Muss man die Pflegelücke schließen?

Wie man privat für die Pflege versorgt

Im Pflegefall werden viele Kosten von der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht gedeckt. Wie kann man vorsorgen? Muss man ans Ersparte und ans „Häusle“ ran?

Versichertenberatung daheim

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Versichertenberatung daheim

Von Christoph Link

Spätestens in der Lebensmitte machen sich viele Gedanken, wie es für sie im Fall der Pflegebedürftigkeit mal bestellt sein wird. Wer pflegt sie, wer zahlt die Pflege? Die gesetzliche Pflegeversicherung ist – anders als die Krankenversicherung – als Teilkaskoversicherung angelegt. Sie deckt nicht alles ab, Eigenanteile bleiben am Versicherten hängen. Experten erklären, wie man finanziell vorbeugen kann.

Wer braucht eine Zusatzversicherung?

Die Antwort hängt von vielen individuellen Faktoren ab, und jeder muss sie selbst finden: Ist Vermögen da, das im Pflegefall eingesetzt werden kann, oder eine Immobilie? Mit welcher Pflege rechnet man – preisgünstig daheim in der Obhut von Angehörigen? Oder in einem luxuriösen Pflegeheim?

Wie lange reicht das Vermögen?

Der Eigenanteil in der vollstationären Pflege im Südwesten liegt im Durchschnitt bei 2541 Euro im Monat, das ist nur mit guter Rente zu stemmen, wenngleich es seit 2022 einen leichten Prozentualabschlag gibt. Und wie lange dauert Pflegebedürftigkeit? Bei Männern sind es im Durchschnitt dreieinhalb Jahre, bei Frauen knapp fünf Jahre. „Das Vermögen kann da schnell wegschmelzen“, sagt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg. Auch junge Leute kann es treffen, mit dem Alter steigt auch das Risiko: Jeder fünfte zwischen 75 und 85 Jahren ist pflegebedürftig, bei 85- bis 90-Jährigen jeder zweite.

Wie sieht private Vorsorge aus?

Die Versicherungswirtschaft bietet mehrere Modelle für private Pflegezusatzversicherungen, oft tun das auch gesetzliche Pflegekassen mit Partnern aus der Branche: Da gibt es die Pflegetagegeldversicherung, die Pflegekostenversicherung und die staatlich geförderte Pflegetagegeldversicherung, benannt nach Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr. Grundsätzlich ist nur die versicherte Zeit abgedeckt, das heißt, wer aufhört Beiträge zu zahlen, erhält keine Leistung.

Warum ist Pflegetagegeld der Renner?

Diese Form wird am häufigsten gewählt, bei ihr spielt es keine Rolle, wie die Pflege organisiert wird. Das Tagegeld steht frei zur Verfügung, sobald Pflegebedürftigkeit festgestellt wird: Man kann es sparen, damit den Heimaufenthalt bezahlen oder Nachbarn, die beim Einkaufen helfen. Die Preisunterschiede der Verträge sind hoch. Die Verbraucherzentrale NRW nennt Beispiele, wofür ein Tagegeld von 50 Euro in Pflegegrad fünf (und bei gleich hohen Leistungen bei stationärer Pflege in den Graden zwei bis fünf) ein 50-Jähriger in 2020 Beträge zwischen 60 und 140 Euro monatlich zahlen musste. Im Prinzip könnte so ein Betrag selbst zur Seite gelegt werden. Experte Peter Grieble sagt: „Junge Leute zahlen nur ein paar Euro im Monat, mit einem Einstiegsalter von 60, 70 oder 80 können Beiträge für monatlich 1500 Euro Tagegeld auf 200, 400 oder 500 Euro im Monat steigen.“

Was ist eine Pflegekostenversicherung?

Sie hat die Besonderheit, dass der Versicherer nur nachgewiesene Pflegekosten erstattet,dabei geht es meist um reine Pflege. Kosten für Unterkunft und Essen in Heimen übernehmen nur wenige Versicherer.

Was bringt der Pflege-Bahr?

Hier zahlt der Versicherte monatlich mindestens zehn Euro, der Staat legt fünf Euro drauf. Im Pflegegrad fünf muss später mindestens 600 Euro im Monat Pflegegeld gezahlt werden. Die Stiftung Warentest hält im Finanztest Pflege vom Mai 2022 die Variante für „nicht empfehlenswert“, es gebe bei relativ hohen Beiträgen nur geringe Leistungen. Grieble sieht aber einen Vorteil: So stehe der Pflege-Bahr jedem offen ohne Abfrage des Gesundheitszustands, und es gebe zumindest eine kleine Förderung vom Staat.

Was ist die Pflegerentenversicherung?

Hier wird der Beitrag für die gesamte Laufzeit festgelegt, ist aber auch deutlich höher. Ausgezahlt wird die monatliche Pflegerente im Fall der Pflegebedürftigkeit, sie ist frei verfügbar. Aber viele Versicherer zahlen die volle Rente erst ab Pflegegrad fünf. Die Stiftung Warentest rät wegen der hohen Kosten von Pflegerentenversicherungen „eher ab“. Auch Grieble sieht Pflegerentenversicherungen oft ohne entscheidenden Vorteil. Aber eine Beitragszahlung als Einmalbetrag könne im Einzelfall trotz ihrer hohen Komplexität auch mal interessant sein.

Wie eine Zusatzversicherung finanzieren?

Steigende Beiträge sind ein Dauerproblem, verschärft durch die Inflation. Grieble berichtet von Versicherten, die ihm in seiner Beratung von Tarifsprüngen von 30 oder 50 Prozent von einem Jahr aufs andere berichteten. Da könne es sinnvoll sein, wenn Kinder Beiträge für Eltern übernehmen. Er empfiehlt vor Vertragsabschluss, zur Neutralität verpflichtete spezialisierte Versicherungsmakler (provisionsabhängig) oder unabhängige, aber zu bezahlende Versicherungshonorarberater zu Rate zu ziehen. Sie nehmen Stundengebühren von 100 bis 150 Euro.

Wann geht’s ans Häusle?

Kein Mensch muss ohne Pflege da stehen, das Sozialamt springt ein, falls Vermögen bis zu Freibeträgen von 5000 Euro (allein) oder 10 000 Euro (Ehepaare) verzehrt ist. Wie es ums Häusle steht, erklärt ein Sprecher der Stadt Stuttgart: Sei ein Antragsteller auf Hilfe zur Pflege allein stehend und dauerhaft im Heim, müsse er sein Hausgrundstück als Vermögenswert einsetzen und bei aufgebrauchten Mitteln veräußern. Ausnahme: „Wenn die Wohnung oder ein Haus bis zur Heimaufnahme eines Ehepartners vom Ehepaar gemeinsam bewohnt wurde, kann das Hausgrundstück für die weitere Nutzung durch den anderen Partner geschützt sein.“ Das eigene Haus müsse aber angemessen sein, was individuell nach Kriterien wie Grundstücks- und Hausgröße und Wohnbedarf geprüft werde.

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Erstellt:
21. Juli 2022, 16:10 Uhr

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