Die Rückgabe ist eine große Chance

Kamerun erhält deutsches Raubgut zurück – der jetzt gestartete Prozess ist überfällig.

Von Jan Sellner

Stuttgart - Rückgabe, das klingt nach Verlust. Und dieser Eindruck schwingt in Debatten über die Restitution von Kulturgegenständen aus deutschen Museen häufig mit – wenn oft auch nur versteckt als Unterton. Doch das genügt schon, um den Rückgabeprozess zu belasten und ein öffentliches Unbehagen zu erzeugen. Es ist daher wichtig, dass die Direktorin des Völkerkunde-Museen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, Léontine Meijer-van Mensch, den Standpunkt der deutschen Museen jetzt in einer Weise klar gemacht hat, die Zweifel beseitigen hilft: Die Museen, so hob sie zum Auftakt des Restitutionsprozesses mit Kamerun im Linden-Museum in Stuttgart hervor, befürchten durch die Rückgabe keinen Verlust, sondern erhoffen sich im Gegenteil davon einen Gewinn.

Dieser Gewinn besteht in einem Ausbau von Beziehungen, in einem wissenschaftlichen Mehrwert und in neuen Blickwinkeln, die sich aus den Kontakten mit den Herkunftsgemeinschaften ergeben. Die Kulturgegenstände, um die es hier geht, und die ganz überwiegend in den Archiven der Museen lagern, bekommen Leben eingehaucht, wenn Menschen sie betrachten, die den kulturellen Hintergrund kennen, weil es ihr Hintergrund ist. Unter diesem Gesichtspunkt kann man über den Beginn des bundesweit beachteten Restitutionsprozess mit Kamerun nur erfreut sein. Jenseits der Frage von Verlust oder Gewinn ist er vor allem auch inhaltlich geboten. Es geht um die koloniale Vergangenheit und die Frage, wie Deutschland sich dieser Vergangenheit, aus der eine Verantwortung erwachsen ist, stellt. Jede ehemalige Kolonialmacht muss Wege finden, damit umzugehen. Die Art und Weise, wie das seit einigen Jahren in Deutschland erfolgt, zeugt trotz einiger Rückschläge von Ernsthaftigkeit – ausgehend von der Beschäftigung mit Namibia, dem früheren Deutsch-Südwestafrika.

Die Tatsache, dass diese Aufarbeitung so spät einsetzt, und viele der Objekte, bei denen es sich ganz überwiegend um Raubgut handelt, mehr als 100 Jahre lang kolonialgeschichtlich unbearbeitet blieben, zeigt, dass hier eine große Dringlichkeit besteht – gerade aus Respekt vor den Herkunftsgesellschaften. Das gilt ebenso für den Umgang mit den sogenannten human remains, menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten, die sich bis heute zu Tausenden in deutschen Universitätssammlungen und Museen finden.

Baden-Württembergs Kunst- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski hat den Zeitfaktor betont: „Es ist schon viel zu viel Zeit ins Land gegangen“, sagte sie an die Adresse Kameruns gewandt. Weitere Verzögerungen sind in der Tat nicht akzeptabel. Gleichzeitig gilt, dass im gemeinsamen Dialog zunächst eine Fülle von Fragen zu klären sind. Das liegt in beidseitigem Interesse. Rückgabe heißt nämlich nicht: einpacken und fertig. Die Dringlichkeit des Anliegens und die Gründlichkeit der Ausführung müssen sorgfältig ausbalanciert werden, um am Ende zu jener Win-Win-Situation zu kommen, die sowohl die deutschen Völkerkunde-Museen als auch die kamerunische Regierung anstreben.

Letztendlich haben wir es beim Thema koloniale Vergangenheit und Restitution immer auch mit einer Bildungsfrage zu tun. Es geht darum, Wissenslücken zu schließen, weil dieser Teil der Geschichte lange ausgespart oder in verharmlosender Weise behandelt wurde. Der „Platz an der Sonne“, den das Kaiserreich den Deutschen verhieß, war für viele Menschen in Afrika gleichbedeutend mit Tod und Unterdrückung. Zu wissen, wo wir herkommen, bedeutet zu wissen, was damals auf dem afrikanischen Kontinent geschehen ist. Auch dieses Wissen ist ein Gewinn, wenngleich ein schmerzlicher.

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Erstellt:
15. Januar 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
16. Januar 2024, 21:59 Uhr

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