Das Jahr der großen Möglichkeiten

Ein runderneuertes Stadion, höhere Fernsehgelder zur kommenden Saison und die Chance auf den internationalen Wettbewerb – die VfB-Aussichten für 2024 sind sportlich wie finanziell reizvoll.

Die Mannschaft ist erfolgreich, das Stadion bald fertig renoviert – für den VfB könnten rosige Zeiten anbrechen.

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Die Mannschaft ist erfolgreich, das Stadion bald fertig renoviert – für den VfB könnten rosige Zeiten anbrechen.

Von David Scheu

Stuttgart - Der Start ins neue Jahr war für den VfB Stuttgart zuletzt fast immer mit einem bangen Blick in die Zukunft verbunden. Abstiegskampf in der Bundesliga, Aufstiegsrennen in Liga zwei – in aller Regel stand die sportliche Perspektive auf wackligen Beinen, zweigleisige Planungen wurden zum ungeliebten Standard. Nicht in dieser Saison: Gegenwärtig trägt den VfB ein ungewohntes Glücksgefühl durch die Winterpause, mit 34 Punkten aus 16 Spielen ist die Lage verheißungsvoll wie lange nicht.

„Klar müssen wir den Blick aktuell nicht mehr nach unten richten“, hat auch Trainer Sebastian Hoeneß zum Jahresabschluss betont – die Fans träumen und singen längst von mehr. Die Rückkehr auf die europäische Bühne ist nach zehn Jahren Abstinenz eine große Sehnsucht, deren Erfüllung bei stattlichen zehn Punkten Vorsprung auf die nichtinternationalen Plätze längst ein realistisches Szenario darstellt.

Neben dem emotionalen Faktor bietet der Europapokal aber auch handfeste finanzielle Reize. Und das nicht nur in der alles überstrahlenden Champions League: Selbst im hierarchisch niedrigsten der drei Wettbewerbe – der Conference League – lässt sich gutes Geld verdienen. Alleine für die Teilnahme an der Gruppenphase schüttet die Uefa in dieser Saison 2,94 Millionen Euro aus. Eine halbe Million gibt es zudem für jedes gewonnene Spiel, weitere Prämien für einzelne überstandene Runden. Bei einem günstigen Verlauf – attraktive Gegner und ausverkaufte Heimspiele, kurze und damit nicht zu teure Auswärtsreisen, ein Vorstoßen bis in die K.-o.-Runde – sind bis zu zehn Millionen Gewinn drin.

Für den VfB würde sich das besonders lohnen, da die MHP-Arena künftig ganz neue Möglichkeiten bietet: Ende Februar soll der Umbau der Haupttribüne abgeschlossen sein. Dann stehen im VIP-Bereich zusätzlich 600 Businessplätze und 8000 Quadratmeter Vermarktungsfläche zur Verfügung, den exklusiven Tunnelclub mit Blick auf die Spieler durch eine verglaste Scheibe inbegriffen. Das alles ließe sich durch die Teilnahme am Europapokal weitaus häufiger füllen und verkaufen.

Hinzu kommt: Eine gute Abschlussplatzierung würde auch einen Sprung in der finanziell wichtigen TV-Tabelle nach sich ziehen. Dort belegen die Stuttgarter derzeit Rang 14, den sie ziemlich sicher verlassen werden. Schon ein einstelliger Tabellenplatz kann reichen, um drei Teams hinter sich zu lassen: den FC Augsburg, den 1. FC Köln und den FSV Mainz 05. Rund 2,5 Millionen Euro macht ein Platz im Fernsehranking aus, auch hier sind die Perspektiven also lukrativ.

Natürlich – das liegt mitten in der Saison in der Natur der Sache – spielt derzeit noch der Konjunktiv mit: Formdellen können kommen, der Januar wird ob der fehlenden Nationalspieler herausfordernd, die Zukunft von Torjäger Serhou Guirassy ist offen. Festhalten lässt sich aber: Es müsste nichts Verrücktes passieren, sondern lediglich ein größerer Einbruch ausbleiben, damit in einigen Monaten in den VfB-Planungen eine zweistellige Millionensumme zusätzlich auftauchen würde. Viel Geld, an das zu Saisonbeginn noch niemand gedacht hatte.

Die Frage stellt sich daher schon, in welche Bereiche die Zusatzeinnahmen fließen würden. Zunächst: nicht vollständig in die Mannschaft. Nach Informationen unserer Redaktion ist für diesen Fall vorgesehen, auch das Eigenkapital zu stärken sowie in andere AG-Bereiche wie die Internationalisierung zu investieren. Aber: Eine dritte Säule wäre der Profikader, für den damit einige Millionen zusätzlich zur Verfügung stehen würden. Eine Kleinigkeit ist das keineswegs, da sich der VfB nach wie vor in einer finanziellen Konsolidierungsphase befindet: Bis zum Sommer dieses Jahres wird der Coronakredit zurückgeführt sein, zur Saison 2025/26 sollen dann die Transfereinnahmen wieder vollständig ins Team fließen.

Internationale Auftritte und höhere TV-Gelder würden hier den kurzfristigen Spielraum vergrößern – allerdings nur für Transfers, nicht für insgesamt höhere Gehaltskosten. Die sollen im Sommer nicht steigen, auch bei einem Einzug in den Europapokal nicht. Denn: Zusatzmillionen wären nur für eine Saison garantiert, ein höheres Budget würde sich dagegen über mehrere Jahre in den Bilanzen niederschlagen. Und günstig ist der Stuttgarter Personalapparat schon jetzt nicht: Mit 90,5 Millionen Euro lag der VfB im Kalenderjahr 2022 auf Platz neun.

An dieser Stelle mischen sich deshalb unter die vielen Möglichkeiten des neuen Jahres auch Herausforderungen: Mit den Leistungen der Spieler sind ihre Ansprüche gestiegen, denen der Verein nur bedingt nachkommen kann. Es stehen intensive Gespräche mit Leistungsträgern wie Chris Führich oder Waldemar Anton an, deren Verträge im nächsten Jahr auslaufen und die wohl nur mit einer Gehaltserhöhung zu halten sind. Eine EM-Teilnahme im Sommer würde ihren Marktwert zudem nicht gerade senken, auch wenn sie natürlich zugleich mit viel Prestige verbunden wäre. Nicht nur für die Spieler, auch für den VfB.

Große Chancen, aber auch anspruchsvolle Aufgaben – beides hält das Jahr 2024 also bereit, das für die Stuttgarter ein besonders spannendes zu werden verspricht.

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Erstellt:
4. Januar 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2024, 22:06 Uhr

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