Politik ist beim Empfang für Viktor Orbán tabu

Land und Stadt haben den ungarischen Ministerpräsidenten vor der Partie begrüßt. 1954 sei eine „bis heute nicht verheilte Wunde“

Viktor Orbán, Baden Württembergs Innenminister Thomas Strobl und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (von links)

© Lichtgut// Leif Piechowski

Viktor Orbán, Baden Württembergs Innenminister Thomas Strobl und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (von links)

Von Uwe Bogen

Stuttgart - Der bullige, meist grimmig drein blickende Viktor Orbán ist normalerweise keiner, mit dem sich deutsche Politiker gern fotografieren lassen. In Brüssel, wo Ungarn im Juli den Ratsvorsitz übernimmt, gilt der Rechtspopulist als Störenfried und Blockierer, macht sich in Europa mit seiner Nähe zu Putin keine Freunde – und doch bereiten Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und OB Frank Nopper (CDU) am Mittwochnachmittag aus Anlass eines europäischen Turniers dem 61-Jährigen im Neuen Schloss einen freundschaftlich wirkenden Empfang. Die nicht ausgesprochene Devise scheint zu lauten: Politik ist heut’ tabu!

Nervosität liegt über der Stadt. Der rückwärtige Zugang zum Neuen Schloss ist weiträumig abgesperrt. Die Sonne strahlt, als die Wagenkolonne der ungarischen Delegation mit leichter Verspätung vorfährt. Ministerpräsident Viktor Orbán trägt eine pinkfarbene Krawatte, was er bestimmt nicht als politische Botschaft meinen dürfte. Pink ist unter anderem die Farbe von queeren Menschen – und in Ungarn gelten unter ihm queerfeindliche Gesetze.

Der Regierungschef lächelt immer wieder, vor allem, wenn er mit der ganz in Blau gekleideten Gudrun Nopper, der Frau des Oberbürgermeisters, spricht. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – so lautete das Motto 2006 beim Sommermärchen, das die Republik nun gern wiederholen würde. Denn Fußball vereint. Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht von der „Magie des Sports“, die Trennendes zusammenführe. Und deshalb steht der Sport im Vordergrund, die gravierenden politischen Differenzen sollen ausgeblendet werden beim Empfang dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff in der Stuttgarter Arena,.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat für den Empfang am Nachmittag im Neuen Schloss abgesagt. Erst im Stadion wird er Viktor Orbán sehen – wie auch später in Berlin, wohin der ungarische Regierungschef reisen will, bevor er nach Stuttgart zum Spiel von Ungarn gegen Schottland zurückkehrt. Der ungarische Ministerpräsident ist ein großer Fußballfan, der die EM zur Chefsache gemacht und hohe Summen für den sportlichen Erfolg seines Teams investiert hat.

Alle Redner greifen ein Thema auf: die Vergangenheit, also speziell das Jahr 1954. Vor genau 70 Jahren war Ungarn Favorit bei der WM in Schweiz, unterlag aber beim „Wunder von Bern“ den Deutschen. Dass sein Land damals verloren hat, ist für Orbán „eine bis heute nicht verheilte Wunde“. Sein größter Wunsch ist, dass er eines Tages ein WM-Finale von Deutschland gegen Ungarn erleben kann.

OB Frank Nopper dankt Ungarn für die Öffnung des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989. Und DFB-Präsident Bernd Neuendorf freut sich, dass er bei der EM und speziell in Stuttgart „,die ganze Wucht des Fußballs“ in seinem positiven Ausmaß erleben kann.

SPD-Landeschef Andreas Stoch sagt im Schloss, es sei „legitim“, dass die Gastgeber keine Kritik an der Politik von Orbán geäußert hätten. „Denn hier geht es um Sport“, betont er. Doch dies bedeute nicht, „dass wir ausblenden, wofür er politisch steht“. Von Landtagspräsidentin Muhterem Aras heißt es, sie habe eine Sitzung verlängert, um nicht Orbán beim Empfang zu treffen.

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Erstellt:
19. Juni 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
20. Juni 2024, 21:57 Uhr

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