Landgericht Ravensburg

Bluttat in Asylunterkunft nur aus Frust?

Ein Nigerianer ist vor dem Landgericht Ravensburg angeklagt: Er soll einen Syrer erstochen und andere Menschen schwer verletzt haben.

Der 32-jährige Angeklagte steht im Gerichtssaal, als das Schwurgericht den Saal betritt.

© dpa/Felix Kästle

Der 32-jährige Angeklagte steht im Gerichtssaal, als das Schwurgericht den Saal betritt.

Von Christoph Link

In Handschellen und mit Fußfesseln wird der Angeklagte in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Ravensburg geführt. Ein Mann von schmächtiger Statur, mit Spitzbart, in roter Hose und Parka. Mit wachen Augen schaut er in die klickenden Kameras und den Zuschauersaal, wo zum Teil sichtbar erschütterte Angehörige der Geschädigten sitzen. Der englischen Übersetzung wird er später aufmerksam folgen. Der 32 Jahre alte Daniel O., gebürtig aus Benin-City in Nigeria, ein Christ, war als Flüchtling in einer Asylunterkunft in Kressbronn untergebracht und soll dort am 26. Juni gegen 21.55 Uhr mit Messerattacken den 40 Jahre alten syrischen Mitbewohner Ibrahim H. getötet und sechs weitere Mitbewohner zum Teil schwer verletzt haben, vier Frauen im Alter von 28 bis 34 Jahren und zwei Männer im Alter von 27 und 44. Die Opfer waren Syrer, eine Iranerin, ein Nigerianer.

Der Staatsanwalt zeichnete die Blutnacht von Kressbronn minutiös nach, und es ließ das Publikum erschaudern, wie kaltblütig der Angeklagte binnen einer Viertelstunde selbst auf dem Boden liegende Opfer nach einem Sturz auf der Flucht mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser traktierte. In einem Fall stach er auf eine junge Mutter ein, sie konnte sich aber mit ihren zwei Kindern in einem Zimmer verbarrikadieren, später kam der Angeklagte zurück und gab sich als Polizist aus – an der Stimme erkannte ihn die Frau und öffnete nicht.

„Anlasslos und wortlos“ ins Herz gestochen

Ibrahim H., der sich mit seinem Neffen bei der Tischtennisplatte aufgehalten hatte, war wegen des Geschreis ins Haus geeilt, auf der Treppe begegnete er dem Täter, sah offenbar das Messer nicht, „anlasslos und wortlos“ habe Daniel O. den völlig überraschten Mann ins Herz gestochen, er konnte sich noch einige Meter weit schleppen, wurde bewusstlos und rollte eine Treppe herab. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Meist habe der Täter die Mitbewohner „wortlos“ und in einer „wehrlosen Situation“ angegriffen, so der Anklagevertreter. Einmal sei aber von Augenzeugen ein Ausruf dokumentiert, der bei einer Attacke auf eine Frau erfolgte: „Ich will ihr das Gleiche antun, was sie mir angetan hat. Ich will Rache nehmen.“

Schon zweimal zuvor soll es Vorfälle der Bedrohung durch den Angeklagten im Heim gegeben haben: Im Februar habe er „I will kill you all“ gerufen und mit einem Messer gefuchtelt, er sei aber von Mitbewohnern überwältigt worden. Im Mai soll er vier Kinder im Hof mit einem Messer bedroht haben, die Kinder flüchteten daraufhin ins Haus.

Angst vor dem bösen Blick?

Laut Staatsanwalt geschah die Bluttat aus Rache gegen Araber, der Angeklagte sei der Meinung gewesen, dass bei ihnen die Integration besser gelinge als bei Afrikanern. Der Tat sei Streit mit arabischen Frauen in der Unterkunft vorausgegangen, wobei es um die Hausordnung und Reinigungsdienste gegangen sei. „Hass und Missgunst“ hätten den Angeklagten gesteuert, die Anklagebehörde wirft ihm in einem Fall Mord sowie in sechs Fällen Mordversuch beziehungsweise gefährliche Körperverletzung vor. In den meisten Fällen habe O. „heimtückisch“ und aus niederen Beweggründen gehandelt.

Ein Gutachter konnte keine Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung benennen: Er höre keine Stimmen, sehe sich nicht verfolgt, habe keine Ängste und sei nicht in psychiatrischer Behandlung, zitierte der Experte aus Gesprächen mit O. Er habe gesagt, er sei in Deutschland seit der Ankunft 2019 „im Abseits gestanden“ und isoliert gewesen, er sei „Opfer von Rassismus“ und hätte gerne gearbeitet, was ihm verwehrt wurde. Erzürnt habe ihn, dass die arabischen Frauen, wenn er kochte, unbefugt in seine Töpfe geschaut hätten, deswegen rief er einmal die Polizei. Dieses Tabu, so der Gutachter, kenne er aus einem anderen Nigeria-Fall, es ist verbunden mit der Angst vor dem bösen Blick. Daniel O. schwieg am ersten Prozesstag. Acht Verhandlungstage sind geplant.

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Erstellt:
27. Dezember 2022, 18:32 Uhr
Aktualisiert:
27. Dezember 2022, 23:30 Uhr

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