Das Duell um die Vorherrschaft

Im Spiel zwischen dem SC Freiburg und dem VfB Stuttgart geht es am Samstag auch um die Frage, wer die fußballerische Nummer eins in Baden-Württemberg ist – und auf Sicht sein wird. In einer kleinen Serie suchen wir mit Experten nach Antworten.

Von Marco Seliger

Stuttgart - Vor knapp fünf Monaten war der VfB Stuttgart die Nummer eins im Land, und wie. Anfang September war es, als Christian Streich nach dem 0:5-Debakel seines SC Freiburg in Stuttgart durch die Katakomben taumelte – und auf dem Pressepodium bedient und zerknirscht dies zum Besten gab: „Wir müssen schon wissen, wer wir sind“, sagte der Trainer: „Über uns wird erzählt, wir sind eine Spitzenmannschaft. Ich lach mich kaputt.“ Und weiter: „Wir müssten uns jetzt eingraben, schonungslos analysieren und ganz hart trainieren.“ Der VfB, so Streich, sei in allen Belangen überlegen gewesen.

So war das vor fünf Monaten – am Samstag nun steigt die Revanche in Freiburg (15.30 Uhr). Es ist davon auszugehen, dass der Sport-Club und sein Coach nach dem 0:5 aus der Hinrunde höchstmotiviert ins Spiel gehen werden. Eine Frage wird also sein, was der VfB um Angelo Stiller der zu erwartenden Freiburger Wucht entgegenzusetzen hat.

Losgelöst von den Gegebenheiten des nächsten Aufeinandertreffens stellen sich vor dem großen Landesduell aber noch ganz andere Fragen. Die übergeordnete und vielleicht wichtigste: Wer ist denn nun die Nummer eins in Baden-Württemberg? Vier Erstligisten hat das Ländle zu bieten, neben dem VfB und dem SC sind noch die TSG Hoffenheim und der 1. FC Heidenheim in Liga eins am Ball. Doch ohne den beiden Letzteren zu nahe treten zu wollen – aktuell machen der Tabellensiebte SC Freiburg und der Dritte VfB Stuttgart die Frage nach der fußballerischen Vormachtstellung unter sich aus.

Neun Punkte Vorsprung hat der VfB derzeit auf den SC – doch wie stellt sich die Lage mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft allgemein dar? Was zeichnet die beiden Clubs aus, wo sind die Potenziale, wo liegen Problemfelder – und wer wird auf Sicht der Vorreiter in Fußball-Baden-Württemberg? Diesen Fragen wollen wir in den Tagen vor dem direkten Duell am Samstag nachgehen – mit einer kleinen Serie, in der täglich zwei prominente Experten mit Bezug zu beiden Clubs zu Wort kommen.

Die Voraussetzungen, mit denen der SC und der VfB ins Rennen gehen, sind klar. Da ist zum einen der Sport-Club, der das Sinnbild für gelebte Kontinuität im Profifußball ist. Das Trainerteam um Streich, die sportlich Verantwortlichen Jochen Saier und Klemens Hartenbach und viele Profis wie etwa Kapitän Christian Günter oder Nicolas Höfler arbeiten seit Jahrzehnten zusammen, vor der Bundesliga taten sie das noch im Jugendbereich des Vereins. Die Früchte dieser gewachsenen Strukturen erntete der SC speziell in der jüngeren Vergangenheit. Zweimal nacheinander zog das einstmals kleine Freiburg um Vincenzo Grifo zuletzt in die Europa League ein und überwintert nun auch in dieser Saison im Wettbewerb. 2022 gelang zudem der Einzug ins DFB-Pokal-Finale (Niederlage im Elfmeterschießen gegen RB Leipzig).

Parallel zum sportlichen Aufschwung geht es auch finanziell stetig aufwärts in Freiburg. So erwirtschaftete der Sport-Club in der abgelaufenen Saison einen Umsatz von 175,3 Millionen Euro, was eine deutliche Steigerung zur vorherigen Rekordsumme aus dem Vorjahr (114,9 Millionen) bedeutete. Zum Vergleich: Noch vor sechseinhalb Jahren lag der Umsatz des SC bei 63,4 Millionen.

Und der VfB? Mit Blick auf die vergangenen Jahre hat der fünfmalige deutsche Meister das Nachsehen gegenüber dem SC Freiburg. Während die Breisgauer mit ihren gewachsenen Strukturen durch Europa touren durften (und dürfen), ging es für den Club aus Cannstatt in den vergangenen Jahren um den Klassenverbleib und damit ums sportliche Überleben.

Doch der Verlauf der bisherigen Saison gibt nun Anlass zur Hoffnung für die leidgeplagte weiß-rote Fanseele. Der Traum von Europa und vielleicht sogar von der Champions League könnte dank des tollen Fußballs, des Zusammenspiels von Trainer Sebastian Hoeneß mit seinem Team und von Hoeneß mit dem Sportdirektor Fabian Wohlgemuth wahr werden. Es scheint mal wieder zu passen beim VfB – auf dem Platz und daneben.

Obendrein gibt es dank des Investorendeals mit Porsche auf Sicht frisches Geld, 41,5 Millionen Euro nimmt der VfB so ein. Kann der Club also auf Sicht an glorreiche alte Zeiten anknüpfen und so wieder ein dauerhafter Kandidat für die internationalen Plätze sein? Auch das sind Fragen, die sich vor dem Bundesliga-Spiel am Samstag aufdrängen – beim direkten Konkurrenten um die fußballerische Vorherrschaft im Land.

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Erstellt:
29. Januar 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
30. Januar 2024, 22:00 Uhr

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