Atomenergie

Belgien schaltet ersten Atommeiler ab

Gegen den Willen der Politik wird der Betreiber den Reaktor wegen Sicherheitsbedenken wie geplant vom Netz nehmen.

Im Atomkraftwerk  Doel wird ein Meiler vom Netz genommen. Viele Politiker wollen ihn weiter in Betrieb lassen, doch die Betreiber sind, auch aus Sicherheitsgründen, ganz anderer Meinung.

© dpa/Dirk Waem

Im Atomkraftwerk Doel wird ein Meiler vom Netz genommen. Viele Politiker wollen ihn weiter in Betrieb lassen, doch die Betreiber sind, auch aus Sicherheitsgründen, ganz anderer Meinung.

Von Knut Krohn

Belgien macht den ersten Schritt in Richtung Atomausstieg. Nach fast 40 Jahren Laufzeit wird in der Nacht zum Samstag der Meiler Doel 3 bei Antwerpen vom Netz genommen. Bis zur letzten Minute haben Befürwortet der Kernkraft und sogar Regierungspolitiker versucht, diesen Schritt zu verhindern. Der Betreiber Engie Electrabel hat sich allerdings auch aus Sicherheitsbedenken dagegen entschieden. „Ein Weiterbetrieb steht bei uns nicht auf dem Programm“, zieht Kraftwerkschef Peter Moens einen Schlussstrich unter die Diskussion. „In Sachen nukleare Sicherheit improvisiere ich nicht.“

Tausende Haarrisse in den Druckbehältern

Die Kraftwerke Doel und Tihange bei Lüttich gelten seit vielen Jahren als „Pannenmeiler“. In den Blöcken Tihange 2 und Doel 3 fanden Experten bereits im Jahr 2012 tausende Haarrisse in den Reaktordruckbehältern. Dennoch beschloss Belgien 2015 eine Laufzeitverlängerung bis 2025, ohne die Nachbarländer anzuhören und ohne die Umweltverträglichkeit zu prüfen - widerrechtlich, wie unter anderem der Europäische Gerichtshof urteilte. Nach Doel 3 an diesem Samstag soll auch Tihange 2 spätestens im Februar vom Netz gehen.

Das Thema Atomkraft hat Konjunktur

Wegen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine wird in Belgien das Thema Atomkraft wieder heftig diskutiert. Vor allem die flämische Regionalregierung hatte sich dafür stark gemacht, die Anlagen weiter laufen zu lassen. Europa befinde sich wegen des Krieges in der Ukraine in der schweren Energiekrise, argumentiert die flämische Energieministerin Zuhal Demir, die Versorgungssicherheit des Landes müsse auch mit Atomstrom gewährleistet werden. Inzwischen steht der ursprünglich für das Jahr 2025 angekündigte Atomausstieg auf der Kippe. Die letzten belgischen Reaktoren könnten nach einer neuen Kompromissregelung noch bis 2035 laufen, wenn ansonsten die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet ist.

Etwas Erleichterung in Deutschland

Auch im benachbarten Deutschland wird die Diskussion um die belgischen Atomkraftwerke sehr genau verfolgt. „Wenn die beiden Meiler vom Netz gehen, wird das NRW sicherer machen“, sagte der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) in einem Interview. Auch er setzt sich seit Jahren für die Abschaltung der „Riss-Reaktoren“ ein. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur fünf, sondern alle sieben Meiler in Belgien bis 2025 vom Netz gehen“, sagte Krischer weiter.

Die Atomkraftbefürworter in Belgien geben sich allerdings noch nicht geschlagen, zu denen auch Innenministerin Annelies Verlinden gehört. Sie fordert, dass nach dem Abschalten von Doel 3 keine Arbeiten in Angriff genommen werden, die das Wiederhochfahren des Reaktors im Fall eines landesweiten Strommangels unmöglich machen. Kraftwerkschef Peter Moens erklärt dazu, dass ein Verschieben des Rückbaus aus technischen und organisatorischen Gründen „weder sinnvoll noch ratsam“ sei. Allein das Bestellen von neuen Brennelementen dauere 36 Monate. Ebenso lange müsste das neue technische Personal geschult werden, da viele Mitarbeiter wegen der anstehenden Schließung bereits neue berufliche Perspektiven gesucht hätten. Peter Moens versichert: „Wir beabsichtigen nicht, den Reaktor neu zu starten.“

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Erstellt:
22. September 2022, 14:10 Uhr

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