Gesellschaftsstudie

Krieg beeinflusst Zukunftspläne junger Menschen

Die Hoffnung war groß, nach den Einschränkungen der Pandemie wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren zu können. Doch die Angst vor dem Krieg trübt diesen Optimismus nun besonders bei den unter 30-Jährigen. Die Folgen sind häufig Erschöpfung und Antriebslosigkeit, wie eine neue Studie zeigt.

Gleich mehrere globale Krisen haben besonders bei jungen Menschen in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen.

© dpa/Fernando Gutierrez-Juarez

Gleich mehrere globale Krisen haben besonders bei jungen Menschen in Deutschland deutliche Spuren hinterlassen.

Von Nils Buchmann

Ohne Leidenschaft Geld verdienen und die eigenen Ziele erreichen – so lässt sich der Lebensentwurf junger Menschen, die durch die Krisen von Antriebslosigkeit geplagt werden, vereinfacht zusammenfassen. Es ist auf den ersten Blick ein Widerspruch, den die neueste Studie zu Erwartungen, politischen Themen und zum Gemütszustand von unter 30-Jährigen zutage gefördert hat. Die Folgen der Pandemie und die Angst vor dem Ukraine-Krieg haben zu einem ambivalenten Stimmungsbild unter jungen Menschen geführt.

Geld ist wichtiger als Spaß

Die Jugendforscher Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann stellten am Dienstag in Berlin ihre repräsentative Sommerstudie zur „Jugend in Deutschland“ vor, für die sie Menschen zwischen 14 und 29 Jahren – die Geburtenjahrgänge 1993 bis 2008 – hatten befragen lassen. Für viele dieser Menschen gehören Krisen zum Alltag, doch trotz Wirtschafts- und Flüchtlingskrise, Fukushima-Katastrophe und Klimawandel haben die Coronapandemie und der Ukraine-Krieg den Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders zugesetzt.

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Der Krieg und die Pandemie haben Geld und das Erreichen von Zielen zu den dominierenden Leistungsmotivationen werden lassen. Spaß, Sinn und Sicherheit sind weniger bedeutungsvoll, während die Karriereplanung und Leidenschaft für eine Tätigkeit überhaupt keine relevanten Aspekte mehr sind. Man könne daraus jedoch keinen Drang hin zu materiellen Werten ableiten, sondern vielmehr gestiegene Existenzängste, sagt Schnetzer. Es gehe angesichts der Unsicherheit der weiteren Kriegsentwicklung um Wohlstandssorgen und Zukunftsängste: „Wenn jungen Menschen ein Langzeitziel fehlt, dann bedeutet das für sie: Ich muss versuchen, dass mein Leben und Arbeiten im Jetzt meine Lebensqualität maximiert.“

Das erklärt die aktuelle Zerrissenheit der Gruppe: Einerseits hat sie die veränderte weltpolitische Lage mit ihren neue Gefahren erkannt. Die Angst vor dem Krieg (68 Prozent) hat jene vor dem Klimawandel (55) als Spitzenreiter der Sorgen abgelöst.

Wunsch nach psychologischer Hilfe

Andererseits haben die Befragten ihre persönlichen Verhaltensweisen dieser neuen Lebensrealität noch nicht angepasst. Denn das fehlende Langzeitziel hat eine Generation zurückgelassen, die infolge der Pandemie das Verlangen hat, Verpasstes nachzuholen und sich wieder mit einer gewissen Sorglosigkeit treiben lassen zu können. Weil Krieg und Inflation dies momentan aber nicht zulassen, entstehen Antriebslosigkeit und Erschöpfung, die 35 beziehungsweise 32 Prozent der Befragten als persönliche Zustandsbeschreibungen anführen. So ist es wenig verwunderlich, dass sich die Befragten vielfach mehr Unterstützung beim Umgang mit psychischen Belastungen sowie Hilfe beim Erlernen von Sozial- und Lebenskompetenz wünschen.

Seit 2010 werden für „Jugend in Deutschland“ – inzwischen halbjährlich – die Einstellungen, Gefühle und Erwartungen junger Menschen erfragt. An der aktuellen Sommerstudie nahmen zwischen dem 9. und 21. März insgesamt 1021 Menschen teil.

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Erstellt:
3. Mai 2022, 16:34 Uhr
Aktualisiert:
3. Mai 2022, 21:47 Uhr

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