„Mehr erfahren“

E-Scooter sind gerade der Renner. Allerdings eher in Großstädten als auf dem Lande. Die elektrisch betriebenen Roller haben viele Vorteile, aber auch etliche Nachteile. Wie bewähren sich die Miniflitzer im Alltag?

Thomas Nick (links) und Manuel-Roy Schweikart aus Unterweissach sind durch Zufall in Berlin auf die Scooter gestoßen. „Das erste Mal war die Einstiegsdroge“, sagen die beiden. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Thomas Nick (links) und Manuel-Roy Schweikart aus Unterweissach sind durch Zufall in Berlin auf die Scooter gestoßen. „Das erste Mal war die Einstiegsdroge“, sagen die beiden. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG/WEISSACH IM TAL. Mit dem einen Fuß aufs Trittbrett stellen, mit dem anderen kurz abstoßen – schon weht einem etwas Fahrtwind um die Ohren, wie in Kindertagen auf dem Tretroller. Jetzt aber der kleine, aber feine Unterschied: der Gashebel! Betätigt man diesen, rauscht der Miniflitzer los, als hätte jemand eine kleine Rakete gezündet. Einfach ein tolles Gefühl, das wohl jeden begeistert. Ihr erstes Mal – auf dem E-Scooter – werden Thomas Nick und Manuel-Roy Schweikart wohl nicht so schnell vergessen. Aber dazu später.

Die beiden 38-Jährigen, die seit vier Jahren in Partnerschaft leben, haben vor drei Jahren eine nette Bleibe in Unterweissach gefunden. Thomas Nick hatte zuvor schon viele Jahre in Backnang gewohnt, ist hier zur Schule gegangen, und ist jetzt unter anderem Rehatrainer im WM-Studio. „Ich komme ursprünglich aus Berlin, da leben wir auch noch mit halbem Fuß“, erläutert Manuel-Roy Schweikart. Er selbst bezeichnet sich als Weltbürger, der als Modedesigner in weltbekannten Haute-Couture-Betrieben groß geworden ist und jetzt die Kostümwerkstätten am Theater Heilbronn leitet. Zudem ist er Life- und Businesscoach. „Ich bin wegen unserer Partnerschaft hier herunter gezogen; in Unterweissach haben wir eine Wohnung gefunden, und da ist auch mein Büro.“

Beide sind oft mit den Scootern unterwegs, auch wenn sie beide ein Auto haben. Sie rollern mehrmals die Woche von Unterweissach nach Backnang, genießen den Fahrtwind und das schöne Leben. Aber wie kam’s zur Lust am Rollern? „In unserer Berliner Wohnung, die ziemlich im Zentrum liegt, haben wir eine Parkzone vor dem Haus. Und weil ich’s wieder mal verbummelt hab, die Parkzonenberechtigung zu besorgen, hätten wir jede Stunde die Parkuhr füttern müssen“, erzählt Schweikart. Deshalb haben sie das Auto auf einen öffentlichen und kostenlosen, aber weit entfernten Parkplatz gestellt. „Um wieder zurückzukommen, haben wir uns einen Mietscooter genommen. Und das war die Einstiegsdroge“, erinnert sich Schweikart. „Das hat so Spaß gemacht, weil Berlin auch gut ausgebaut ist mit Fahrradwegen.“ Die beiden wohnen sehr nahe am Tiergarten und konnten dort im Park herumfahren.

„Dann haben wir uns gegenseitig zu Weihnachten die Roller geschenkt.“

„Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, kostet das doch recht viel Zeit und auch Geld, weil man immer einen Parkplatz suchen und Gebühren zahlen muss. Zudem ist man auf dem Roller viel näher dran an den Sachen.“ Aber immer auf Achse mit dem Mietscooter, das ging langsam auch ins Geld. Ein eigener Roller, das wär’s doch.

Just zu dieser Zeit hat einer der großen Vermieter seinen kompletten Fuhrpark ausgetauscht, hat auf Scooter mit Austauschakkus gewechselt. Die Roller der ersten Generation waren deshalb relativ günstig zu haben. „So haben wir uns dann gegenseitig zu Weihnachten im vergangenen Jahr die Roller geschenkt“, schmunzelt Nick. „Man nennt diesen Typ auch den Panzer unter den Rollern, weil er sehr massiv gebaut ist.“ Die beiden nennen noch einen weiteren Vorteil ihres Second-Hand-Scooters: Wenn er gestohlen wird, hat der Dieb wenig Freude an dem Gefährt, weil es vom Handy aus ein- und ausgeschaltet wird.

„Die ursprüngliche Idee war mit Sicherheit der Fahrspaß“, blickt Schweikart zurück. „Stadterkundungen waren’s“, wirft da sein Partner ein. „Wir reisen sehr viel und wollten mit den Scootern die Städte entdecken und erleben“, schildert Nick. „Genau“, pflichtet Schweikart bei. „Wir haben bei unseren Städtereisen auch immer wieder Roller gemietet, weil die 20 km/h dazu einladen, sich da draufzustellen, und die Häuser so an einem vorbeiziehen zu lassen.“ Bei den Städtetrips sei man nicht an die Sehenswürdigkeiten gebunden, die in der klassischen Laufdistanz liegen. „Sondern, man kann halt einfach mehr..., mehr erfahren“, sagt der Kostümchef.

Aber in Backnang gibt’s nur sehr wenige Rollerfahrer. Und das habe auch seinen Grund. „Man muss es ja nicht nur schönreden. Was mich stört, ist, dass da – und jetzt wird’s politisch – eine gute Idee kaputt gemacht wurde. Denn in Deutschland sind die Roller gedrosselt auf 20.“ Im europäischen Ausland dürfe man bis zu 30 km/h fahren. „Wenn Sie an der Ampel stehen, sind sie eigentlich eine Gefahrenquelle. Weil wir starten schneller als jedes Rad. Aber wir werden dann allerdings nach den ersten zehn Metern wieder eingeholt. Und dann beginnt das ganze Überholmanöver.“ Trotzdem: Der Scooter bleibt für die beiden 38-Jährigen „das Spaßvehikel fürs Wochenende“.

Strenge Vorschriften gelten

E-Scooter sind vorrangig für die Personenbeförderung auf der sogenannten letzten Meile im öffentlichen Raum gedacht. Deshalb müssen diese Fahrzeuge über eine Betriebserlaubnis verfügen.

Die Höchstgeschwindigkeit beträgt in Deutschland maximal 20 km/h.

E-Scooter sind auf Radwegen, Radfahrstreifen und in Fahrradstraßen erlaubt. Nur wenn diese fehlen, muss auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Auf dem Gehweg, in der Fußgängerzone und in Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung sind die E-Tretroller verboten – außer das Befahren wird durch das Zusatzzeichen „E-Scooter frei“ erlaubt. Wichtig: Das Zusatzschild „Radfahrer frei“ gilt nicht für die Fahrer von Elektrotretrollern.

Das Mindestalter für das Fahren mit einem Elektrotretroller liegt bei 14 Jahren.

Eine Helmpflicht besteht für E-Scooter nicht – es ist aber empfehlenswert, sich mit einem Helm zu schützen.

Für Elektrorollerfahrer gelten dieselben Alkoholgrenzwerte wie für Autofahrer.

Eine Haftpflichtversicherung ist zwingend vorgeschrieben. Diese wird mit einer aufgeklebten Versicherungsplakette am Roller nachgewiesen. Die Haftpflichtversicherung haftet für Schäden, die Dritten durch den E-Scooter zugefügt werden. Zudem bieten manche Versicherungen zusätzlich eine freiwillige Teilkaskoversicherung an. (ADAC)

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Erstellt:
18. September 2020, 06:00 Uhr

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