Forscher vom Bodensee

Der Herr der Affen

Roland Hilgartner leitet den Affenberg in Salem. Das allein reicht dem Primatenforscher vom Bodensee aber nicht.

Primatenforscher Roland Hilgartner hat am Bodensee die Verantwortung für rund 200 Berberaffen.

© dpa/Felix Kästle

Primatenforscher Roland Hilgartner hat am Bodensee die Verantwortung für rund 200 Berberaffen.

Von Frederick Mersi, dpa

Wie überlebt man im Regenwald mitten in einem Tropensturm, wenn kein Kontakt zur Außenwelt möglich ist? Diese Frage bereite ihm weniger Kopfzerbrechen als kaputte Kassen seines Freigeheges am Bodensee, sagt Roland Hilgartner. „Am Affenberg ist die Geduld der Besucher oft nicht allzu groß“, sagt der 45-Jährige und lacht. „In den Tropen fällt es mir leichter, zu improvisieren. Da habe ich die Verantwortung nur für mich allein.“

Mehr als 400.000 Gäste besuchten vor der Corona-Pandemie jedes Jahr den Affenberg in Salem im Bodenseekreis. Dort hat Primatenforscher Hilgartner die Verantwortung für rund 200 Berberaffen. Die Bewohner des Geheges sind eine der weltweit wichtigsten Reservepopulationen der laut Weltnaturschutzunion stark gefährdeten Art - und eine der beliebtesten Touristenattraktionen im Bodenseeraum.

Seit 16 Jahren leitet Hilgartner diese „Schnittstelle zwischen Wissenschaft und breiter Bevölkerung“, wie er den Affenberg nennt. Doch die Arbeit dort allein reicht ihm nicht aus. Seit dem Studium unternimmt Hilgartner regelmäßig Expeditionen in Regenwälder rund um den Globus - auf der Suche nach neuen Affenarten und Fotos ihrer Verhaltensweisen.

Darüber hat Hilgartner nun ein Buch geschrieben und mit seinen Naturfotografien bebildert. „Das Geheimnis der Tränentrinker“ ist bei National Geographic Deutschland erschienen.

„Ich dachte nach dem Studium, dass man über Affen eigentlich schon alles weiß“, sagt Hilgartner. „Das stimmt aber nicht. Ich hatte selbst das Privileg, auf Madagaskar drei neue Arten zu beschreiben.“ Mit seiner Arbeit wolle er Menschen außerhalb von Forscherkreisen zeigen, wie faszinierend und intelligent Primaten sind. „Sonst bleibe ich im Elfenbeinturm der Wissenschaft“, betont Hilgartner. „Es ist aber wichtig, dass die Menschen wissen, dass sich Affen eigentlich nicht als dumme Zirkustiere in der Werbung eignen.“

Für seine Reisen nutze er seine Freizeit, hauptsächlich während der Winterpause des Affenbergs in Salem. Teils können die Tropen-Trips viele Wochen dauern. „Bei einer Expedition wurden einige unserer Beobachtungstiere weggefressen, da mussten wir wieder von vorn anfangen“, sagt Hilgartner. „Aber diese Reisen sind auch für die Arbeit am Affenberg ein Riesenvorteil, weil ich zu fast jeder Affenart persönliche Schilderungen geben kann.“

Wie gefährlich solche Expeditionen sein können, weiß auch die Autorin des Vorworts zu Hilgartners Buch, US-Schauspielerin Ashley Judd („Die Jury“, „Olympus Has Fallen“). Die 54-Jährige hatte sich im Jahr 2021 bei einer Reise zu den stark gefährdeten Bonobos im Kongo an mehreren Stellen das Schienbein gebrochen, als sie über einen Baumstamm gestolpert war. Erst ein halbes Jahr später konnte sie wieder laufen.

Lob für den Primatenforscher

„Die Gefahren sind groß“, schreibt Judd über diese Reisen, „aber man wird mit Außergewöhnlichem belohnt“. Hilgartners Bilder und Geschichten seien ein „Geschenk“, das zeige, „wie heilig das Leben auf unserer Erde ist“. Dieses Lob bedeute ihm viel, sagt der Primatenforscher vom Bodensee. „Sie ist eine der wenigen Menschen, die beurteilen kann, wie viel Arbeit hinter diesen Bildern steckt.“

Trotz dieser Abenteuer werde es ihm bei seinen Berberaffen am Bodensee aber nicht langweilig, betont Hilgartner. „Ich freue mich immer, wenn ich zurück bin.“ Auch nach 16 Jahren überraschten ihn die Tiere in Deutschlands größtem Affenfreigehege ab und an. So habe jüngst erstmals ein Weibchen seine Geburtsgruppe verlassen, obwohl dies eigentlich nur Männchen täten. „Sie hat es auch geschafft, sich in der neuen Gruppe zu etablieren“, sagt Hilgartner. „Das ist total außergewöhnlich, das gab es in den 45 Jahren des Affenbergs nie.“

Manchmal spaziere er morgens oder abends noch einmal durch den etwa 20 Hektar großen Wald bei Salem und beobachte die Tiere, wenn keine Besucher im Park sind. „Da geschieht bei den Berberaffen viel Sozialverhalten. Da vergisst man manchmal, dass es ein Freigehege ist“, sagt Hilgartner. „Das genieße ich.“

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Erstellt:
18. Oktober 2022, 11:32 Uhr

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