Cem Özdemir bei Maischberger

„Bitte nicht hamstern!“

Landwirtschaftsminister Özdemir kritisiert bei Sandra Maischberger den Weizenklau der Russen. Und der US-Virologe Fauci erwartet keine strengen Lockdowns mehr.

Cem Özdemir bei  Sandra Maischberger in der ARD.

© WDR/Oliver Ziebe/ARD Das Erste

Cem Özdemir bei Sandra Maischberger in der ARD.

Von Christoph Link

Offene Sympathie von Moderatorin Sandra Maischberger (55) für den grünen Agrarminister Cem Özdemir (56) war in ihrer Sendung am Mittwochabend gut erkennbar. Sie führte ihn als „Landwirtschaftsminister mit außenpolitischer Seele“ ein, brachte sein berühmtes Zitat, wonach man „mit der Yoga-Matte unterm Arm“ nicht den IS-Terror bekämpfen könne, erwähnte seine frühe Ablehnung von Nordstream 2 sowie sein Verlassen des Quadriga-Kuratoriums in 2011, weil das einen Preis an Wladimir Putin verleihen wollte. Genug der Ehre.

Sollen Mörder und Opfer die Sache allein klären?

Özdemir machte auch im Ukraine-Krieg mit sehr deutlichen Worten seinen Standpunkt klar: „Entweder man greift selbst ein und ist dann Kriegspartei. Oder man hilft den Ukrainern, dass sie sich selbst verteidigen. Aber wenn man beides verneint, sagt man Ja zum Mord oder zum Völkermord.“ Man könne, so der ehemalige Grünen-Parteivorsitzenden, doch nicht so tun, „als ob Mörder und Opfer die Sache selbst untereinander klären“ sollten.

Ein „faules Ei“ in der Europäischen Union

Özdemir meinte, dass man Diktatoren gut zuhören müssen. Wladimir Putin habe sein wahres Gesicht doch längst gezeigt, in Tschetschenien aber auch in Syrien. „Solange Putin an der Macht ist, wird es keine Rückkehr zu vorherigen Zeiten geben“, prophezeite der Politiker. Nicht gerechnet habe der Kremlchef aber damit, dass der Westen sich nicht spalten lasse, sondern geschlossener auftrete als je zuvor: „Auch wenn wir faule Eier in den eigenen Reihen haben, etwa Ungarn in der EU. Oder die Türkei in der Nato, die mit beiden Seiten Geschäfte macht.“

Özdemir dankt den Bauern und Bäuerinnen

Natürlich aber muss ein Landwirtschaftsminister zu seinem Fachgebiet Stellung nehmen. Özdemir ist dermaßen Profi, dass er seiner eigenen Klientel erst einmal Respekt bezeugte: „Ich habe großen Dank an unsere Bäuerinnen und Bauern für ihre Leistung.“ Zur Ernährungssicherung müssen sie heute mehr beitragen als je zuvor. In der Ukraine betreibe Moskau auch eine „Politik des Aushungerns“, die Landwirtschaft sei zum Erliegen gekommen und es komme vor, dass „Weizen geklaut“ und nach Russland abtransportiert werde. Für die globale Versorgung sei der Ukraine-Weizen enorm wichtig, 50 Prozent sowohl des Getreidebedarfs des UN-Welternährungsprogramms aber auch Indiens stammten beispielsweise von dort. Es sei jetzt die Zeit, dass die „dritte Welt“ aufwache und ihre agrarische Eigenversorgung steigere.

Wer hamstert, befördert die Teuerung

Die deutschen Verbraucher indes leiden unter den hohen Preisanstiegen für Lebensmittel, weshalb Ödzemir eine Senkung der Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse vorgeschlagen hatte. In gewissem Rahmen könnte sich die Bürger auch Vorräte anlegen, so der Landwirtschaftsminister: „Aber bitte nicht hamstern.“ Wer das tue, trage zur Verknappung und weiter steigenden Preisen bei. Eine Verknappung gebe es aber nur bei Sonnenblumenöl, das vorzugsweise in der Ukraine angebaut wird, und gelegentlich bei Mehl, was aber an den Hamster-Tendenzen liege.

Statt Tank und Trog, erst den Teller bedienen

Aber warum lässt der Minister nicht in der Notlage alle verfügbaren Flächen bebauen, auch die ökologischen Vorrangflächen, wollte Sandra Maischberger wissen. Özdmir entgegnete, dass dies vorübergehend für Futtermittel schon erlaubt worden sei. Aber Rufen der Bauernverbände, diese Flächen – die ohnehin meist niedrige Erträge bringen – nun mit Düngemitteln zu versorgen und dort Weizen zu pflanzen, lehnt Özdemir ab. Er sieht andernorts bessere Reserven, als der Artenvielfalt dienende Flächen zu opfern. „Wertvolle Getreideflächen liefern noch für den Tank, 60 Prozent der Getreideernte geht in die Tierfütterung.“ Das müsse sich ändern, so der Vegetarier Özdemir, der erste auf Fleisch verzichtende Landwirtschaftsminister. „Bei der Reihenfolge Tank, Trog und Teller sollte meiner Ansicht nach der Teller zuerst kommen.“

Sascha Lobo lobt Friedrich Merz

Schon vor Özdemirs Auftritt hatte sich eine Journalistenrunde mit der deutschen Ukraine-Politik befasst. Dabei äußerte der eigentlich rot-grüne Sympathien hegende Sascha Lobo sich positiv über die Reise von CDU-Chef Friedrich Merz in die Ukraine, denn die sei „staatsmännisch“ und ein wichtiges Symbol gewesen. Die NZZ-Korrespondentin Hannah Bethke hingegen sprach von „Wahlkampf im Kriegsgebiet“. Sie bemängelte, dass viele deutsche Entscheidungen – etwa zur Lieferungen von schweren Waffen oder für das Gasembargo – über die Köpfe der Bevölkerung hinweg getroffen werden. Sehe man diese Beschlüsse als Medium kritisch, erzeuge dies viel Gegenwind. Auch der ZDF-Hauptstadtkorrespondent Theo Koll wies darauf hin, dass es derzeit „ein Abräumen von jahrzehntealten Positionen“ gebe, das müsse man den Menschen erklären: „Der Kanzler muss sein Kommunikationsverhalten ändern.“ Koll befürchtet, dass es wegen der Embargos erstmals „Wohlverstandsverluste“ geben wird, „wie wir sie noch nie erlebt haben“.

Nach düsterer Ukraine-Politik etwas Hoffnung bei Corona

Nach den düsteren Ukraine-Szenarien brachte der Themenwechsel bei der Maischberger immerhin etwas Licht. Der aus den USA zugeschaltete Immunologe Anthony Fauci – Chefberater von Präsident Joe Biden, zuvor bei Donald Trump („eine schwierige Zeit“) – wollte der Angst des deutschen Gesundheitsministers Karl Lauterbach vor einer „Killervariante“ am Ende des Jahres nicht folgen. „Was im Herbst oder Winter passiert, das ist absolut nicht vorhersehbar.“ Die Delta-Variante habe viel schwerere Verläufe gehabt als die jetzt dominierende Omikron-Variante und auch deren neusten Subvarianten ließen einen Trend erkennen: Alle neuen Virustypen seien noch ansteckender, verliefen allerdings weniger schwer. „Wir sind über dem Höhepunkt hinweg.“

China fehlt guter Impfstoff

Dass in Schanghai strenge Lockdowns verhängt worden sind, hält Fauci für problematisch, da dort nicht gleichzeitig immunisiert werde und „kein guter Impfstoff“ vorhanden sei. In Ländern wie Deutschland oder Großbritannien stehe man wesentlich besser da, als vor einem Jahr, die Mehrheit sei genesen, geimpft oder geboostert und habe einen Immunschutz. Er bezweifele, dass künftig ein neuer, strenger Lockdown noch erforderlich sei. Persönlich lässt der 81-jährige Fauci noch Vorsicht obwalten. Er cancelte die Teilnahme an einem Kongress in einem Hotel mit 600 Teilnehmern.

Der Hamburger Montgomery besitzt eine Lederhose

Just diesen Fehler machte nach eigenem Bekunden der Präsident des Weltärzteverbandes Frank Ulrich Montgomery: Er besuchte eine Sitzung mit zahlreichen Teilnehmern in Brüssel, wo er sich – dreifach geimpft – das Virus einfing: „Jetzt wird es dich erwischen“, das habe er sich schon beim Betreten des Saales gedacht: „Beim Essen oder Trinken und in der Kaffeepause nimmt man schon mal die Maske ab.“ Ähnlich wie Fauci hält Montgomery eine alleinige Null-Covid-Strategie für gescheitert, sie müsse einhergehen mit Impfungen, Impfstoffe müssten angepasst werden. Maischbergers Frage, ob das Oktoberfest in München stattfinden solle, beantwortete Montgomery zweideutig: Auch als Hamburger habe er Sympathien für das Fest und besitze eine Lederhose: „Wenn wir keine Killervariante kriegen, kann es stattfinden. Wenn doch, müssen wir es absagen.“

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Erstellt:
5. Mai 2022, 02:18 Uhr
Aktualisiert:
5. Mai 2022, 13:00 Uhr

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