllten Kinderwunsch hinweg. Doch Seite an Seite wohnt das Unheimliche. Im Haus nebenan ist eine Familie verschwunden, und irgendwann steht ein rätselhaftes Kind im Nachbargarten. Was Bilkaus Figuren umtreibt, ist die Furcht, dass die heitere Seifenoper, als die man sich das eigene Leben wünscht, in einen jener Romane abrutschen könnte, wie sie die Hamburger Autorin immer meisterlicher schreibt.

<b>Jan Faktor: Trottel. Kiwi. 400 Seiten, 24 Euro.</b> „Was ist der Grund für meine gute Laune – einfach alles“, heißt es auf der ersten Seite dieses Romans, dessen Titel auf eine launige Spielart des Schelmengenres verweist: „Ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann?“ Mit dieser Frage beginnt eine Reise über die Abgründe eines sozialistischen Absurdistans, die der ehemalige tschechische, später Ostberliner Dissident Jan Faktor mit für Skurrilitäten aller Art aufgeschlossenem Witz so waghalsig überbrückt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.

© Verlag

<b>Jan Faktor: Trottel. Kiwi. 400 Seiten, 24 Euro.</b> „Was ist der Grund für meine gute Laune – einfach alles“, heißt es auf der ersten Seite dieses Romans, dessen Titel auf eine launige Spielart des Schelmengenres verweist: „Ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann?“ Mit dieser Frage beginnt eine Reise über die Abgründe eines sozialistischen Absurdistans, die der ehemalige tschechische, später Ostberliner Dissident Jan Faktor mit für Skurrilitäten aller Art aufgeschlossenem Witz so waghalsig überbrückt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt.

<b>Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Kiwi. 448 Seiten, 24 Euro. </b>Die Mutter und die Geschichte, die Daniela Dröscher über sie erzählt, sprengen den Rahmen, in den weibliche Körper auch in der Literatur üblicherweise eingepasst werden. Das gilt nicht nur für die Klassen-Perspektive auf die Verhältnisse in der pfälzischen Provinz der gar nicht so fernen achtziger Jahre. Es gilt auch für die Körperfülle. Und wer nun glaubt, schmunzeln zu können, dem werden in diesem aus der Sicht eines sechsjährigen Kindes geschilderten Memoir die Augen aufgehen über das, was Schönheitswahn und patriarchale Gewalt anrichten können.

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<b>Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Kiwi. 448 Seiten, 24 Euro. </b>Die Mutter und die Geschichte, die Daniela Dröscher über sie erzählt, sprengen den Rahmen, in den weibliche Körper auch in der Literatur üblicherweise eingepasst werden. Das gilt nicht nur für die Klassen-Perspektive auf die Verhältnisse in der pfälzischen Provinz der gar nicht so fernen achtziger Jahre. Es gilt auch für die Körperfülle. Und wer nun glaubt, schmunzeln zu können, dem werden in diesem aus der Sicht eines sechsjährigen Kindes geschilderten Memoir die Augen aufgehen über das, was Schönheitswahn und patriarchale Gewalt anrichten können.

<b>Kim de l’Horizon: Blutbuch. Dumont. 336 Seiten, 24 Euro. </b>Auch hier geht es um eine erdrückende Mutterbeziehung. Sie gerät in die Krise, nachdem sich der Körper meldet. Auf den Spuren unterdrückter Merkmale der eigenen Familiengeschichte macht sich die non-binäre Hauptfigur in „Blutbuch“ auf die Suche nach einer Identität, die sich allen Zuordnungen entzieht. Gegen alle Festschreibungen eröffnet dieser Text einen Zwischenraum der Freiheit.

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<b>Kim de l’Horizon: Blutbuch. Dumont. 336 Seiten, 24 Euro. </b>Auch hier geht es um eine erdrückende Mutterbeziehung. Sie gerät in die Krise, nachdem sich der Körper meldet. Auf den Spuren unterdrückter Merkmale der eigenen Familiengeschichte macht sich die non-binäre Hauptfigur in „Blutbuch“ auf die Suche nach einer Identität, die sich allen Zuordnungen entzieht. Gegen alle Festschreibungen eröffnet dieser Text einen Zwischenraum der Freiheit.

<b>Eckhart Nickel: Spitzweg. Piper. 256 Seiten, 22 Euro. </b>Erstaunlich, was bei Eckhart Nickel zusammenfindet: sprachlich akkurat aufgebügelte Schnöseldécadence, ästhetizistisches Partisanentum, etwas Wes Anderson und das Ganze  abgeschmeckt mit einem nicht zu knappen Schuss Feuerzangenbowle. Die jungen Leute, die sich hier für eine schulische Schamszene rächen, werfen mit Chopin-Platten um sich und extemporieren kunstgeschichtliche Impulsreferate. Auch so kann Neobiedermeier aussehen –  wie die cool-konservativen Revoluzzerposer dieser verspielten Künstlichkeitsetüde.

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<b>Eckhart Nickel: Spitzweg. Piper. 256 Seiten, 22 Euro. </b>Erstaunlich, was bei Eckhart Nickel zusammenfindet: sprachlich akkurat aufgebügelte Schnöseldécadence, ästhetizistisches Partisanentum, etwas Wes Anderson und das Ganze abgeschmeckt mit einem nicht zu knappen Schuss Feuerzangenbowle. Die jungen Leute, die sich hier für eine schulische Schamszene rächen, werfen mit Chopin-Platten um sich und extemporieren kunstgeschichtliche Impulsreferate. Auch so kann Neobiedermeier aussehen – wie die cool-konservativen Revoluzzerposer dieser verspielten Künstlichkeitsetüde.

<b>Fatma Aydemir: Dschinns. Hanser. 368 Seiten, 24 Euro.         </b>Dschinns sind unsichtbare Kräfte, die im Verborgenen  eine geheime Macht ausüben. Auch die Familie, deren Geschichte die  1986 in Karlsruhe geborene Fatma Aydemir in den Blick rückt, wird von ihnen heimgesucht:  zwei Generationen eines von Migration, Anpassung und Widerstand geprägten Lebens. Deren Schicksale liegen auch im blinden Fleck jener Mehrheitsgesellschaft, die im Buch ganz anders erscheint, als sie sich wohl gerne sehen würde. Dschinns gibt es überall.

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<b>Fatma Aydemir: Dschinns. Hanser. 368 Seiten, 24 Euro. </b>Dschinns sind unsichtbare Kräfte, die im Verborgenen eine geheime Macht ausüben. Auch die Familie, deren Geschichte die 1986 in Karlsruhe geborene Fatma Aydemir in den Blick rückt, wird von ihnen heimgesucht: zwei Generationen eines von Migration, Anpassung und Widerstand geprägten Lebens. Deren Schicksale liegen auch im blinden Fleck jener Mehrheitsgesellschaft, die im Buch ganz anders erscheint, als sie sich wohl gerne sehen würde. Dschinns gibt es überall.

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Erstellt:
20. September 2022, 18:32 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2022, 18:55 Uhr

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