Vollsperrung am Albabstieg

Eine Hass-Liebes-Erklärung an die A8

Wer regelmäßig von Stuttgart nach Bayern fährt, verbringt viel Lebenszeit im Stau über die Alb. Unsere Autorin über große Gefühle auf der Autobahn A8.

Wenn es läuft, bringt einen die A8 schnell zu denen, die man liebt.

Wenn es läuft, bringt einen die A8 schnell zu denen, die man liebt.

Von Lisa Welzhofer

Dass die A8 ein Ort ganz großer Gefühle ist, hat sie am Osterwochenende wieder bewiesen. Sonntag noch flutschte der Verkehr. Die Fahrt aus dem Stuttgarter Kessel ins bayerische Günzburg zur Familie dauerte eine Stunde, 20 Minuten. Kein Stau, nirgends, nicht mal die kleinste Stockung vor dem Albaufstieg.

Es war wie ein motorisierter Osterspaziergang. Die Hangwälder rauschten in zart aufknospendem Frühlingsgrün vorbei. Da ein paar Pferde. Dort die filigrane Filstalbrücke auf Augenhöhe. Die Windräder drehten sich lustig und schon erschienen erst die Türme des AKWs Gundremmingen, dann jene des Ulmer Münsters. Hochgefühle, Heimatgefühle. Schaut raus, Kinder, so schön kann es sein in der mobilen Welt.

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Zwei Tage später dann: plötzlich Vollsperrung, weil die Felsen des Drackensteiner Hangs abzustürzen drohen. Zwei Stunden brauchte es für die drei Kilometer bis zur Ausleitung Merklingen. Die Hörspiele liefen heiß, die mütterlichen Nerven auch. Serpentinenkriechen von „dr Alb ra“ Richtung Mühlhausen. „Mir ist schlecht!“, „Wann sind wir da?“ Die Klimaanlage wurde ausgestellt, weil die E-Auto-Batterie sonst nicht reichen würde bis nach Hause. Vier Stunden später endlich in Stuttgart. Alb-Traum A8!

Auch der Zug schafft es selten gut über die Mergel-Hügel

Wer in Baden-Württemberg lebt, aber die Verwandtschaft in Bayern hat oder auch einfach nur in den Süden will, der kommt um diese verflixte Autobahn nicht herum. Klar, es gibt auch einen Zug. Aber ob der es verspätungsfrei oder überhaupt über die Kalk- und Mergel-Hügel schafft, ist auf dieser Strecke unvorhersehbar. An Ostern beispielsweise war der Bahnhof Ulm gleich ganz gesperrt.

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Und so blieb im Laufe der Jahre viel Lebenszeit auf dieser Strecke. Früher, vor dem Ausbau auf drei Spuren, war die A8 ja noch ein viel größeres Verkehrshindernis. Zweispurig, über weite Teile ohne Seitenstreifen. Ein Unfall und nichts ging mehr. Aber es gab auch diese aufregenden Kindheitsmomente, wenn die Erwachsenen entnervt das Auto verließen, um sich mit anderen Erwachsenen auf dem glühenden Asphalt bei einem Glimmstängel über den ewigen Stillstand in Rage zu reden. Die Kinder kletterten dann auf eine Leitplanke, blickten über die Blechschlange ins Unendliche des Staus. Eine erste kurze Ahnung von der Absurdität menschlichen Tuns, bevor man sich dann über die Wurschtsemmeln hermachte, die nie länger als bis kurz hinter Ulm hielten.

Aber die A8 war, wenn man direkt an ihr aufwuchs, halt auch immer ein Weg raus in die Welt: In den Italienurlaub. In die Discos der nächstgrößeren Städte. Zum Studium, wo man staubedingt den Einschreibungstermin fast verpasste. Schließlich wurde die Autobahn eine Verbindung zwischen alter Heimat Bayern und der neuen Baden-Württemberg. Die West-Ost-Achse steht schon auch für eine Verbindung zwischen den Orten und Lebensabschnitten und Menschen. Und wenn es gut läuft, dann bringt sie einen schnell zurück zu denen, die man liebt.

Die Straße lehrt Demut

Außerdem lehrt sie Demut. Nichts ist planbar, wenn du dafür diese Autobahn brauchst. Kein beruflicher Termin. Kein privates Treffen. Beim Abiball blieb man ohne Tischherren, weil der auch in so einer Vollsperrung festhing. Aber was an einem Tag noch großes Drama ist, wird am nächsten ja schon zur Anekdote. Was soll man auch machen? Die A8 ist eine höhere Gewalt, eine bockige Autobahn-Göttin, die die Menschen halt gern mal in ihre Schranken weist.

Sie hat etwas Ungesetzmäßiges, Märchenhaftes, vor allem am Drackensteiner Hang, wo sie sich durch 200 Millionen Jahre altes Gestein schlängelt. Es geht durch den Nasenfelstunnel über die Drachenlochbrücke, die Himmelsleiterbrücke und die Fischerhäuslebrücke. Die Felsen rücken näher und höher heran. Und es würd einen kaum wundern, wenn von oben die sieben Zwerge winkten. Mit dieser Straße hat der Mensch zwar die Alb bezwungen, aber manchmal, wie jetzt, schlägt die Natur zurück. Auch das kann man lernen auf der A8.

Und keiner weiß warum

„Am Drackensteiner Hang ist Stau und mittendrin steckt meine Frau. Und keiner weiß warum.“ Das sang 1992 die Band „Erich und das Polk“ und man kann es nicht besser sagen. Warum man immer wieder freiwillig auf dieser Straße steht, weiß keiner so genau. Irgendwann löst sich der Stau wieder auf. Dann geht es einfach weiter. Immer weiter.

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Erstellt:
21. April 2022, 11:56 Uhr

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