Bei der Abrissparty geht fast alles weg

Noch bis diesen Samstag können in rund 60 Wohnungen Küchengeräte, Waschbecken oder Pflanzen gratis mitgenommen werden. Nötig ist nur handwerkliches Geschick. Ein Besuch bei der Abrissparty in S-Rot.

Werkzeug müssen die Interessenten selbst mitbringen.

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Werkzeug müssen die Interessenten selbst mitbringen.

Von Julia Bosch

Stuttgart - Ratsch. Ratsch. Ratsch. Stück für Stück reißt Chantal schwarzen Molton von Holzstangen herunter. „Das muss jetzt reichen“, sagt die 20-Jährige irgendwann. Die Stuttgarterin sitzt in einer leeren Wohnung in Stuttgart-Rot, einem Stadtteil von Zuffenhausen. Sie wohnt nicht selbst in dieser Wohnung, sondern rund zehn Minuten entfernt. Aber noch bis diesen Samstag können Interessierte aus zehn Nachkriegshäusern, die bald abgerissen werden, Materialien und Bauteile mitnehmen, alles gratis. Eine Art Abrissparty also. Zu der sind auch Chantal und ihre Mutter gekommen.

Während Chantals Mutter einen Herd ausbaut – „als Ersatz für meinen Herd zu Hause“, wie sie sagt –, hat die Tochter kein Interesse an Küchen- oder Badbauteilen, sondern eben an dem dicken Stoff. „Ich bin bei einer kleinen Bühne tätig“, erklärt sie. Und damit die Bühne komplett schwarz ist und man mit Scheinwerfern einzelne Punkte ausleuchten kann, sei Molton perfekt. Glücklicherweise hatten in einer der Wohnungen bis zuletzt Kunststudierende gewohnt – daher der viele übrig gebliebene Molton.

Ein Stockwerk tiefer schraubt Benjamin Scheible an einem Badspiegel herum. Ob er es heute noch schaffen wird, Badmobiliar für zwölf Wohnungen auszubauen, bezweifelt er inzwischen. Er hat nur noch eine gute Stunde Zeit, dann werden die rund 60 Wohnungen in Stuttgart-Rot wieder abgeschlossen. Und er fährt wieder zurück nach Schwäbisch Hall. Benjamin Scheible ist Mitglied bei einem gemeinschaftlichen Wohnbauprojekt. Bald sind die Mietwohnungen bezugsfertig, aber es fehlen noch Badbauteile, also etwa Halterungen, Spiegel und Armaturen. Ob er denn mit einem Transporter nach Stuttgart gekommen sei, um alles zu transportieren? Benjamin Scheible lacht, „ich habe nur einen kleinen Peugeot“. Dann schraubt er schnell weiter.

So eine Art XXL-Abrissparty, bei der man Gegenstände aus leeren Wohnungen mitnehmen darf, gab es in Stuttgart zuvor noch nie. Das Ganze ist ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA ’27). Und die Initiatoren nennen es auch nicht Abrissparty, sondern Bauteil-Kreislauf-Aktion. Die Idee dazu hatte Grazyna Adamczyk-Arns, die Projektleiterin der IBA ’27: „Ich fand es schade, dass hier so viele schöne und gut erhaltene Gegenstände auf dem Müll landen würden, die durchaus noch ein Leben anderswo verdienen.“ Sie selbst würde am liebsten eine der alten Türen mitnehmen, „wenn ich nur irgendwo Platz dafür hätte“.

Tatsächlich scheinen die Menschen Interesse an fast allem zu haben, was sich in den rund 60 Wohnungen in Stuttgart-Rot noch befindet: Da werden Durchlauferhitzer und Kühlschränke herausgetragen, Waschbecken und Kloschüsseln ausgebaut. Eine junge Frau hat eine Schneiderpuppe in einer der Wohnungen entdeckt, eine andere nimmt Balkonkästen für Pflanzen mit. Die Steckdosen sind bereits fast alle weg. Ein Mann würde gerne mehrere Kellertrennwände mitnehmen. Und ein anderer erkundigt sich, ob der Sandkasten zwischen den Häusern eigentlich auch ausgebaut werden dürfe.

„Die Leute sind enthusiastisch“, sagt Tobias Schiller, ein Sprecher der IBA ’27. Es sind viel mehr Menschen gekommen, als sie erwartet hatten, schon am ersten Tag mehr als 70 Personen. Das ist für die Initiatoren auch insofern eine Erleichterung, als dass die Vorbereitungen für die Aktion nicht ganz ohne waren: „Wir mussten uns fragen, wie wir es schaffen, in den leeren Wohnungen Sicherheit herzustellen, aber auch jegliche Haftung auszuschließen.“ So wurden Anfang dieser Woche der Strom und das Wasser abgedreht, außerdem müssen alle Interessenten, die etwas mitnehmen wollen, sich vorher anmelden. Die letzten Bewohner der Häuser aus den 1950er Jahren in S-Rot sind Ende August ausgezogen. Nun geht alles ganz schnell. Von kommender Woche an werden dort Bauzäune aufgestellt. Dann wird entkernt, Ende des Jahres beginnt der Abriss. Künftig bauen zwei Stuttgarter Baugenossenschaften – die Baugenossenschaft Neues Heim und die Baugenossenschaft Zuffenhausen – dort ein „genossenschaftliches Quartier mit bezahlbarem und qualitätsvollem Wohnraum“ für rund 600 Menschen. Insgesamt entstehen dort mehr Wohnungen, als bisher vorhanden waren. Das gelingt unter anderem dadurch, dass höher gebaut wird. Auf den Neubauten soll es Dachterrassen für alle Bewohner geben, in den Erdgeschossen Sozialflächen. Und ein Großteil der großen, alten Bäume zwischen den Häusern soll erhalten bleiben.

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Erstellt:
13. Oktober 2023, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
13. Oktober 2023, 23:55 Uhr

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