Die Europameisterschaft ist in Stuttgart angekommen

Zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft war der Schlossplatz gefüllt mit Schotten, Deutschen, Dänen und einem Jordanier, der extra fürs Turnier nach Stuttgart gekommen ist.

Von Frank Rothfuß, Christine Bilger,

Stuttgart - Der Weg war weit. Sehr weit sogar. Da verwundert es nicht, dass die ersten Besucher zeitig dran waren. Kurz nachdem die Fanzone auf dem Schlossplatz um 12 Uhr geöffnet hatte, waren sie schon drin. Der 17-jährige Ahmed und seine 21-jährige Schwester Naghnen wollen unbedingt beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Schottland ganz vorne an der Leinwand sitzen, weshalb sie viele Stunden vor dem Anpfiff um 21 Uhr den noch leeren Schlossplatz aufsuchen. Wo sie her kommen? Aus Jordanien. Klar, Jordanien spielt bei der EM nicht mit, sagt der Student Ahmed, er sei aber ein großer Fan von Deutschland. Deshalb ist er in seinem Urlaub nach Stuttgart gereist, wo Freunde von ihm leben, bei denen er nun pennen kann.

So viel Vorlauf wäre gar nicht nötig gewesen, lange bleibt es ruhig auf dem Schlossplatz. Gegen 19 Uhr füllt sich dann die Fanzone und als um 19.30 Uhr Stuttgarts OB Frank Nopper im Deutschland-Trikot auf der Bühne erscheint, über seine Karriere als Fußballer plaudert und sich selbst als knallhartem Verteidiger den Spitznamen „Stopper-Nopper“ gibt, stehen sie draußen vor den Eingängen Schlange.

Neben dem OB gilt die Bühne zunächst den Gästen. Die University Pipe Band spielt schottische Weisen, natürlich mit Dudelsack. Die Musiker arbeiten alle an der Universität und die Besucher aus der alten Heimat nicken anerkennend. Einige Schotten waren statt nach München, dem Ort des Eröffnungsspiel, nach Stuttgart gereist Andrew Henderson war sogar im offiziellen Auftrag da. Er hat aus schottischer Sicht allerdings einen Geburtsfehler, aufgewachsen ist er in Südengland in England. „Aber ich habe einen schottischen Vater“, sagt er, „und neben England drücke ich Schottland die Daumen.“ Er ist gerade im Auftrag von Stuttgart-Marketing unterwegs und beglückt seine gute Million Fans weltweit mit Fotos aus Stuttgart. Er ist ein Freestyle-Fußballer, posierte für ein Video vor der Grabkapelle und kickte einen Ball in einen Porsche.

Während Nopper mit Worten jonglierte, tat Henderson dies mit dem Ball. Der fünfmalige Weltmeister im Freestyle, brach einen Weltrekord, er schaffte die meisten „around-the-moon control tricks“ in 30 Sekunden. Bisheriger Weltrekordler war Atiq Aziz Sadat aus Bangladesch mit 29. Henderson schaffte 30. Was das heißt? Around the moon, ist nicht rund um den Mond, sondern so oft wie möglich den Ball um den Kopf kreisen lassen. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, einen leicht bewusstseinsverändernden Zustand zu erreichen, andere Schotten wählten eine andere Möglichkeit: das deutsche Bier.

Wie drei Männer, die sich das kühle Blonde bereits mehrere Stunden vor Anpfiff in der Fanzone auf dem Schlossplatz schmecken lassen. Die zwei jüngeren, ein Schreiner und ein Informatiker, leben seit Jahren in Stuttgart. Der Vater des Schreiners ist am Mittwoch extra für die EM aus Schottland angereist. Mit Blick auf das Spiel der schottischen Nationalmannschaft gegen Ungarn am 23. Juni in Stuttgart warnen die drei: „Wenn die vielen Schotten, die derzeit in München sind, nach Stuttgart kommen, wird es crazy.“ Sie kennen ihre Landsleute und haben deshalb eine Empfehlung an die Stuttgarter Kneipen: Biervorräte auffüllen.

Für die vier Jungs aus Gerlingen ist Alkohol hingegen Tabu: „Wir wollten einen guten Platz bekommen“, sagt einer aus der Gruppe auf die Frage, warum sie seit 16 Uhr auf dem Schlossplatz sitzen – ausgerüstet mit Deutschlandfahnen und Tröte. Seit dem Kindergarten kennen sich die Vier, treffen sich immer wieder zum Kicken. Die Vorfreude ist groß. „Heim-EM gibt’s nicht immer“, ruft einer. Alles andere als ein Sieg des deutschen Teams wäre eine dicke Überraschung für sie.

Das Ergebnis war der Reisegruppe aus Taiwan nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, bei der EM dabei zu sein. Extra dafür sind sie nach Deutschland gekommen. Am Freitag war das Dutzend Touristen in Stuttgart angekommen und hatte sich von den Massen auf den Schlossplatz locken lassen. Am Samstag geht’s weiter nach Frankfurt.

Anders macht es die dänische Familie, die Tickets für das Spiel der Dänen am Sonntag gegen Slowenien in Stuttgart ergattert hat. Am Donnerstag sind sie angereist – und kehren in der Nacht nach dem Spiel mit dem Auto zurück. Wenn es nach ihnen geht, hoffentlich mit einem Sieg im Gepäck. Das Trikot von Vater Niklas soll ein gutes Omen sein: Es ist das Shirt von Keeper Peter Schmeichel, mit dem die Dänen 1992 den EM-Titel geholt haben. Gegen wen? Ja, klar: Deutschland – 2:0 hieß es im Finale. Am Freitag bringt sich die Familie in Stimmung, saugt die Atmosphäre auf dem Schlossplatz auf. Bevor es am Sonntag in der Stuttgarter Arena für die Dänen richtig losgeht.

Zum Artikel

Erstellt:
14. Juni 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
15. Juni 2024, 21:58 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen