Entsetzen in Illerkirchberg

Haftbefehl nach tödlicher Messerattacke auf Schülerin

Polizei an den Straßenrändern, Schulpsychologen im Einsatz, ein gestresster Bürgermeister, Ministerbesuch und Debatten über die Ortsbeleuchtung: Illerkirchberg am Tag nach der Bluttat.

Innenminister Strobl legt Blumen am Tatort nieder. Neben ihm der türkische Botschafter in Berlin, Ahmet Basar Sen.

© dpa/Bernd Weißbrod

Innenminister Strobl legt Blumen am Tatort nieder. Neben ihm der türkische Botschafter in Berlin, Ahmet Basar Sen.

Von Rüdiger Bäßler

Nichts ist, wie es war, am Morgen nach der Bluttat von Illerkirchberg. Nur das frühe Licht, schwach und durchsetzt von grauem Winternebel, der vom Fluss Iller noch verstärkt wird, fällt auf diesen Ort wie schon am Vortag, als kurz nach 7 Uhr zwei Mädchen auf dem Schulweg niedergestochen wurden. Ein Teppich von Blumen, Kerzen, beschriebenen Kärtchen, bemalten Steinen in Herzform hat sich seither am Tatort ausgebreitet, er wird immer größer. Auf Kerzen steht „Warum?“ oder auch „Ruhe in Frieden“. Strategisch geparkte Polizeiautos überall im Ort signalisieren: Hier wird nicht nochmals etwas passieren.

Vier Frauen sind mit dem Auto extra aus der bayerischen Nachbarstadt Senden hergekommen, haben Blumen in der Hand. Eine von ihnen, ebenfalls Mutter, sagt: „Das tut weh.“ Sie kannte das mit einem Messer getötete 14-jährige Mädchen. „Meine Tochter hat mit ihr getanzt.“ Am Nachmittag wollen sich die Mutter und weitere Freunde der schwer getroffenen, aus dem Ortsteil Oberkirchberg stammenden Familie Opfers in Ulm treffen, um miteinander zu reden.

Nach dem Messerangriff vom Montag hat die Polizei einen 27 Jahre alten Asylbewerber aus Eritrea gefasst. Zur Bluttat kam es auf einem schmalen Verbindungsweg direkt vor der Eingangstür einer Asylunterkunft, in der der Mann mit zwei weiteren Landsleuten untergebracht war. Bei der Festnahme im Haus war der Verdächtige selber erheblich verletzt, er wurde in eine Klinik gebracht und dort laut Staatsanwaltschaft stundenlang operiert. Gesagt habe er noch nichts, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Ulm. Aktenkundig sei der 27-Jährige bisher nur einmal geworden: wegen Schwarzfahrens.

„Deutschland muss mal die Augen aufmachen“

Auch das 13-jährige, ebenfalls niedergestochene Mädchen war am Montag in ein Krankenhaus gebracht worden, sein Zustand ist laut Behörden stabil. Die psychische Lage allerdings beurteilen Ärzte laut Ermittlern als „schwierig“. Die 13-Jährige habe mittlerweile erfahren, dass ihre Freundin tot ist. Was die beiden anderen Männer aus Eritrea zur Tataufklärung beitragen können, ist an diesem Montag noch unklar, sie sind von der Polizei nach Befragungen wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Ein junges Paar kommt zum Blumenteppich, die Frau ist Mutter einer vierjährigen Tochter. „Ich habe selber einen Migrationshintergrund, bin keine Rassistin“, sagt sie, während sie im Sekundentakt an einer Zigarette zieht. „Aber Deutschland muss mal die Augen aufmachen.“ Das Land habe „genug“ für die Asylbewerber getan. „Die leben hier alle besser als wir.“ Sie arbeite als Pflegerin in einem örtlichen Alten- und Pflegeheim, komme direkt von der Nachtschicht. Ihr Gesicht ist bleich. Sie zittert, hat den Reißverschluss ihre Jacke bis an den Hals zugezogen.

Vom Tatort aus geht es einen steilen Treppenanstieg hinauf in den Ortsteil Oberkirchberg, in dessen Mitte eine Grundschule liegt. Hier herab kamen die beiden Mädchen vor dem Überfall. Ein Vertreter des staatlichen Schulamts Biberach ist vor Ort. Er wolle die Rektorin nach Möglichkeit unterstützen, sagt er. Einfach mit dem Unterricht weitermachen, das gehe nicht. „Schulpsychologen machen heute Angebote.“ Eine Lehrkraft, die zur Arbeit kommt, wehrt Fragen ab, bittet: „Lassen Sie die Kinder in Ruhe.“ Ein Vater begleitet seine Tochter bis zur Tür, sieht ihr nach, winkt, bis sie verschwunden ist. Seine Stimme klingt gepresst. Mit der Hand deutet er hinunter in Richtung des Tatorts. „Gucken Sie mal, wie dunkel es da ist.“ Seit Jahren werde das moniert – nichts sei geschehen.

Unten in dem kurzen Durchgangssträßchen, wo sich auch noch die Spurenmarkierungen der Polizei vom feuchten Asphalt abheben, steht wirklich keine Straßenlaterne. Bis zur erleuchteten Bushaltestelle an der Hauptstraße hätten die beiden Mädchen am Montag nur noch 50 Meter zu gehen gehabt. Mit dem Bus wollten sie in ihre Schule nach Ulm fahren, wie sonst auch. Im Asylbewerberheim, einem zweigeschossigen Bau aus den fünfziger oder sechziger Jahren, sind fast alle Rollläden geschlossen. Abgeplatzter Putz an der Fassade ist notdürftig zugegipst worden. Vor Mülltonnen stehen drei Fahrräder, in einem metallenen Schneefanggitter auf dem Dach hängen Bälle fest.

Im Asylbewerberheim sind fast alle Rollläden geschlossen

Das Thema Beleuchtung sei noch am Montagabend unter Gemeinderäten beredet worden, sagt der parteilose Bürgermeister Markus Häußler. „Da machen wir jetzt was.“ Er hat kaum Zeit zum Reden, rund um sein Büro im Rathaus eilen Mitarbeiterinnen hin und her, Türen klappen, Telefone klingeln. Für die Mittagszeit hat sich der baden-württembergische CDU-Innenminister Thomas Strobl angekündigt, viel ist zu organisieren, Parkplätze müssen freigeräumt werden.

Die Männer aus Eritrea lebten schon mehrere Jahre in dem Haus

Das Asylbewerberheim gehört der Gemeinde, wie andere Gebäude in gleicher Funktion auch. „Wir haben uns in Illerkirchberg für eine dezentrale Unterbringung entschieden. Ich finde das richtig“, betont der Rathauschef. Knapp 50 Flüchtlinge leben in Unterkünften der Gemeinde. Weitere 25, aus der Ukraine stammende Menschen, so die Auskunft, seien zusätzlich in privaten Unterkünften untergebracht. Laut dem Bürgermeister lebten die Männer aus Eritrea schon mehrere Jahre in dem Haus, vor dem die Mädchen erstochen wurden. „Es herrschte dort eine gute soziale Kontrolle.“ Weshalb sie versagt haben könnte, dazu hat auch Häußler keine Erklärung. Die nächste Sitzung des Gemeinderats ist erst fürs neue Jahr terminiert. Eine öffentliche Aussprache in der Gemeinde dürfte zunächst unterbleiben. „Wir sind eine 5000-Einwohner-Gemeinde. Meine Mittel sind begrenzt“, bedauert der Rathauschef.

Die 14-Jährige ist in Deutschland geboren, ihre Eltern sind Türken

Am Mittag fahren schwarze Autos vor. Neben Minister Strobl ist auch der türkische Botschafter in Berlin, Ahmet Basar Sen, angereist. Der Tross fährt erst zum Tatort nach Oberkirchberg, zu einem stillen Zeichen der Anteilnahme. Es folgen Statements vor der örtlichen Sporthalle. Sen sagt, er habe noch am Vormittag die Familie des getöteten Mädchens getroffen und im Namen der Türkei kondoliert. Die 14-Jährige ist in Deutschland geboren, ihre Eltern sind Türken. Er hoffe auf „vollständige Aufklärung“, so der Botschafter, denn die türkische Gemeinde in Deutschland werde „bei solchen Straftaten sofort unsicher“. Im Ulmer Stadtteil Söflingen werden sich etwa eine Stunde später Hunderte schwarz gekleidete Mitglieder der türkischen Gemeinde versammeln.

Politik warnt vor vorschnellen Schlüssen

Der Minister Strobl sagt: „Die Hintergründe der Tat, insbesondere die Motivlage, sind bis zur Stunde unklar.“ Am Morgen hatte der baden-württembergische Ministerrat eigens eine Sitzung für eine Gedenkminute unterbrochen. Danach hatte sich auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Wort gemeldet. „Ich kann nur warnen, irgendwelche Zusammenhänge aufzustellen, bevor überhaupt die Tat aufgeklärt ist“, sagte er – wohl auch in Richtung der AfD, wo schon die Bundesfraktionsvorsitzende Alice Weidel kräftig gegen Strobl ausgeteilt, einen „fortgesetzten Kontrollverlust in der Migrationspolitik“ festgestellt und Konsequenzen gefordert hatte. Die Deutungshoheit hat die AfD an diesem Tag nicht. Via Twitter meldet sich die SPD-Innenministerin Nancy Faeser, schreibt: „Ich trauere um das getötete Mädchen und hoffe inständig, dass das verletzte Mädchen gesund wird.“

Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes

Es gebe, fügt Strobl in der Sporthallenkälte von Illerkirchberg hinzu, „keinerlei Erkenntnisse auf eine politische oder religiöse Motivation“. Die Straftat werde vollständig aufgeklärt und von der Justiz geahndet, so die Ankündigung.

Kann sein, das erweist sich noch als ein brüchiges Versprechen. Die Ulmer Staatsanwaltschaft teilt mit, sie prüfe unter anderem, ob es Anhaltspunkte für eine verminderte oder ausgeschlossene Schuldfähigkeit des Hauptverdächtigen gibt. Bis zur Klärung wird der 27-Jährige noch am Dienstag in ein Justizvollzugskrankenhaus verlegt. Dann erlässt eine Richterin Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes.

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Erstellt:
6. Dezember 2022, 18:02 Uhr
Aktualisiert:
6. Dezember 2022, 18:16 Uhr

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