Zum Tod des Journalisten Heinz L. Steuber

Aus der alten Zeitungswelt

Heinz L. Steuber hat von 1974 bis 1995 die landespolitische Berichterstattung unserer Zeitung geprägt und ihr ein Gesicht gegeben.

 

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Von Jan Sellner

Der Mann, von dem diese Zeilen handeln, stammte aus einer anderen Zeitungswelt. In dieser Welt hämmerten Reporterfinger auf Schreibmaschinentasten und diktierten Ressortleitern, wenn’s schnell gehen musste, aus dem Stand ihre Leitartikel. In dieser analogen Welt stapelten sich Manuskriptseiten und Fotos auf den Schreibtischen. In dieser Welt trug der Bote die Eilmeldungen aus dem Fernschreiberraum in die Ressorts, häufig mit einem persönlichen Kommentar versehen: „Leit, jetzt hen se dr Ceausescu verschossa!“, konnte es dann schon mal heißen.

In dieser Zeitungswelt war Heinz L. Steuber, gebürtiger Hesse und bekennender Reingschmeckter, zu Hause. In dieser Welt hatte er sich vom Mitarbeiter der „Kasseler Post“ und der „Hessischen Nachrichten“ über weitere Zwischenstationen zum Ressortleiter Landespolitik der Stuttgarter Nachrichten hochgearbeitet. Ein Journalist der alten Schule.

Alte Schule, das hieß: Präsenz, viel unterwegs und in engem Kontakt mit Politikern sein. Das hieß auch leidenschaftlich debattieren. Wenn sich die Granden der Redaktion Montagmorgens im Konferenzraum zur „Politischen Runde“ trafen und die Köpfe zusammensteckten, dann war Heinz L. Steuber auf seinem angestammten Platz am Redaktionstisch fast immer dabei, die Brille zwischen Daumen und Zeigefinger wiegend.

Viele Minister erschienen zu seinem Abschied im Pressehaus

Steubers Wort zählte. In der alten Zeitungswelt, die noch keine Digitalausgabe kannte, die ansonsten aber genauso flüchtig war wie heute, hatte er sich als Berichterstatter und Kommentator in den Amtszeiten der Ministerpräsidenten Filbinger, Späth und Teufel einen Namen gemacht. Auf vielen Themen, die das Land und Heinz L. Steuber damals bewegten, liegt heute zentimeterdick Staub: die sich anbahnende Senderfusion zum Beispiel oder die Gründung der Region Stuttgart. Andere Schlagzeilen, die er formulierte, kehren unter neuen Vorzeichen wieder: „Opposition zweifelt am Sparkurs“. Oder: „Die Mieten explodieren“.

Als Steuber, Träger des Bundesverdienstkreuzes, 1995 mit einem großen Fest im Stuttgarter Pressehaus verabschiedet wurde, applaudierte ihm die alte Welt kräftig. Das Protokoll des Abends verzeichnete: eine Ministerin, sieben Minister und zwei Staatssekretäre. Etliche von ihnen hat Heinz L. Steuber überlebt. Die neue Zeitungswelt verfolgte er aus der Distanz des Ruhestands. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren verstorben.

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Erstellt:
17. August 2022, 17:26 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2022, 19:26 Uhr

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