Europawahl 2024

„Höcke und Krah streben die Vorherrschaft Deutschlands in Europa an“

Der Soziologe Andreas Kemper forscht seit 2012 zu rechtsextremen Netzwerken. Im Gespräch erklärt er, was den AfD-Politiker Maximilian Krah mit der Piusbruderschaft verbindet und und weshalb es zu einer Spaltung der Rechten in Europa kommen könnte.

Andreas Kemper setzt sich seit vielen Jahren kritisch mit der Ideologie der Neuen Rechten auseinander.

© imago//Detlef Heese

Andreas Kemper setzt sich seit vielen Jahren kritisch mit der Ideologie der Neuen Rechten auseinander.

Von Sebastian Jutisz

Andreas Kemper forscht als Soziologe zu rechtsextremen Netzwerken, Antifeminismus und Klassismus. Die AfD beobachtet er seit 2012. Im Zuge seiner Recherchen fand er heraus, dass AfD-Politiker Björn Höcke unter dem Pseudonym Landolf Ladig für eine NPD-nahe Zeitschrift geschrieben hat. Im Interview spricht er über die Radikalisierung der AfD und die Vision der Rechten für Europa.

Herr Kemper, inwiefern könnte das Attentat in Mannheim, bei dem ein in Deutschland lebender Afghane den Islamkritiker Michael Stürzenberger angriff, der AfD bei der Europawahl nutzen?

Alice Weidel hat überstürzt versucht, das Attentat zu instrumentalisieren. Dabei ist sie auf eine gefälschte Pressemitteilung hereingefallen, die vom Innenministerium stammen sollte. Weidel behauptete, Innenministerin Nancy Faeser (SPD) habe dazu aufgerufen, ein Video von der Messerattacke in Mannheim nicht weiter zu verbreiten, weil dies der AfD nützen könnte. Später hat sie sich zwar bei Faeser entschuldigt, gleichzeitig aber betont, der Tenor ihrer Rede sei richtig gewesen. Das zeigt, dass das Attentat der AfD gut in den Kram passt. Seit Januar verliert die AfD kontinuierlich an Zustimmung in der Umfragen. Gut möglich, dass sie nun wieder etwas an Auftrieb gewinnt.

Wie erklären Sie sich die Zustimmungsverluste in diesem Jahr?

Die AfD lag vor zwei Jahren bei sieben Prozent, im Januar diesen Jahres dann bei fast 24 Prozent. Ich schätze, dass es eine Stammwählerschaft von um die sieben Prozent gibt, auf die Skandale kaum einen Einfluss haben. Auf die Wechselwähler haben die Recherchen von „Correctiv“ zu dem Treffen von Rechtsextremisten in Potsdam, die Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und der Spionageverdacht gegen einen Mitarbeiter von Maximilian Krah hingegen durchaus eine Wirkung gehabt.

Wie würden Sie Maximilian Krah, Spitzenkandidat für die Wahl des EU-Parlaments, ideologisch einordnen?

Krah gehört dem rechtskatholischen Milieu an, das stark antifreiheitlich und antiplural orientiert ist. Diese extrem radikalen Leute befinden sich in Opposition zum Papst. Sie kämpfen beispielsweise für die Alte Messe, die von Franziskus 2021 weitgehend verboten wurde und lehnen die Erklärung „Nostra aetate“ ab, in der die Kirche anerkennt, dass auch andere Religionen wahr sein können. Krah hat als Rechtsanwalt die traditionalistische Piusbrüderschaft beraten, ein extrem rechter Verein. Zudem soll Krah seinen Sohn nach Pius XII benannt haben, der aufgrund seiner Haltung zum Nationalsozialismus höchst umstritten ist.

Ist die Wahl Krahs zum Spitzenkandidaten für die Europawahl beim Parteitag in Magdeburg 2023 Zeichen einer weiteren Radikalisierung der AfD?

Zweifelsohne. Die AfD hat Krah zum einen zum Spitzenkandidaten gekürt, weil er sich gut verkauft. Zum anderen zeigt er sich gegenüber der völkischen Strömung innerhalb der Partei aufgeschlossen, für die Björn Höcke steht. Den EU-Abgeordneten und den Thüringer Landesvorsitzenden eint die Vorstellung, der germanische Mythos müsse an die Stelle des Logos, des aufklärerischen Konzepts der Vernunft, treten. Krah hat einmal Roberto Bellarmino als seinen „Lieblingsheiligen“ bezeichnet. Bellarmino spielte eine wichtige Rolle im Kampf der katholischen Kirche gegen Galileo Galileis Theorie der Erdbewegung um die Sonne. Wie damals die Klerikalen treten Krah und Höcke als Gegner der Naturwissenschaften auf, die auf die Gefahren des Klimawandels oder des Coronavirus hinweisen.

Welche Ziele verfolgen Krah und die AfD für Europa?

Krah steht Götz Kubitschek nahe, einem Vordenker der Neuen Rechten. In der von Kubitschek geleiteten Zeitschrift „Sezession“ wird die Vision einer multipolaren Welt propagiert, die in mehrere „Kulturkreise“ eingeteilt sind. Diese Kulturkreise sind völlig voneinander abgeschottet, Migration soll es nicht geben. Jeder Kulturkreis wird von einem „Kernland“ dominiert. Krah und Höcke streben die Vorherrschaft Deutschlands in Europa an. Deutschland soll zu einem „germanischen Kernland“ für Europa werden. Dieses Ziel soll Höcke und Kubitschek zufolge aber nicht in erster Linie auf parlamentarischen Wege erreicht werden, sondern mittels eines Bürgerkrieges, der als Folge verschiedener Krisen heraufbeschwört wird.

Inwiefern deutet sich eine Spaltung der Rechten in Europa an?

Nachdem Krah in einem Interview die Verbrechen der Waffen-SS relativiert hatte, wurde die AfD aus der Fraktion Identität und Demokratie (ID) ausgeschlossen. Krah hat seitdem Auftrittsverbot bei Wahlkampfveranstaltungen, bleibt aber Spitzenkandidat. Es ist möglich, dass der Rauswurf rein taktisch war. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat bereits die französische Präsidentschaftswahl 2027 im Blick. Allerdings gibt es tatsächlich einen Streit innerhalb der Rechten im Hinblick auf Russland. Der AfD-Ideologe Kubitschek hat Viktor Orbán beschuldigt, hinter dem Rauswurf zu stecken und ihn als Marionette der USA beschimpft, obwohl der ungarische Premier als Putin-Freund gilt. Zudem warnt AfD-Vorstand Tino Chrupalla vor einer „Melonisierung“ der Partei, eine Anspielung auf den EU-freundlichen Kurs Giorgia Melonis und Italiens Unterstützung der Ukraine. Ich gehe davon aus, dass die AfD nach der Wahl versuchen wird, gemeinsam mit der österreichischen FPÖ eine prorussische Fraktion zu gründen.

Werdegang und Publikationen

WerdegangKemper ist in Nordhorn aufgewachsen, wo beide Eltern in der Textilindustrie arbeiteten. Er studierte Philosophie, Soziologie und Pädagogik in Münster und Berlin. Kemper arbeitet als freier Soziologe und Publizist.

PublikationenAndreas Kemper hat mehrere Bücher zur Ideologie der Neuen Rechten verfasst. In „Keimzelle der Nation?“ untersucht er die Familien- und geschlechterpolitischen Positionen der AfD. Letztes Jahr veröffentlichte er die Studie „Privatstädte“, die aufzeigt, wie fanatisch-neoliberale Netzwerke an der Entwicklung von Privatstädten arbeiten, in denen private Unternehmen als unumschränkte Eigentümer jegliche Demokratie ersetzen sollen.

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Erstellt:
5. Juni 2024, 15:04 Uhr
Aktualisiert:
5. Juni 2024, 16:18 Uhr

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