Markus Lanz weist SPD-Politiker Weil zurecht

„Fracking – ist das nicht überall böse?“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erteilt Gasförderung in seinem Land eine klare Absage. Aber ein Experte und Moderator Lanz zeigen Widersprüche auf.

ZDF-Moderator Markus Lanz fragte nach Gasförderung in Deutschland.

© dpa/Markus Hertrich

ZDF-Moderator Markus Lanz fragte nach Gasförderung in Deutschland.

Von Christoph Link

Das waren klare Fronten beim Thema Gasförderung im Schiefergestein in deutschen Landen, dem sogenannten Fracking. Bei Markus Lanz am Donnerstagabend im ZDF stand es zwei gegen einen: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und die „Zeit“-Journalistin Petra Pinzler waren absolut dagegen, der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel von der Akademie der Technikwissenschaften hält es für machbar und vernünftig. Ist Fracking von Erdgas, das vor allem in Niedersachsen vorkommt, nicht eine wunderbare Methode um 20 Milliarden des knapp 100 Milliarden Kubikmeter hohen Jahresbedarfs an Gas in Deutschland aus heimischer Quelle zu sichern?

„Frackingverbot war ein Fehler“

Kümpel war früher mal Präsident der Gesellschaft für Geowissenschaften und Rohstoffe. Er hält es für einen Fehler, dass es 2013/2014 überhaupt zu einem Frackingverbot in Deutschland unter Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gekommen ist – „ohne, dass die fachliche Seite zum Tragen gekommen sei“. Denn die und eine spätere Expertenkommission sehe Fracking in Deutschland nicht als Risiko- oder Hochrisikotechnologie, trotzdem werde so getan, als ob durch diese Art der Gasförderung „Sodom und Gomorra“ eintreten werde.

Kritiker sollen zum Praktikum

Das schlechte Image von Fracking sei durch einen Film aus den USA von 2010 entstanden, indem gezeigt worden sei, wie sich beim Abfluss von Wasser aus Wasserhähnen Flammen gebildet hätten. Aber das seien gar keine Methangase aus Fracking gewesen, sondern Faulgase aus dem Untergrund. Kümpel hält die Risiken fürs Trinkwasser durch Fracking für gering, die von Erdbeben ebenfalls. Und es sei doch aberwitzig, dass man Fracking-Gas aus den USA über lange Wege importiere, ohne deutsche Fachaufsicht erzeugt, mit hohem Methanschlupf und hohem CO2-Ausstoß beim Transport – „obwohl wir eine absolut sichere Gasförderung hier bei uns haben könnten“. Er empfehle jedem Kritiker, mal ein Praktikum bei einem Bergamt zu machen. Im übrigen könnte Fracking in Deutschland bei verkürzten Genehmigungsverfahren schon nächstes Jahr beginnen.

Niedersachsen – das Texas von Deutschland?

Dagegen hielt Stephan Weil, der auf die immensen Widerstände in der Bevölkerung hinwies: „Sie brauchen nur das Wort Fracking aussprechen, da gehen die Leute schon auf die Palme.“ Dass Niedersachsen eigentlich das „Texas von Deutschland“ sein könnte, wie Markus Lanz referierte, und dass er als Ministerpräsident wie J.R. Ewing über die Prärie reiten könnte, quittierte Weil mit einem Lächeln. Der SPD-Politiker hält Fracking in Deutschland kurzfristig nicht für realisierbar, wenn man nicht die Planfeststellungsverfahren, die Umweltverträglichkeitsprüfung und den Rechtsschutz auf ein Minimum herunterfahre. Langfristig aber werde man Fracking-Gas nicht brauchen, da man sowieso aus fossilen Brennstoffen aussteigen wolle. Den Einwand, dass auch die LNG-Terminals rasch und mit Umweltprüfungen im Schnellverfahren bewilligt worden sind, hielt Weil entgegen, dass es landesweit eine Einsicht in die Notwendigkeit dieser Maßnahme gegeben habe: „Es gab keine einzige Klage gegen die Terminals.“ Im übrigen werde man sie in ferner Zukunft für die Anlieferung von klimaneutralem Wasserstoff nutzen.

Zweifel an Neutralität der Fachwelt

Auch Journalistin Pinzler war der Ansicht, es sei sinnlos jetzt neue Gasquellen zu erschließen, im übrigen sei Frackinggas „fast so schlimm wie Kohle“. Dem Geophysiker Kümpel warf Pinzler vor, dass die angebliche Fachwelt gar nicht so neutral sei und die Industrie über die so genannte Marienstiftung, die Preise stiftete und Studien finanzierte, Einfluss auf die Forschung nahm, „die in eine Richtung tendierte“. Von Kümpel wurde das bestritten. Unwidersprochen aber blieb Pinzlers Analyse, dass sich vor allem die FDP und die CSU für Fracking stark machen, denn die Christsozialen in Bayern würden am liebsten Energiepolitik machen, die nicht den Freistaat sondern andere Bundesländer betreffe.

Auch Bauern „versauen“ das Trinkwasser

Moderator Lanz hatte schon am Anfang der Sendung dem SPD-Ministerpräsident Weil vorgehalten, dass der sich im Wahlkampf gegen den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Lingen im Emsland ausgesprochen hatte – und es dann doch zur Laufzeitverlängerung kam. Da gebe es doch eine Glaubwürdigkeitsfrage. Auch beim Fracking ging Lanz dann auf Konfrontation zu Weil, denn was die Gefahren fürs Trinkwasser anbelange, da müsse man doch auch eine Tatsache sehen: „Niedersachsen hat doch ständig Ärger mit der EU-Kommission, weil Ihre Landwirtschaft das Trinkwasser versaut, Herr Weil.“ Und der Experte Kümpel habe doch immerhin einen Punkt gemacht, meinte Lanz: „Wenn Fracking böse ist, dann ist es doch überall auf der Welt böse.“ Wie könne es dann okay sein, es über LNG-Terminals nach Deutschland zu bringen?

Geothermie finden alle gut

Zumindest in einem Punkt gelang an diesem Abend ein minimaler Konsens. Der Geophysiker Kümpel wies daraufhin, dass eine Erdgaslagerstätte nach drei bis sieben Jahren durch Fracking erschöpft sei und die Bohrlöcher ließen sich dann prima für Geothermie nutzen. Da stimmte auch Stephan Weil zu, Geothermie sei eine gute Sache – aber er will sie ohne Fracking.

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Erstellt:
25. November 2022, 02:36 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2022, 06:33 Uhr

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