Prozess gegen Reichsbürger

„Im Traum kommen Scheinwerfer auf mich zu“

Der Polizeibeamte, der bei einer Kontrolle bei Lörrach von einem mutmaßlichen Reichsbürger überfahren wurde, findet nur schwer wieder ins Leben zurück.

Ein 62-jähriger Mann muss sich vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart wegen versuchten Mordes an einem Polizisten verantworten.

© dpa/Bernd Weißbrod

Ein 62-jähriger Mann muss sich vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart wegen versuchten Mordes an einem Polizisten verantworten.

Von Eberhard Wein

Mit quietschenden Reifen stellt Polizeihauptkommissar Thomas W. (Name geändert) seinen Streifenwagen quer. Der 40-Jährige ist ein erfahrener Beamter und in dieser Nacht Wachhabender im Revier der Verkehrspolizei in Weil am Rhein. Wenn es hart auf hart kommt, geht der Chef selbst hinaus – so wie in dieser Nacht des 7. Februar. Mehrfach hat ein Autofahrer die Polizei genarrt, hat Anhaltesignale ignoriert und bei einer Kontrolle plötzlich wieder Gas gegeben. Jetzt steht der flüchtige weiße A-Klasse-Mercedes auf der B 3 bei Efringen-Kirchen, ein weiterer Polizeiwagen hintendran. Jetzt soll der Zugriff gelingen.

Was in jener Nacht im äußersten Südwesten des Landes passiert ist, verfolgt Thomas W. seither bis in seine Träume. „Scheinwerfer kommen auf mich zu, ich sehe die Silhouette einer Windschutzscheibe“, berichtet er am Mittwoch beim Prozess vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart. Dann wache er auf, oft könne er nicht mehr einschlafen. An eine Rückkehr ins Polizeirevier sei auch jetzt, mehr als neun Monate nach dem Ereignis, nicht zu denken. „Wenn ich Martinshorn, Schüsse oder einen lauten Knall höre, kommt alles wieder hoch“ – und jetzt besonders, da der Prozess gegen den damaligen Fahrer des weißen Mercedes begonnen hat.

Der Angeklagte macht sich eifrig Notizen

Angeklagt ist ein 62-jähriger Mann, den die Behörden dem Reichsbürger-Milieu zuordnen. Die Bundesanwaltschaft, die den Fall an sich gezogen hat, wirft ihm versuchten Mord vor. Er soll den 40-jährigen Polizeibeamten eiskalt über den Haufen gefahren haben. Zum Prozessauftakt hatte er sich ausführlich zu seinem Vorleben geäußert, zur Tat schwieg der Mann. Während nun das damalige Opfer spricht, hört er aufmerksam zu und macht sich eifrig Notizen.

Schnell muss es gehen, damit der Fahrer keine Zeit habe zu reagieren, habe er sich damals gedacht, erinnert sich derweil Thomas W. an die letzten Sekunden, bevor er auf der Kühlerhaube des Mercedes landete. Um seine beiden Kollegen zu unterstützen, die sich von hinten dem Fahrer näherten, sei er aus seinem Polizeiwagen gesprungen, habe das Martinshorn weiter dröhnen lassen und nicht einmal den Automatikhebel auf P gestellt. Allerdings habe er seine Dienstwaffe aus dem Holster gezogen. Genau eine Woche zuvor hatten in Rheinland-Pfalz zwei Wilderer zwei Beamte erschossen.

Selbst beim Schmusen tut es weh

An alles weitere hat Thomas W. keine Erinnerung. Anders seine beiden Kollegen, die ebenfalls als Zeugen aussagten: Der Fahrer sei plötzlich mit seinem Auto zurückgestoßen, habe ihren Polizeitransporter leicht touchiert und sei dann davon gebraust, direkt auf Thomas W. zu. „Es war dramatisch mit anzusehen, wie der Kollege über den Haufen gefahren wurde.“ Erst nach 30 Metern sei er von der Kühlerhaube gerutscht und blutend auf dem Asphalt liegen geblieben.

Thomas W. erlitt vier Frakturen im Gesicht und Verletzungen an den Beinen. Das meiste ist verheilt, die Gesichtschirurgen haben gut gearbeitet. Doch wenn seine dreijährige Tochter zum Schmusen komme, schmerze seine linke Gesichtshälfte. Schlimmer seien aber die Verletzungen an der Seele. Er habe sein Selbstvertrauen verloren, sei emotional abgestumpft, schnell gereizt. „Ich bin charakterlich ein anderer Mensch geworden. Manchmal kann ich mich selbst nicht ausstehen.“

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Erstellt:
23. November 2022, 18:18 Uhr

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