Krieg in der Ukraine

Stehender Applaus für Selenskyj im US-Kongress

Wolodymyr Selenskyj wird bei einer Rede vor dem US-Kongress vom Publikum umjubelt. Doch der Ukrainer warnt den Verbündeten auch und pocht auf weitere Unterstützung.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hielt eine beeindruckende Rede.

© dpa/Jacquelyn Martin

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hielt eine beeindruckende Rede.

Von red/dpa

Mit einer eindrucksvollen Rede vor dem US-Kongress hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unter dem Jubel der Abgeordneten den Vereinigten Staaten für ihre Unterstützung gegen den russischen Angriffskrieg gedankt. „Trotz aller Widrigkeiten und Untergangsszenarien ist die Ukraine nicht gefallen. Die Ukraine ist gesund und munter“, sagte Selenskyj am Mittwochabend (Ortszeit) vor den beiden Kammern des Parlaments in der US-Hauptstadt Washington bei seiner ersten offiziellen Auslandsreise in Kriegszeiten. Immer wieder flammte in den Reihen Applaus auf. Der Ukrainer betonte die historische Bedeutung des Verteidigungskampfes für die Demokratie. Er machte aber deutlich, dass es für einen Sieg seines Landes weitere schwere Waffen brauche. Donnerstag ist Tag 302 des Krieges.

Selenskyj fordert Panzer und Flugzeuge von den USA

Die USA sind der wichtigste Verbündete der Ukraine bei der Verteidigung gegen Moskau. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Joe Biden hat die US-Regierung Kiew Militärhilfe in Höhe von knapp 22 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Es verwunderte daher nicht, dass Selenskyj sich für seine erste Auslandsreise seit Beginn des Krieges Washington ausgesucht hat. Biden nutzte das Treffen, um Kiew die Lieferung des Patriot-Flugabwehrsystems zuzusagen. Das Luftverteidigungssystem dürfte Russlands Angriffe mit Raketen und Drohnen auf die zivile Infrastruktur in der Ukraine erschweren.

Der ukrainische Präsident betonte vor den Demokraten und Republikanern im Kongress, dass die Militärhilfe nicht abreißen dürfe. „Die Ukraine hat die amerikanischen Soldaten nie gebeten, an unserer Stelle auf unserem Land zu kämpfen. Ich versichere Ihnen, dass ukrainische Soldaten amerikanische Panzer und Flugzeuge perfekt selbst bedienen können“, sagte er. Aber die bislang gelieferte Artillerie reiche nicht aus. „Ihr Geld ist keine Wohltätigkeit, es ist eine Investition in die globale Sicherheit und Demokratie, mit der wir auf höchst verantwortungsvolle Weise umgehen“, versicherte er. Die Republikaner hatten zuletzt angedeutet, bei den Ukraine-Hilfen auf die Bremse treten zu wollen.

Demokratie steht auf dem Spiel

Selenskyj machte klar, dass es bei dem Krieg gegen die Ukraine nicht nur um das Schicksal der Ukrainer gehe. „Der Kampf wird definieren, in welcher Welt, unsere Kinder und Enkelkinder leben werden, und dann ihre Kinder und Enkelkinder“, warnte er. Ein russischer Angriff gegen Verbündete sei nur eine Frage der Zeit. Die Welt sei zu sehr vernetzt, als dass sich irgendjemand sicher fühlen könne, wenn der russische Angriff weiterginge. „Ukrainischer Mut und amerikanische Entschlossenheit“ müssten die Zukunft der Freiheit garantieren.

Selenskyj gibt sich siegessicher

Der ukrainische Präsident fand in seiner Rede immer wieder eindringliche Worte und betonte das Durchhaltevermögen seiner Landsleute. Die Ukrainer hätten keine Angst - und niemand auf der Welt sollte sie haben, sagte er. „Sie haben viel mehr Raketen und Flugzeuge als wir je hatten, das stimmt, aber unsere Verteidigungskräfte stehen.“ Die Ukraine werde niemals kapitulieren.

Auch im Weißen Haus war der 44-Jährige vor seinem Auftritt im Kongress feierlich empfangen worden. Biden und seine Ehefrau Jill begrüßten Selenskyj mit rotem Teppich vor dem Weißen Haus. Biden und sein Kollege sprachen anschließend rund zwei Stunden im Oval Office miteinander. Der US-Präsident machte weitere finanzielle, militärische und humanitäre Hilfszusagen und sicherte Selenskyj den größtmöglichen Beistand der USA zu, „solange es nötig ist“.

Symbolische Geschenke von beiden Seiten

Auch wenn die Zusage für die Patriot-Batterie wohl das größte Geschenk für den Ukrainer bei seiner US-Reise gewesen sein dürfte, wurden noch weitere Präsente verteilt. Selenskyj gab Biden als Dank für die Unterstützung der USA die Medaille eines ukrainischen Soldaten. „Unverdient, aber sehr geschätzt“, sagte Biden. Er revanchierte sich laut dem Weißen Haus ebenfalls mit zwei Medaillen - eine für den ukrainischen Soldaten und eine für Selenskyj.

Im US-Kongress übergab die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, Selenskyj eine US-Flagge, die auf dem Kapitol in Washington geweht hatte. Auch Selenskyj kam nicht mit leeren Händen: Er überreichte Pelosi eine Flagge aus der ostukrainischen Frontstadt Bachmut. Die Geschenke symbolisierten die tiefe Verbundenheit der beiden Länder im Widerstand gegen Russland.

Ein internationaler Friedensgipfel?

Selenskyj schlug in Washington einen globalen Friedensgipfel vor, bei dem es um die Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit der Ukraine und die internationale Ordnung gehen müsse. Bis zu einer Friedenslösung diene jeder Dollar an US-Hilfe für die Ukraine auch der globalen Sicherheit. Biden machte deutlich, dass die Ukraine mit Hilfe der USA in Friedensverhandlungen erfolgreich sein könne, weil sie auf dem Schlachtfeld gewinnen werde. Bei der Entscheidung über den Zeitpunkt solcher Gespräche werde er Selenskyj freie Hand lassen.

Mindestens zwei Tote bei ukrainischem Artillerieangriff auf Donezk

Unterdessen gingen die Kämpfe in der Ukraine weiter. Bei einem Artillerieangriff der ukrainischen Streitkräfte auf die russische kontrollierte Stadt Donezk in der Ostukraine kamen am Mittwochabend nach Angaben aus der Region mindestens zwei Menschen ums Leben. „Die Zahl der Verletzten wird noch festgestellt“, zitierte die Agentur Tass einen Vertreter der von Russland eingesetzten Verwaltung. Mehrere Stadtteile seien von ukrainischer Raketenartillerie beschossen worden, es sei erheblicher Schaden entstanden. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Das Zentrum von Donezk liegt nur knapp zehn Kilometer hinter der Frontlinie.

Strack-Zimmermann fordert Schützen- und Kampfpanzer für Ukraine

Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte nach Selenskyjs USA-Besuch erneut die Lieferung westlicher Schützen- und Kampfpanzer an die Ukraine. „Wir müssen strategisch endlich vor die Welle kommen und nicht immer nur dann reagieren, wenn die Situation sich verschlechtert“, sagte die Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses dem Nachrichtenportal „t-online“. „Deutschland muss endlich den Schützenpanzer Marder und am besten gemeinsam mit den europäischen Partnern den Leopard 2 liefern.“ Die Ukraine bittet ihre Verbündeten seit langem um Kampf- und Schützenpanzer westlicher Bauart. Nach ukrainischen Angaben laufen entsprechende Gespräche mit der Bundesregierung.

Das wird am Donnerstag wichtig

Selenskyj dürfte an diesem Donnerstag wieder in der Ukraine ankommen - er verbrachte in Washington nur rund einen halben Tag. Außerdem wird der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, zu Verhandlungen über das besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja in Moskau erwartet. Es gehe um Grossis Initiative für eine Sicherheitszone rund um die Anlage, hieß es von russischer Seite.

Schon zuvor war es emotional zugegangen: US-Präsident Joe Biden hatte Selenskyj im Weißen Haus begrüßt.

© dpa/Andrew Harnik

Schon zuvor war es emotional zugegangen: US-Präsident Joe Biden hatte Selenskyj im Weißen Haus begrüßt.

Es war Selenskyjs erste Auslandsreise seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

© dpa/Patrick Semansky

Es war Selenskyjs erste Auslandsreise seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

Auch Jill Biden (links), First Lady der USA, hieß Selenskyj willkommen.

© dpa/Andrew Harnik

Auch Jill Biden (links), First Lady der USA, hieß Selenskyj willkommen.

Im Oval Office des Weißen Hauses setzten sie sich zusammen.

© dpa/Patrick Semansky

Im Oval Office des Weißen Hauses setzten sie sich zusammen.

Im Kapitol in Washington wurde Selenskyj von Mitgliedern des Kongresses begrüßt, bevor er mit seiner Rede begann.

© dpa/J. Scott Applewhite

Im Kapitol in Washington wurde Selenskyj von Mitgliedern des Kongresses begrüßt, bevor er mit seiner Rede begann.

Auch dabei: Chuck Schumer (links), der Mehrheitsführer im Senat, aus New York

© dpa/Jacquelyn Martin

Auch dabei: Chuck Schumer (links), der Mehrheitsführer im Senat, aus New York

Selenskyj traf auch Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, im Kapitol in Washington.

© dpa/Jacquelyn Martin

Selenskyj traf auch Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, im Kapitol in Washington.

Bei seiner Rede überreichte der ukrainische Präsident eine  Flagge seines Landes, die von den Frontsoldaten in Bachmut, in der umkämpften ukrainischen Provinz Donezk, signiert worden war, an Kamala Harris (links), Vizepräsidentin der USA, und Nancy Pelosi.

© dpa/Jacquelyn Martin

Bei seiner Rede überreichte der ukrainische Präsident eine Flagge seines Landes, die von den Frontsoldaten in Bachmut, in der umkämpften ukrainischen Provinz Donezk, signiert worden war, an Kamala Harris (links), Vizepräsidentin der USA, und Nancy Pelosi.

Selenskyj wiederum erhielt eine amerikanische Flagge von Nancy Pelosi (links).

© dpa/J. Scott Applewhite

Selenskyj wiederum erhielt eine amerikanische Flagge von Nancy Pelosi (links).

Kamala Harris und Nancy Pelosi applaudierten für Selenskyj.

© dpa/Carolyn Kaster

Kamala Harris und Nancy Pelosi applaudierten für Selenskyj.

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Erstellt:
22. Dezember 2022, 06:48 Uhr
Aktualisiert:
22. Dezember 2022, 08:29 Uhr

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