Politologe Michael Wehner

„Jugendliche probieren sich aus, auch beim Wählen“

Bisher hat die AfD bei Jungwählern in Baden-Württemberg kaum Erfolge erzielt. Das hat sich am Sonntag geändert. Der Freiburger Politikwissenschaftler Michael Wehner erklärt, was das mit Tiktok, aber auch mit Corona zu tun hat.

Die hohe Stimmenzahl für die AfD bei der Europawahl in Baden-Württemberg überrascht  Professor Michael Wehner nicht.

© privat/Patrick Seeger

Die hohe Stimmenzahl für die AfD bei der Europawahl in Baden-Württemberg überrascht Professor Michael Wehner nicht.

Von Eberhard Wein

Bei der Europawahl vor fünf Jahren hat noch jeder dritte Jungwähler die Grünen gewählt, jetzt ist es nur noch jeder Zehnte. Auch im Wahlergebnis der Jugendlichen spiegele sich die politische Großwetterlage, sagt Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg. Aber es gibt auch jugendspezifische Gründe.

Herr Professor Wehner, wie erklären Sie den Absturz der Grünen bei den jungen Wählern?

Grüne und FDP haben in der Vergangenheit bei der Alterskohorte der Erstwähler besonders punkten können. Jetzt sind sie in der Ampelkoalition miteinander verwoben und müssen so viele Abstriche an ihrer Programmatik machen, was offenbar bei Jungwählern besonders schlecht ankommt. Es ist allerdings auch Teil der jugendlichen Identität, sich auszuprobieren. Das erklärt auch den größeren Erfolg von kleinen Gruppierungen, wie zum Beispiel der europafreundlichen Volt-Partei. Die Europawahl lädt dazu ja auch ein, weil die Wahlentscheidung nicht direkt in eine Regierung mündet und die nicht vorhandene Sperrklausel auch zu unkonventionellerem Wahlverhalten ermuntert.

Bisher waren die Grünen bei den Jungwählern immer besonders beliebt.

Aus der Shell-Studie wissen wir, dass Jugendliche in früheren Jahren progressiver als der Durchschnitt wählten. Aber auch ihr Wahlverhalten ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, das die gesellschaftliche Großwetterlage abbildet. Das wichtigste Thema ist nicht mehr der Klimawandel, sondern der Ukrainekrieg und die wirtschaftliche Lage mit der Teuerung. Jetzt handelt es sich um den klassischen Reflex. Bei all den Problemen sehnt man sich nach dem nationalstaatlichen Container. Hinzu kommt aber eine Besonderheit dieser Alterskohorte: Es ist die Corona-Generation, die sich von der Politik vernachlässigt und von den etablierten Parteien missachtet fühlt.

Wie viel Tiktok steckt in dem Ergebnis?

Sicher eine ganze Menge. Die Verweigerungstaktik der etablierten Parteien, aber auch von Bildungseinrichtungen wie meiner gegenüber den sozialen Medien hat dazu geführt, dass die AfD sich dort einen großen Vorsprung verschaffen konnte. Es ist bekannt, dass zwei Drittel der Jugendlichen sich nicht über klassische Medien informieren.

Abgesehen vom Saarland ist Baden-Württemberg das westliche Bundesland mit dem höchsten AfD-Anteil. Können Sie das erklären?

Da schlägt die politische Kultur unseres Bundeslandes durch. Auch Parteien wie die NPD und die Republikaner hatten ja nicht nur im Osten, sondern auch hier immer wieder Erfolge. Baden-Württemberg steht mehr als andere Bundesländer für eine soziale Leistungsorientierung und für Regelbewusstsein. Da kommt ein Selbstverständnis zum Ausdruck, dass wir besser sind als die anderen und wer sich nicht anpasst, hat hier nichts zu suchen. Früher hat man da auf den Pietismus als diesseitige Ideologie verwiesen, der solche Normvorstellungen befördert. Das ist durchaus kompatibel mit rassistischen Vorstellungen.

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Erstellt:
10. Juni 2024, 15:42 Uhr
Aktualisiert:
12. Juni 2024, 10:46 Uhr

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