Mercedes-Strategie

So sieht der Plan für die Mercedes-Fabriken aus

Management und Betriebsrat von Mercedes-Benz einigen sich auf die Produktion zusätzlicher E-Autos an den deutschen Standorten. Damit sollen die Fabriken voll ausgelastet werden.

Vor fünf Jahren startete  die Produktion des Geländewagens Mercedes-Benz GLA in Rastatt.

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Vor fünf Jahren startete die Produktion des Geländewagens Mercedes-Benz GLA in Rastatt.

Von Harry Pretzlaff

Nach langen Verhandlungen hat das Management von Mercedes-Benz mit dem Betriebsrat vereinbart, wie sich der forcierte Umstieg auf Elektroautos und die neue Luxusstrategie auf die Produktion in den Fabriken des Autoherstellers auswirken wird. Die Marke mit dem Stern bereitet sich darauf vor, bis zum Ende des Jahrzehnts vollelektrisch zu werden – überall dort, wo es die Marktbedingungen zulassen. Zugleich soll die Modellpalette im Rahmen der Luxusstrategie im ertragsschwachen Kompaktsegment ausgedünnt, in den oberen Preisklassen jedoch aufgefächert werden. Mercedes-Chef Ola Källenius will damit die Rendite kräftig steigern und das Unternehmen widerstandsfähiger gegen konjunkturelle Schwankungen und Krisen machen.

Über die Zukunft der Motorenstandorte wird noch verhandelt

Beide Seiten zeigten sich nach dem Abschluss der Verhandlungen höchst zufrieden. Es sei ein „äußerst erfreulicher Tag für die Arbeitsplatzsicherung“, sagte Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali. Die Werke in Sindelfingen, Bremen und Rastatt könnten mit den geplanten Modellen voll ausgelastet werden, sagte Lümali ebenso wie Produktionsvorstand Jörg Burzer. Der Produktionschef kündigte an, dass zur Mitte des Jahrzehnts mehr als zwei Millionen Autos verkauft werden sollen. Im vergangenen Jahr waren es rund zwei Millionen. Die Arbeitnehmerseite stimmte im Gegenzug einer flexibleren Produktion durch neue Schichtmodelle zu. Bei Bedarf kann die Arbeitszeit beispielsweise einfach verlängert werden.

Sindelfingen mit exklusiven Status des weltweiten Leitwerks

Alles in allem wird die gewachsene Arbeitsteilung der deutschen Werke beibehalten. Sindelfingen ist für die oberen Marktsegmente, wie etwa die S-Klasse, zuständig. Dort läuft heute auch das Luxus-Coupe CLS sowie der EQS als elektrisches Pendant des Flaggschiffs, die E-Klasse, der Supersportwagen AMG GT und in Kürze auch der Geländewagen GLC vom Band. Ab Mitte des Jahrzehnts sollen neue Elektrovarianten von AMG hinzukommen. Sindelfingen hat im obersten Luxussegment den exklusiven Status des weltweiten Leitwerks. Bremen ist weiter für die mittleren Marktsegmente, wie etwa die C-Klasse und Rastatt für das Kompaktsegment zuständig.

Mercedes-Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali zeigte sich stolz darauf, dass es die Arbeitnehmerseite geschafft habe, neue elektrische Modelle an die deutschen Standorte zu holen. „Das gibt unseren Kolleginnen und Kollegen, die sich seit Jahrzehnten für den Stern einsetzen, Sicherheit und Perspektive“, sagte Lümali. Das Gleiche erwarte die Arbeitnehmerseite jetzt auch für die Standorte, in denen Antriebstechnik – also Motoren, Getriebe und Achsen – hergestellt werden. „Dafür werden wir uns als Betriebsrat weiter konsequent einsetzen“, so Lümali. Dies betrifft vor allem den Standort Untertürkheim, wo der Betriebsrat seit Langem fordert, dass dort zur Sicherung der Beschäftigung in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts auch Elektromotoren sowie Batteriezellen hergestellt werden. Darüber wird aber noch verhandelt. Nach der Sommerpause sollen die Gespräche fortgesetzt werden.

Werden in Rastatt oder in Ungarn Stellen gestrichen?

Heute umfasst das Angebot an vollelektrischen Autos bei Mercedes sechs Modelle, die an sechs Standorten auf drei Kontinenten vom Band laufen. Die Stromer werden in den Fabriken gemeinsam mit den Verbrennern produziert. Das Angebot an vollelektrischen Autos soll deutlich ausgeweitet werden.

Unbeantwortet bleibt indes die Frage, wie die beiden für Kompaktmodelle zuständigen Fabriken in Rastatt und im ungarischen Kecskemet ausgelastet werden können, wenn drei von sieben Varianten in diesem Segment gestrichen werden sollen, wie Mercedes-Chef Källenius bei der Präsentation seiner Luxusstrategie am 19. Mai angekündigt hatte. Die restlichen vier Varianten sollen technologisch deutlich aufgewertet werden, was auch zu höheren Preisen führen dürfte. Källenius wollte sich bei dieser Präsentation nicht dazu äußern, welche drei der sieben Modelle eingestellt werden. Heute gibt es die A- und B-Klasse, die kompakten Geländewagen GLA und GLB sowie seit Kurzem die Stromer EQA und EQB. Auf die Frage, ob die Luxusstrategie auf Dauer das Aus für die A- und B-Klasse bedeute, gab es keine Antwort. „Ich überlasse den Rest Ihrer Vorstellungskraft“, sagte der Mercedes-Chef vor Journalisten.

Welche zusätzlichen Modelle kommen, bleibt offen

Auch Burzer und Lümali blieben am Mittwoch eine Antwort in der Videokonferenz schuldig. Offen blieb auch, welche neuen E-Modelle konkret in den beiden Werken gebaut werden sollen. Burzer versicherte jedoch, dass sowohl Rastatt als auch Kecskemet voll ausgelastet werden sollen.

In Rastatt werden heute neben der A- und B-Klasse der kompakte Geländewagen GLA sowie seit dem vergangenen Jahr der kompakte Stromer EQA gefertigt.

Der Schwerpunkt des Partnerwerks in Kecskemet liegt heute beim kompakten Coupé CLA sowie der A-Klasse. Seit 2021 läuft dort zusätzlich der kompakte elektrische EQB vom Band. Die elektrischen Modelle EQA und EQB werden auch in Peking hergestellt.

In Rastatt und in Kecskemet sollen ab 2024 neue Modelle auf Basis einer neuen technischen Plattform für kompakte Fahrzeuge vom Band laufen. Diese Plattformstrategie erlaubt es, in unterschiedlichen Modellen viele gleiche Teile einzubauen. Dies spart Entwicklungs- und Produktionskosten.

Källenius strebt bei den Kompakten eine deutlich höhere Rendite an

Kecskemet soll den Angaben zufolge zusätzlich auch ein Modell einer neuen Plattform für mittlere und große Elektroautos erhalten.

Bisher erreichten die Kompakten nach Angaben von Insidern in guten Jahren eine Rendite von sechs Prozent – und dies nur dank einer deutsch-ungarischen Mischkalkulation. In Ungarn sind die Lohnkosten viel niedriger als in Rastatt. Källenius will auch im Kompaktsegment eine deutlich höhere Rendite erreichen. Das Unternehmen macht keine Angaben zur Rendite im Kompaktsegment.

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Erstellt:
29. Juni 2022, 14:54 Uhr
Aktualisiert:
29. Juni 2022, 17:47 Uhr

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