Wirecard-Prozess

Kronzeuge belastet Ex-Wirecard-Chef

Wirecard sei ein Unternehmen von Hasardeuren, Kriminellen und Verrätern gewesen. „Ich schließe mich jeder dieser Klassifizierungen bewusst an“, betont der Mitangeklagte und Kronzeuge Oliver Bellenhaus in seiner Aussage vor Gericht und belastet den Hauptangeklagten Markus Braun schwer.

Oliver Bellenhaus (mitte) im Gerichtssaal. Hinter ihm stehen Markus Braun (rechts) und dessen Verteidiger Alfred Dierlamm.

© dpa/Lukas Barth

Oliver Bellenhaus (mitte) im Gerichtssaal. Hinter ihm stehen Markus Braun (rechts) und dessen Verteidiger Alfred Dierlamm.

Von Thomas Magenheim

Es ist der Beginn eines langen Auftritts von Oliver Bellenhaus. Über mehrere Prozesstage will der mitangeklagte Kronzeuge im Wirecard-Betrugsprozess enthüllen, wie dort 1,9 Milliarden Euro Konzernvermögen frei erfunden wurden. Rasch geht es im Hochsicherheitssaal des Landgerichts München in die Vollen. „Wirecard war ein Krebsgeschwür, das wild und unentdeckt wucherte“, charakterisiert der 49-jährige den früheren Dax-Konzern und gesteht Mitschuld. „Erst waren es kleine, dann große Lügen, aber ein Schwindel war die ganze Sache von Anfang an“, betont der Ex-Statthalter von Wirecard im arabischen Dubai. Dort saß er mit im Zentrum des von ihm gestandenen Betrugs im Milliardenmaßstab. Haupttäter aber sei mit Markus Braun ein anderer gewesen.

Die Aussage zu verhindern ist gescheitert

Der war einmal Chef von Wirecard und sitzt nun mit dessen Ex-Chefbuchhalter Stefan E. sowie Bellenhaus auf der Anklagebank „Doktor Braun ist ein absolutistischer Vorstandsvorsitzender gewesen, der sagte, wo es langgeht“, beschreibt der Kronzeuge das Wesen und die Rolle Brauns. Der habe geherrscht und Unangenehmes an Adlaten delegiert. Spätestens jetzt wird klar, warum Brauns Anwalt zu Beginn des Prozesstags versucht hatte, die Erklärung von Bellenhaus zu verhindern und den Strafprozess auf unbestimmte Zeit verschieben zu lassen.

Zumindest vorerst ist er damit gescheitert. Der Kronzeuge redet und redet und belastet dabei seine beiden Mitangeklagten sowie andere Ex-Manager von Wirecard schwer.

Einer davon sitzt mit Jan Marsalek nicht auf der Anklagebank, weil er seit zweieinhalb Jahren flüchtig ist. „Ich erwarte nicht, dass Sie meine Anweisungen verstehen, sondern dass Sie sie umsetzen“, habe ihm dieser einmal klipp und klar erklärt, sagt Bellenhaus.

Marsalek beschreibt er als zweiten Kopf der Managerbande, die alle kriminellen Taten gemeinsam geplant und ausgeführt habe. Ihm und Braun bescheinigt er machiavellistische Eiseskälte. Angeklagt sind Betrug, Untreue und Marktmanipulation, was am Ende einen Milliardenschaden anrichtete.

Um reales Geschäft zu simulieren, wurden Gelder hin und her geschoben

Beim eigenen kriminellen Tun habe er eng mit dem Mitangeklagen Stefan E. und Marsalek kooperiert, beschreibt Bellenhaus mehrmals beispielhaft. Auch von Besprechungen zum Verschleiern des kriminellen Tuns mit Braun berichtet er. Persönlich miterfunden habe er Buchungen für angebliche Geschäfte in Asien, die dann in Wirecard-Bilanzen als echte Umsätze und Gewinne verbucht worden seien. Scheinverträge ohne reales Geschäft habe man fingiert, um von Braun vorgegebene Geschäftsprognosen auf dem Papier zu erfüllen. Um reales Geschäft zu simulieren, seien Gelder immer wieder im Kreislauf von Tochter- zu Tochterfirma geschickt worden.

„Gradmesser war der Aktienkurs und dafür war jedes Mittel recht“, betont der 49-Jährige. Immer größer seien erfundene Scheingeschäfte geworden, bis schon vor 2017 einen Punkt erreicht war, an dem es keine Umkehr mehr gab. Bellenhaus spricht von einer „Unkultur“ bei Wirecard, die von blinder Loyalität zu Braun, Unterwürfigkeit und Willigkeit geprägt war. Selbstüberschätzung habe die Bande in Nadelstreifen immer weitermachen lassen, obwohl es für ihn selbst irgendwann nur noch ein Warten auf das unausweichliche Ende gewesen sei. Das kam im Juni 2020 in Form der Wirecard-Insolvenz.

Die verschwundenen Milliarden sollen erfunden sein

Als Höhepunkt der Scharade beschreibt Bellenhaus angebliche Treuhandguthaben von 1,9 Milliarden Euro. „Über deren Existenz kann es keine zwei Meinungen geben“, betont er. Es habe das Geld nie gegeben. Beweisen könne er das nicht wirklich. Nicht-Existenz zu beweisen sei aber immer unmöglich.

Anders sehen das Braun und Verteidiger Alfred Dierlamm. Ihnen zufolge hat es die 1,9 Milliarden Euro und darauf entfallende Geschäfte gegeben. Das Geld sei von einer Bande um Marsalek und Bellenhaus geraubt worden. Braun sei deren Opfer und habe mit dem Milliardenraub nichts zu tun.

Ein „gelebtes System offenen Betrugs“

Sich als Opfer zu inszenieren, sei bekanntes Wirecard-Muster, kontert Bellenhaus. Das wiederhole sich nun im Gerichtssaal. „Brauns Taktik war stets, falsche Fährten zu legen“, betont der 49-jährige. Das „gelebte System des offenen Betrugs“ bei Wirecard gehe aber maßgeblich auf ihn zurück. Eigenes Zutun stellt der Kronzeuge nicht in Abrede und räumt ein, Teil eines inneren Zirkels der Wirecard-Betrugsbande gewesen zu sein. „Ich bereue zutiefst, wesentliche Voraussetzungen für einen immensen Schaden geschaffen zu haben“, sagt er. Wirecard sei ein Unternehmen von Hasardeuren, Kriminellen und Verrätern gewesen. „Ich schließe mich jeder dieser Klassifizierungen bewusst an“, betonte der Mitangeklagte.

Auch Braun will nun reden. Dierlamm stellt für die zweite Januar-Hälfte eine Erklärung seines Mandanten in Aussicht. Zuvor will Richter Markus Födisch noch über die beantragte Prozessaussetzung entscheiden. Für anhaltende Spannung ist gesorgt.

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Erstellt:
19. Dezember 2022, 16:46 Uhr
Aktualisiert:
19. Dezember 2022, 16:57 Uhr

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