„Kinderspiel des Jahres 2022“

Diese Geheimnisse haben gute Brettspiele

Das „Kinderspiel des Jahres 2022“ heißt „Zauberberg“. Erfunden haben es Jens-Peter Schliemann und Bernhard Weber. Im Gespräch verraten die beiden das Geheimnis eines guten Spiels.

Die Spieleautoren Jens-Peter Schliemann (links) und Bernhard Weber freuen sich: Ihr Spiel „Zauberberg“ ist zum „Kinderspiel des Jahres 2022“ gekürt worden.

© /Simona Bednarek

Die Spieleautoren Jens-Peter Schliemann (links) und Bernhard Weber freuen sich: Ihr Spiel „Zauberberg“ ist zum „Kinderspiel des Jahres 2022“ gekürt worden.

Von Tanja Liebmann-Décombe

Ein zur Murmelbahn umfunktioniertes Brettspiel mit Zauberlehrlingen und Hexen im Wettlauf gegeneinander ist zum „Kinderspiel des Jahres 2022“ gekürt geworden. „Zauberberg“ aus dem Amigo-Verlag ist die Frucht jahrelanger Arbeit von Jens-Peter Schliemann und Bernhard Weber. Die beiden Autoren erzählen im Interview, wie sie dazu gekommen sind.

Jens-Peter Schliemann und Bernhard Weber, was ist das Besondere an Ihrem Spiel „Zauberberg“?

Schliemann Wir haben eine Kugelbahn als Brettspiel verwirklicht und eine Wettlaufdramaturgie mit eingebaut. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Zauberlehrlingen und versuchen, gemeinsam besser zu sein als die Hexen.

Wie können die Zauberlehrlinge gewinnen?

Weber Wer dran ist, zieht eine farbige Kugel aus einem Säckchen und entscheidet, in welche der sechs Öffnungen im oberen Bereich des schräg aufgestellten Spielplans er oder sie die Kugel den Berg hinunterrollen lassen möchte. Figuren, auf die die Kugel treffen, dürfen versetzt werden. Schlau ist es, gemeinsam zu überlegen, welche Öffnung gerade die Beste wäre, damit es die Zauberlehrlinge noch vor den Hexen ans Ziel schaffen.

Die Spieler sollen also kooperativ agieren. War das von Anfang an Ihr Plan?

Weber Kooperative Spiele liegen aktuell ja sehr im Trend. Aber nein, da haben wir nicht darauf hingearbeitet. Das hat sich dann so ergeben.

Schliemann Ja, das stimmt, und für mich war es sogar eine Mut-Situation, sich da ranzutrauen, denn ein kooperatives Spiel zu entwickeln ist aus meiner Sicht nicht so einfach.

Warum das denn?

Schliemann Nun, die hohe Motivation, als alleiniger Sieger aus der Partie herauszugehen, ist bei einem Teamspiel ja nicht vorhanden. Sprich, man muss andere Anreize finden, die stark genug sind, damit die Leute mitspielen und sich reinhängen wollen. Diese Anreize zu finden ist eine herausfordernde Autorenleistung.

Würden Sie sich dieser Herausforderung gerne erneut stellen?

Schliemann Ja, auf jeden Fall, und ich finde, Teamspiele passen auch in unsere heutige Zeit. Übergeordnete Themen wie die Coronapandemie oder der Klimawandel zeigen ja eindeutig, dass es in Zukunft immer wichtiger werden wird, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten. Nur durch diesen Zusammenhalt können wir die Probleme, die wir haben und die noch auf uns zukommen werden, bewältigen.

Wir leben in einer digitalen Welt. Sind da analoge Spiele noch reizvoll?

Weber Digital lässt sich ganz viel simulieren. Aber um die Welt begreifbar zu machen, halte ich Tasten, Riechen, Schmecken und andere unmittelbare Eindrücke, die nicht künstlich erzeugt werden, für unverzichtbar.

Schliemann Das finde ich auch, aber natürlich bindet das Smartphone sehr viel Aufmerksamkeit. Nichtsdestotrotz leben wir immer noch in einer realen Welt. Analoge Spiele haben gegenüber digitalen den Reiz und den Vorteil, dass die Spieler direkt miteinander interagieren und mit konkretem Spielmaterial umgehen. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass sich Kinder haptisch und sinnlich viel intensiver ihre spielerische und reale Welt erschließen können. Außerdem verbinden Spiele Generationen.

Wenn bei „Zauberberg“ Oma und Opa mit den Enkeln spielen: Wer ist besser?

Weber Das ist ja das Schöne: Niemand ist besser oder schlechter. Der Zufall entscheidet. Das war auch die Ausgangsidee, die uns angetrieben hat.

Schliemann Genau. Auf dem Spielplan zeigt sich ja der einfachste Zufall, den es gibt. Eine Kugel rollt, kommt an eine Verzweigung und kann entweder nach rechts oder nach links. Die Chancen stehen 50:50. „Zauberberg“ visualisiert sozusagen den Zufall. Das ist das reizvolle Ungewisse in jeder Partie.

Sie arbeiten seit rund zwanzig Jahren als Team. Warum?

Schliemann Ich habe mich bewusst dazu entschieden, Spiele ausschließlich im Team mit anderen Autoren zu entwickeln. Gespielt werden Spiele ja auch gemeinsam, und als Autorenteam kann man Dinge direkt ausprobieren. Außerdem hilft der Blick eines anderen, wenn man mal nicht weiterkommt. Gemeinsam sind Autoren meiner Meinung nach viel kreativer als alleine. Nicht zuletzt durchlaufen sie viele Höhen und Tiefen, bis es ein Spiel zur Marktreife schafft. Diesen Kraftakt stemmt man zu zweit leichter als alleine.

Wie lange haben Sie gebraucht?

Weber Viele Jahre! 2005 haben wir erste Versuche mit Wachsprototypen gemacht.

Schliemann Der Preis ist eine wunderbare Anerkennung und Wertschätzung unserer langen und kreativen Arbeit.

Spiele entwickeln als Beruf

Jens-Peter Schliemann Der 54-Jährige ist ursprünglich Mathematiker. 1995 erhielt er ein Spieleautoren-Stipendium, ein Jahr später erschien sein erstes Spiel „Daumen drauf“ (Verlag Drei Magier Spiele). Er gibt auch Workshops zur Brettspielentwicklung – etwa am Cologne Game Lab.

Bernhard Weber Sein Geografie-Studium hatte den heute 53-Jährigen zu seiner ersten Spieleentwicklung inspiriert. Seit 2008 ist er hauptberuflich Spieleerfinder. 2013 schaffte er es mit seinem Spiel „Gold am Orinoko“ (Haba-Verlag) auf die Nominierungsliste für den Preis „Kinderspiel des Jahres“. Beide Autoren leben in Bonn.

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Erstellt:
21. Juni 2022, 14:02 Uhr
Aktualisiert:
21. Juni 2022, 17:07 Uhr

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