Alte Immobilien

Bauwirtschaft fordert Abrissprämie

Die steigende Zahl gestoppter Bauprojekte im Land ist ein Alarmsignal für die Branche. Der baden-württembergische Verband will Bauherren entlasten und bringt nun eine Idee ins Spiel, die so ähnlich auch schon die Autoindustrie hatte.

Wer ein  nicht sanierungswürdiges Gebäude abreißt, soll dafür finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, fordert die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg.

© Imago/Wolfgang Maria Weber

Wer ein nicht sanierungswürdiges Gebäude abreißt, soll dafür finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, fordert die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg.

Von Inge Nowak

Die Bauwirtschaft in Baden-Württemberg bringt eine Abrissprämie für alte Immobilien ins Spiel. Paradebeispiel dafür, erläutert Verbandspräsident Markus Böll, sei Omas Häuschen, das auf einem 2000 Quadratmeter großen Grundstück stehe, bei dem sich die Sanierung wirtschaftlich aber nicht mehr lohne. Der Vorteil einer solchen Prämie: Es könnten neue, dringend benötigte Wohngebäude entstehen, ohne dass zusätzliche Flächen verbraucht würden. Zudem könnte eine solche finanzielle Unterstützung Bauherren entlasten. Seit Jahren würden Bauwillige mit neuen, zusätzlichen Kosten konfrontiert – als Beispiele nannte Böll neben steigenden Materialpreisen und Zinsen auch energieeffiziente Lösungen. „Die Messlatte liegt zu hoch. Da springen viele Bauwillige nicht mehr drüber, sondern sie springen ab“, kritisiert Böll.

Die Baubranche sieht Alarmsignale

Zahlreiche Bauprojekte seien mittlerweile gestoppt. So ist die Zahl der genehmigten Neubauwohnungen im Südwesten im ersten Halbjahr um 11 Prozent und die Baumaßnahmen an bestehenden Wohnungen gar um 22 Prozent gesunken, hat das Statistische Landesamt vor Kurzem mitgeteilt. Böll wertet solche Zahlen als erste Alarmsignale für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Er rechne damit, dass die Bauwirtschaft „auf einen gewissen Abschwung zusteuert“.

Der Verbandspräsident betont, dass die Energiewende angesichts der hohen Öl- und Gaspreise mit Hochdruck vorangetrieben werden müsse. „Häuser müssen heute so gebaut werden, dass sie möglichst wenig oder gar keine Energie verbrauchen. Dazu benötigen wir eine bessere Kombination von regenerativen Energien und innovativen Bauweisen“, so Böll.

Scharf kritisiert er in diesem Zusammenhang die „sprunghafte und wenig verlässliche Förderpolitik“ der Bundesregierung. Als Beispiel nannte er den plötzlichen Stopp der Förderung durch die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) für energieeffiziente Gebäude Anfang des Jahres. Es zeichne sich ab, dass das für 2023 angekündigte neue Förderprogramm „Klimafreundliches Bauen“ lediglich mit 1 bis 1,5 Milliarden Euro ausgestattet sein wird. „Dieser Betrag ist viel zu niedrig angesetzt“, sagt Böll.

Probleme gibt’s auch beim Glasfaserausbau

Kritisch sieht die Bauwirtschaft auch die nur schleppende Verlegung des Glasfasernetzes. Das Problem: Nach dem neuen Verfahren würden die Leitungen nur 30, teils aber auch nur fünf Zentimeter tief ins Erdreich verlegt. „Das ist zwar billiger als mehr in die Tiefe zu gehen, aber extrem risikobehaftet“, so Mathias Waggershauser, Vizepräsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. „Denn immer wieder müssen im Nachhinein Reparaturarbeiten durchgeführt werden. Dabei laufen unsere Baggerfahrer trotz Leitungsauskünften permanent Gefahr, dass sie mit ihrer Schaufel eine nicht sichtbare Leitung beschädigen.“ Das Risiko und die Kosten trage dabei der Bauunternehmer. Waggershauser fordert ein flächendeckendes Netzkataster, das zeigt, wie die Leitungen im Erdreich verlaufen.

Sorge bereitet der fehlende Nachwuchs. „Es ist heute schon toll, wenn sie eine Helferstelle ausschreiben und jemanden finden, der in der Lage ist, einen Besenstiel nicht abzubrechen“, sagt Böll salopp. Deutschland müsse wieder ein attraktiver Standort auch für Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland werden, so Böll. In den vergangenen Jahren hätten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Europa einander angeglichen; damit sei die Motivation, in Deutschland zu arbeiten, gesunken. Böll schlägt deshalb einen „steuerfreien Respektzuschlag“ vor, der allerdings nicht von den Bauunternehmen, sondern von der öffentlichen Hand getragen werden sollte. Auch bei Rentnern und Vorruheständlern könnte Böll sich einen Steuerfreibetrag vorstellen, der einen „echten monetären Anreiz“ setze, länger im Job zu bleiben. Damit könne verhindert werden, dass viel Wissen verloren geht. Die Branche beschäftigt im Land gut 69 000 Mitarbeiter.

Neben all den Problemen und Kritikpunkten hat Böll aber auch eine gute Nachricht für die Bauwirtschaft: Derzeit werden wieder mehr Lagerhallen gebaut. Gründe dafür sind gerissene Lieferketten und massive Engpässe bei Teilen wie elektronischen Komponenten und Rohstoffen.

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Erstellt:
18. August 2022, 17:06 Uhr

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