Spannungen in Nahost

Auf dem Weg in einen großen Krieg

Die Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah spitzen sich zu, in Israel bereiten sich Bürger und Behörden bereits auf einen Krieg vor.

Hisbollah-Anführer Sayyed Hassan Nasrallah bei einer Videoansprache, die von Anhängern in Beirut verfolgt wird

© IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Marwan Naamani

Hisbollah-Anführer Sayyed Hassan Nasrallah bei einer Videoansprache, die von Anhängern in Beirut verfolgt wird

Von Mareike Enghusen

Mit jedem neuen Tag wird das Risiko eines Krieges zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah konkreter. Zwei weitere israelische Soldaten wurden in der Nacht auf Montag von Panzerabwehrraketen der Hisbollah verletzt. Israels Armee hat vor wenigen Tagen bereits einen Einsatzplan für eine Offensive im Libanon genehmigt und freigegeben.

Und die jüngste Ankündigung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, die „hochintensive Phase des Krieges in Gaza“ sei fast vorbei, heizt die Spekulationen weiter an – denn dies würde auch bedeuten, dass mehr Truppen für einen Krieg gegen die Hisbollah zur Verfügung stünden.

„Wir stehen kurz vor der Entscheidung, die Regeln gegen die Hisbollah und den Libanon zu ändern“, schrieb Israels Außenminister Israel Katz kürzlich auf der Internetplattform X. „In einem umfassenden Krieg wird die Hisbollah zerstört und der Libanon schwer getroffen.“ Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah wiederum drohte, „kein Ort“ jenseits der Grenze sei sicher vor den Geschossen seiner Organisation.

In der Tat bereitet das Raketenarsenal der vom Iran geförderten Hisbollah, die von westlichen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, Experten in Israel Sorgen: Über mehr als 150 000 Geschosse unterschiedlicher Reichweite und Präzision soll die Organisation verfügen. Zwar hat Israel ein mehrlagiges Luftabwehrsystem, das sein Potenzial zuletzt eindrucksvoll bei dem iranischen Raketen- und Drohnenangriff im April bewiesen hat.

Gescheiterter Staat Libanon

Die Hisbollah aber würde versuchen, das System zu überwältigen, sagt Danny Orbach, Kriegsexperte von der Hebräischen Universität in Jerusalem, unserer Zeitung. „Israel stünde dann vor einem Dilemma: Legt es den Schwerpunkt auf den Schutz strategischer Ziele und nimmt damit eine höhere Zahl ziviler Opfer in Kauf?“ Die Geschosse der Hisbollah könnten kritische Infrastruktur treffen; es könnte zu längeren Stromausfällen oder anderweitigen Störungen der zivilen Versorgung kommen.

Dennoch glaubt Orbach, dass sein Land einem solchen Ansturm standhalten könnte. „Israels Reaktion wird den Schaden mindern, den die Hisbollah anrichten kann. Die Zahl ihrer präzisen, schweren Langstreckenraketen ist begrenzt, und sie lassen sich schwerer verstecken.“ Für den Libanon dagegen, der bereits jetzt als „failed state“, als gescheiterter Staat gilt, brächte ein solcher Krieg den „endgültigen Kollaps“.

Zumal sich die israelischen Angriffe wohl nicht nur wie bislang auf Stellungen der Gruppe im Süden des Landes beschränken würden. Am Sonntag berichtete die britische Tageszeitung „Telegraph“ unter Berufung auf libanesische Whistleblower, die Hisbollah-Miliz lagere „große Mengen iranischer Waffen, Raketen und Sprengstoff“ innerhalb der zivilen Flughafengebäude in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Libanesische Regierungsvertreter wiesen die Berichte entschieden zurück. Israelische Sicherheitsexperten werfen der Hisbollah indes seit Langem vor, militärische Einrichtungen und Ausrüstung bewusst in zivilen Umgebungen zu verstecken – ähnlich wie die Hamas im Gazastreifen.

Derweil wurde Bundesaußenministerin Annalena Baerbock am Montag erneut in der Region erwartet. Bei den geplanten Gesprächen in Israel sowie dem Westjordanland sollte es dem Auswärtigen Amt zufolge um die humanitäre Lage im Gazastreifen sowie die Spannungen an Israels Nordgrenze gehen. „Eine weitere Eskalation wäre eine Katastrophe für alle Menschen in der Region“, warnte Baerbock kurz vor ihrer Abreise.

Auch Militärexperte Orbach hofft, dass sich ein Krieg noch vermeiden lässt. „Aber ich bin nicht optimistisch.“ Schließlich habe Nasrallah angekündigt, Israels Norden solange zu attackieren, wie der Krieg im Gazastreifen anhält. Und dort zeichnet sich keine Waffenruhe ab.

Um die 60 000 Bewohner der Region nahe der Libanongrenze hatte Israel schon kurz nach Ausbruch der Feindseligkeiten vor fast neun Monaten evakuiert. Seitdem ist der Norden nur noch unsicherer geworden.

„Und es gibt keinen anderen Weg, das zu ändern, als Krieg“, fasst Orbach seine Einschätzung zusammen. „Obwohl beide Seiten eigentlich keinen Krieg wollen. Das ist die Tragödie.“

Zum Artikel

Erstellt:
24. Juni 2024, 18:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen