Anne Will zur Energiekrise

Gemach, gemach – das Schlimmste kommt erst noch

„Gaskrise in Deutschland – wie hart werden die Folgen?“ will Anne Will in ihrem Sonntagabend-Talk von ihren Gästen wissen. Die Antworten sind düster. „Wir befinden uns in einem fossilen Energiekrieg“, sagt eine Wirtschaftsexpertin.

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen, worauf sich die Deutschen einzustellen hätten als Folge der Gaskrise. Die Antworten waren düster.

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Anne Will diskutierte mit ihren Gästen, worauf sich die Deutschen einzustellen hätten als Folge der Gaskrise. Die Antworten waren düster.

Von Carola Fuchs

Schreckensszenarien, die undenkbar schienen, seien jetzt „erschreckend real“, sagt Anne Will am Sonntagabend zu Beginn ihrer Talkrunde im Ersten: Etwa dass Putin uns den Gashahn ganz einfach zudreht. Die Pipeline Nord Stream 1 ist wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten vom Netz – und ob Russland sie im Juli wieder in Betrieb nimmt, das ist eine der vielen, zurzeit ungeklärten Fragen. Eine andere ist: Wenn nicht – was dann? Wie hart werden die Folgen der Gaskrise, das diskutierte Anne Will mit Claudia Kemfert, Wirtschaftswissenschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Anna Mayr, Redakteurin bei der „Zeit“ und den Politikern Kevin Kühnert (SPD-Generalsekretär), Jens Spahn (CDU-Bundestagsabgeordneter und Ex-Gesundheitsminister) sowie Johannes Vogel (Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion).

„Wir müssen jetzt sparen für den Winter“

Drohen Arbeitslosigkeit, kalte Wohnungen, stillgelegte Industriezweige? „So schwarz würde ich es nicht sehen“, sagte Claudia Kemfert. Dass ohne Putin-Gas nichts gehe in Deutschland, „das stimmt so nicht“. Deutschland sei ein reiches Land und deshalb aktuell in der Lage, „den Asiaten Flüssiggas wegzukaufen“. Aber dunkelgrau sieht sie die Lage schon. Zum einen würden die hohen Preise an die Verbraucher weitergegeben, die Nebenkostenabrechnungen könnten sich gegenüber dem Vorjahr vervierfachen. Und aktuell seien die Gasspeicher lediglich zu 60 Prozent gefüllt.

„Wir müssen jetzt sparen für den Winter“, bis Oktober müssten die Speicher zu 80 Prozent, bis November zu 90 Prozent gefüllt sein. Dabei habe man seit Kriegsbeginn „wertvolle Monate verloren“. So fördere der Bund noch immer Gas-Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Das muss aus Kemferts Sicht ebenso umgehend gestoppt werden wie der Einbau neuer Gasheizungen; stattdessen forderte sie ein „Booster-Programm“ für Wärmepumpen. Kemfert vermisste auch Anreize für die Industrie zu Einsparideen. „Wir sind in einem fossilen Energiekrieg“ und „zahlen den Preis der verschleppten Energiewende. Da müssen wir irgendwie durch“.

Anna Mayr befürchtet soziale Unruhen in Deutschland

Jeder fünfte Deutsche arbeite im Niedriglohnsektor – solche Haushalte kämen da nicht irgendwie durch, warnte die Journalisten Anna Mayr. Durch die Inflation seien die Lebensmittelpreise teilweise um 20 Prozent gestiegen. Familien, die bisher am Ende des Monats nichts mehr übrig gehabt hätten, machten jetzt Miese. Sie warnte vor sozialen Unruhen: Wenn man jetzt nicht dafür sorge, dass alle zu essen hätten und die Wohnungen beheizt werden, „dann wird es nicht so friedlich bleiben“.

Hätte Deutschland besser vorbereitet sein können, das wollte Anne Will von den Politikern in der Runde wissen. Diese Frage habe zwei Ebenen, antwortete Jens Spahn: Hätte die Abhängigkeit von Russland vermieden werden können? Dabei verwies der CDU-Politiker auf den Koalitionsvertrag der Ampel vom vorigen Herbst, die Gas noch immer als Brückenenergie beim Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien bezeichnet. Die zweite Frage: Was ist seit Russlands Angriff auf die Ukraine passiert? „Und da habe ich Fragen“ – etwa warum erst jetzt wieder Kohlekraftwerke hochgefahren werden sollen, um die Verstromung von Gas stoppen zu können. „Das habe ich im März schon gefordert und bin ausgelacht worden im Bundestag.“ Der Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe im März gesagt „wir sind gut vorbereitet“ – jetzt stelle sich heraus: „Wir sind es nicht.“

Vogel: Putin ist ein unberechenbarer Autokrat

Johannes Vogel bezeichnete den russischen Präsidenten Wladimir Putin als „unberechenbaren Autokraten“. Ein Versäumnis der Vergangenheit sei es natürlich gewesen, in Abhängigkeit zu diesem Autokraten zu geraten. Diesen Fehler „lässt Putin uns jetzt spüren“. Der liberale Politiker forderte, nicht nur Kohlekraftwerke wieder hochzufahren, sondern auch an der Atomkraft festzuhalten und Reaktoren, die noch laufen, aber bald abgeschaltet werden sollen, noch länger am Netz zu lassen – wie etwa den Block II des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckarwestheim, der Ende Dezember endgültig ausgedient haben soll.

Kevin Kühnert verwies darauf, dass die Regierung jetzt ja daran arbeite, Vorkehrungen für den Herbst zu treffen und die Bezugsquellen von Gas zu diversifizieren. Übernächste Woche entscheide der Bundestag über die Reaktivierung der Kohlekraftwerke, Energiesparkampagnen liefen an. Die Regierung habe ein 30 Milliarden Euro schweres Entlastungspaket für die Bürger auf den Weg gebracht, als klares Signal: „Wir lassen die Leute nicht alleine.“ Jetzt müsse man aber fragen: „Wem garantieren wir, dass wir die zusätzlichen Belastungen komplett ausgleichen?“ Die künftige Förderung müsse sich gezielt an kleine und mittlere Einkommen richten. „Ich möchte keinen Maßnahmen mehr zustimmen“, von denen „ich und andere Gutverdiener“ profitierten.

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Erstellt:
27. Juni 2022, 10:20 Uhr
Aktualisiert:
27. Juni 2022, 10:47 Uhr

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