Regierungsbildung in Frankreich

Neue Première ministre für Frankreich

Elisabeth Borne ist die erste Regierungschefin seit gut dreißig Jahren. Die Männer in der Pariser Politik haben es Frauen lange Zeit sehr schwer gemacht.

Neue Première ministre für Frankreich

Frankreichs neue Premierministerin ist Elisabeth Borne.

Von Stefan Brändle

Setzt Elisabeth Borne der Machokultur, einem Grundmerkmal der französischen Politik, ein Ende? Mit der erfahrenen Ex-Ministerin hat Präsident Emmanuel Macron bewusst eine Frau zur Premierministerin ernannt. Das Amt des Staatspräsidenten haben in der Fünften Republik fast nur Männer ausgeübt. Einzige Ausnahme ist die Sozialistin Edith Cresson. Sie führte von Mai 1991 bis April 1992 eine Regierung. Ihre Amtszeit im Hôtel Matignon, dem Pariser Regierungssitz, war ein Desaster. Zwar hatte die Berufspolitikerin korrekte Arbeit geleistet, doch wurde sie von der Männerzunft in der Nationalversammlung und teils von den Medien nicht akzeptiert, gar ausgebuht und gedemütigt. Als François Mitterrand sie ernannte, kommentierte etwa der Mittepolitiker François d’Aubert süffisant: „Die Pompadour zieht in Matignon ein“ – eine Anspielung auf die bekannteste Mätresse der französischen Könige. Nach einem knappen Jahr war Cresson aus dem Amt gemobbt.

Mobbing & Sexismus

Der Fall ereignete sich nicht in einer Epoche, in der Landesvater Charles de Gaulle auf die Frage nach einem Frauenministerium antwortete: „Und warum nicht gleich ein Ministerium fürs Stricken?“ Noch 1995, als Premierminister Alain Juppé ein Dutzend Frauen in sein Kabinett berief, erhielten diese alsbald den Spottnamen „Juppettes“. Sie waren dann kaum ein halbes Jahr im Amt, als der Premier diese Alibifrauen nicht mehr brauchte und sie kollektiv entließ.

Als die Sozialistin Ségolène Royal 2007 als Präsidentschaftskandidatin antrat, kommentierte ihr Ministerkollege Laurent Fabius – heute Vorsteher des hohen Verfassungsgerichtes: „Und wer hütet die Kinder?“ Und der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der sich heute auf Wahlplakaten mit möglichst vielen Frauen umgibt, machte sich über Royal lustig: „Die Präsidentschaftswahl ist doch kein Schönheitswettbewerb!“

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Allmählich aber wurde der Nation klar, dass der Machismus in Pariser Machtzirkeln beherzter feministischer Antworten bedarf. Die 2000 eingeführte Geschlechterparität auf Wahllisten für die Nationalversammlung begann zu wirken – vor allem auch in den Köpfen. 2012 ernannte Präsident François Hollande 17 Frauen in seiner 34-köpfigen Regierung. Als der Autor Patrick Besson einzelne Ministerinnen als „Verführerin“, „Scheherazade“ oder „Geisha“ titulierte, fand das niemand mehr amüsant. Elisabeth Borne weiß dennoch, was auf sie zukommt. Cresson, heute 88, wünscht ihr vieldeutig „bon courage“, also guten Mut. Sie meint, die neue Regierungschefin bringe bemerkenswerte Qualitäten mit und sei auf ihrem neuen Posten „perfekt“. Dass Borne ihre Ernennung ihrem Geschlecht verdankt, weil Macron für den Posten erklärtermaßen eine Frau wollte, hält Cresson für absurd: „Man findet es nur noch in Frankreich speziell, dass eine Frau diesen Job ausübt“, so die nachmalige EU-Kommissarin.

Machismus ist nicht mehr angesagt

Auch Philippe Martinez, Vorsteher der kommunistischen Gewerkschaft CGT und früher für hemdsärmelige Männersprüche bekannt, beglückwünschte die neue Regierungschefin, selbst wenn er sie als politische Gegnerin sieht. Zugleich warnte er seine eigenen Mannen: „Vermeiden wir jede Art von machistischen Sprüchen, wie sie aus der Vergangenheit bekannt sind, sobald eine Frau politische Verantwortung übernimmt.“

Ob sich die Zeiten wirklich geändert haben, zeigt sich im Juni: Nach den Parlamentswahlen könnte Macron bereits eine neue Regierung ernennen. Dass er Borne dann ablösen wird, wie dies Mitterrand oder Juppé vorgemacht hatten, ist aber unwahrscheinlich. Laut einer Umfrage haben sich 74 Prozent der französischen Wählerschaft eine Frau im Hôtel Matignon gewünscht.