Der Pferdehof ist nicht weit

Leben auf dem Land Nicht nur in Pandemiezeiten rücken die Vorteile des Landlebens mehr und mehr in den Vordergrund. Viele Menschen sehnen sich nach einem Leben abseits von Großstadtlärm und Trubel und nah der Natur. Überzeugte Landbewohner erzählen.

Der Pferdehof Adelhelm in den Obertorhöfen ist für Ebru Scharfe und ihre neunjährige Tochter von ihrem Zuhause aus schnell mit dem Rad oder auch zu Fuß erreichbar. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Der Pferdehof Adelhelm in den Obertorhöfen ist für Ebru Scharfe und ihre neunjährige Tochter von ihrem Zuhause aus schnell mit dem Rad oder auch zu Fuß erreichbar. Foto: A. Becher

Von Ingrid Knack

Kirchberg an der Murr. Ebru Scharfe lebt mit Mann und Tochter in Kirchberg an der Murr. Sie schätzt das Leben auf dem Land und die Natur direkt vor der Haustür. „Kirchberg liegt an der Murr wunderbar zwischen Wäldern, Feldern und sogar Weinbergen“, schwärmt sie. Die in Deutschland geborene Frau kennt die Unterschiede zwischen dem Leben in Millionenstädten und in kleinen Ortschaften. Sie hat in Heidelberg und in Adana in der Türkei, wo ihre Eltern herkommen, Germanistik auf Lehramt studiert. Später arbeitete sie in Bursa für die Robert Bosch GmbH und pendelte oft beruflich nach Istanbul.

„Nach zwölf Jahren in der Türkei war ich dermaßen erschöpft, dass ich wieder zurück nach Deutschland wollte. Hier ist alles entspannter, ruhiger, geordneter, strukturierter.“ Ihr Weg führte sie aufs Land, nach Abstatt bei Heilbronn. Nach einem halben Jahr dort musste sie wieder des Berufs wegen vier Jahre lang zwischen Abstatt und Drancy bei Paris pendeln. Als sie ihren Mann kennenlernte und sie eine Familie gründen wollten, suchten sie einen gemeinsamen Lebensort. „Unsere Mitte wäre Ludwigsburg gewesen, ausgehend davon sind wir in Kirchberg gelandet.“ Nur dort fanden sie in Barockstadtnähe ein geeignetes Grundstück. Das war 2010.

Ein Jahr später kam ihre Tochter zur Welt. „Uns gefällt hier die Infrastruktur für Familien mit Kindergarten und Grundschule“, so Scharfe. „Und mich persönlich macht es glücklich, die kleinen Wege zum Bäcker, zum Arzt, zur Apotheke, zur Post, zur Bank zu Fuß zu gehen.“ Dass man sich hier kennt im Dorf, gibt ihr ein gutes Gefühl. Auch dass Familien in einem Wohngebiet zur selben Zeit bauen und Freunde werden und die Kinder gemeinsam aufwachsen. Und dass man sich gegenseitig hilft. „Das alles hatte ich beim Großstadtleben nicht. Man hatte zwar viel mehr Menschen um sich, aber man war einfach anonymer.“ Doch nicht nur das direkte Umfeld hält zusammen. „Die Vernetzung ist einfach sehr schön auf dem Land.“ Ebru Scharfe spricht von Verbundenheit, von Zusammengehörigkeit, von Aktivitäten in den Vereinen oder der CVJM-Familiengruppe.

Verbundenheit mit der Natur und ein Gefühl der Sicherheit

Ebru Scharfe erzählt, dass ihre Tochter schon seit zwei Jahren auf dem Pferdehof Adelhelm in den Obertorhöfen reiten lernt. „Das hätte ich in der Stadt nicht, dass mein Kind alleine mit dem Fahrrad zum Reiterhof fahren oder auch über die Felder dorthin laufen kann. Diese Verbundenheit mit der Natur, mit den Pferden direkt im Lebensort, ist einfach so toll.“ Überdies spricht Ebru Scharfe das Sicherheitsgefühl an, das auf dem Land größer sei als in der Stadt.

Von Mitte 2015 bis 2018 verschlug es die Familie aus beruflichen Gründen dann doch noch einmal weit, weit weg. In die Weltmetropole Kyoto in Japan. Ihr Haus in Kirchberg wurde für diese Zeit vermietet. „Das war dann wieder der Wechsel von klein auf riesig. Wir hatten eine absolut bemerkenswerte Zeit, aber am Ende war es doch wieder schön, zum Kleinen zurückzukehren.“

Ebenfalls seit zehn Jahren lebt die sechsköpfige Pfarrfamilie Weber in Kirchberg. Anne Ruth Weber lobt ebenfalls die Infrastruktur in der Gemeinde, die kurzen Wege im Ort und in die Natur, die Nähe zu anderen Dorfbewohnern, die nicht grußlos an einem vorübergehen, sowie die ÖPNV-Anbindung an Städte. Mitten im Ort wohnen die Webers in einem Haus mit einem großen Garten mit einem alten Baumbestand. Sie halten Hühner und Hasen und „da wir im alten Ortskern wohnen, haben wir auch noch einen Hahn, der krähen darf, das genießen wir in vollen Zügen“. Die Nachbarn der Webers haben zwei Pferde. „Die Kinder wollen hier auf keinen Fall weg“, sagt Anne Ruth Weber. Wie auch immer ihr Leben in den nächsten Jahren verläuft, den Ruhestand jedenfalls will das Pfarrerehepaar in Kirchberg verbringen. Das Gemeinschaftsgefühl auf dem Land sei stark, die Gemeinde in Kirchberg sehr aktiv. Auch die Verbindung zu den Vereinen sei hervorragend. Wer sich einbringe, sei nie allein.

Zu den überzeugten Landbewohnern zählt auch Herbert Zäpf, Abteilungsdirektor des Beratungscenters Immobilien bei der Kreissparkasse Waiblingen. Zum Thema Baupreise auf dem Land gibt er zu bedenken: Hat jemand auf dem Land gebaut und pendelt jeden Tag viele Kilometer zur Arbeit, müsse am Ende in die ehrliche Bilanz auch die Zeit, die man auf der Straße verbringe, und der Treibstoff eingerechnet werden. Und meist benötige eine Familie auch zwei Autos. Zur Preissteigerung sagt der Auenwalder: „Vor zehn bis 15 Jahren haben Sie jedes Grundstück noch grob um die Hälfte des Preises von heute bekommen.“

Kleinere Städte und Gemeinden rund um Stuttgart wachsen mehr und mehr

Nachfrage nach Immobilien Im Gegensatz zu abgehängten Landstrichen, in denen Dörfer veröden, wachsen die Kommunen rund um Stuttgart. Die Nachfrage nach Immobilien ist bei Weitem größer als das Angebot. Das wirkt sich auch auf den Preis aus. „Das Kaufpreisniveau für Wohnimmobilien hat in den vergangenen Jahren im Großraum Backnang und in den umliegenden Gemeinden angezogen – das gilt auch für ländlichere Regionen“, so Jürgen Beerkircher, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Backnang.

Steigende Preiskurve Beerkircher nennt auch ein Beispiel für die steigende Preiskurve: „Unser Immobilienteam hat vor drei Jahren in Oppenweiler eine Wohnung für 120000 Euro verkauft, jetzt kostet eine vergleichbare Wohnung 180000 Euro. In unserer Region ist das Preisgefüge von vor zehn Jahren mit dem heutigen nicht mehr vergleichbar. Unsere Erfahrung zeigt, dass man den Markt für Neubauprojekte hier zum Teil preislich mit dem Gebrauchtimmobilienmarkt in Stuttgart vergleichen kann.“

Infrastruktur „Je besser die Anbindung nach Stuttgart oder ganz allgemein an Bus, Bahn oder Bundesstraße und die Infrastruktur mit Schulen, Ärzten, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten und schnellem Internet, desto höher ist das Preisniveau“, weiß Beerkircher.

Bauvorgaben Gründe für steigende Kosten sind aber auch die wachsenden Vorgaben beim Bau wie energetische Anforderungen, Anschlüsse für Elektromobilität oder mehr Stellplätze. Hinzu kommt laut Jürgen Beerkircher eine Materialknappheit durch Corona, die zusätzlich die Baukosten erhöht habe.

Trend zum Homeoffice Die Bedeutung der eigenen vier Wände hat zugenommen. Viele Menschen wünschen sich mehr Platz und müssen seit der Coronapandemie nicht mehr so häufig zur Arbeit pendeln. Jürgen Beerkicher: „Da kann man sich auch mal nach einer Immobilie etwas weiter weg im ländlichen Raum umsehen. Diese erhöhte Nachfrage könnte für weiter steigende Preise sorgen.“

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Erstellt:
20. November 2021, 11:00 Uhr

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