Eltern und der Wille der Kinder

Wie viel dürfen Kinder mitbestimmen?

Das Kind ist der Meinung, es müsse nicht gewickelt werden – aber die Windel stinkt schon. Ratgeber-Autor Mathias Voelchert erklärt, wie Kinder und Eltern es schaffen, solche Diskussionen möglichst abzukürzen.

Die Eltern und das Kind sind unterschiedlicher Auffassung. Doch wie viel Mitsprache soll man Kindern zugestehen?

© /Panthermedia/tiero

Die Eltern und das Kind sind unterschiedlicher Auffassung. Doch wie viel Mitsprache soll man Kindern zugestehen?

Von Johannes Teschner

Mehrmals täglich reiben sich die Vorstellungen von Kindern und die der Eltern aneinander. Es kommt zu Streit, Machtworten und Frust. Ratgeber-Autor Mathias Voelchert erklärt, wie Familien es schaffen, solche Diskussionen abzukürzen.

Herr Voelchert, Kinder reden heute fast überall mit – den Eindruck haben zumindest viele. Stimmt das?

Ja, das stimmt schon. Junge Eltern achten heute viel mehr auf die Bedürfnisse der Kinder, als das frühere Generationen getan haben. Das führt grundsätzlich auch zu mehr Mitspracherecht der Kinder. Vor allem die Rolle der Väter hat sich da gewandelt. Der autoritäre Vater, denn meist war es früher ja der Vater, der im Alleingang Entscheidungen getroffen hat, ist eine verschwindende Spezies.

Warum ist es wichtig, Kinder schon früh an Entscheidungen zu beteiligen?

Das Ziel ist doch, dass die Kinder mit 18, 20 oder 22 ausziehen und ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, kurz: entscheidungsfähig sind. Entscheidungsfähigkeit kann man aber nicht anerziehen, die müssen Kinder lernen. Und das fällt ihnen leichter, wenn man sie an Entscheidungen teilhaben lässt, die die Familie und sie selbst betreffen.

Woher wissen Eltern denn: Hier entscheiden wir – und hier darf das Kind entscheiden?

Die Frage ist tatsächlich, wie ein gesundes Maß aussieht. Holt man den autoritären Stil wieder heraus, wo nur Macht zählt und keine Argumente? Nein, man sollte die Kinder fragen, sie einladen: Was ist deine Meinung? Man sollte sie einbeziehen, wenn es irgend möglich ist, aber auch Grenzen setzen und deutlich machen, dass nicht jedes Wort des Kindes das allerletzte ist. Man kann zum Beispiel sagen: „Okay, ich habe gehört, was du willst, aber das geht aus dem und dem Grund nicht, das machen wir nun anders.“

Das klingt auch ein wenig hart.

Aber es grenzt die Kinder nicht vollständig aus. Es ist ehrlich, und das schätzen auch die Kinder, auch wenn sie es nicht immer direkt so zurückspiegeln. Da müssen Eltern dann aushalten, dass das Kind vielleicht sagt: „Blöde Mama, blöder Papa.“ Eltern sollten in solchen Momenten mit der Enttäuschung des Kindes umgehen können. Wenn man als Eltern wiederum das Gefühl hat, ein Thema ist für das Kind zu schwer, dann sollte man es tatsächlich auch mal raushalten – sonst stürzt man es womöglich in unnötige innere Entscheidungsprozesse, in Gewissensbisse oder gar in die Verzweiflung. Ich habe in den Hunderten Gesprächen, Weiterbildungen und Beratungen gelernt, dass Kinder ihre Eltern groß wollen, nicht klein. In sehr vielen Momenten wollen die Kinder durchaus, dass die Erwachsenen Entscheidungen treffen und auch dafür geradestehen.

Ein Beispiel: was, wenn das Kind etwa der Meinung ist, die Windel müsse jetzt nicht gewechselt werden?

Dann spreche ich mit dem Kind darüber, wieso es das meint. Ich versuche es noch einmal und vielleicht noch mal – und dann mache ich es. Beim Windelwechseln und auch manchen anderen Situationen macht es keinen Sinn, lange mit Kindern zu diskutieren. Da entscheiden wir als Eltern, auch über die Grenze des Kindes hinweg. Weil das Kind die Folgen seiner Entscheidung, einen wunden Po und so weiter, nicht abschätzen kann. Da auf das Verständnis des Kindes zu hoffen, ist vergebene Liebesmüh. Je klarer und entschlossener wir als Eltern sind, umso einfacher tut sich das Kind. Aber es gibt halt einfach auch Kinder, die bei jedem Windelwechseln ein großes Theater machen, bis sie selbst auf Klo gehen können. Da müssen dann alle zusammen durch. Kinder sind dadurch sehr frustriert, aber nicht beschädigt.

Wo ist die Grenze zwischen frustriert und beschädigt?

Frustriert sind Kinder schnell. Oft einfach deswegen, weil sie nicht bekommen, was sie gern hätten. Kinder wissen, was sie wollen – nicht, was sie brauchen. Beschädigt werden Kinder, wenn sie in Ihrer Integrität verletzt werden, durch Bestrafungen, Drohungen, Angstmacherei. Dann erlebt sich das Kind als Ding. Und das wollen Kinder nicht, das wollen Menschen nicht. Menschen wollen individuell als Subjekt gesehen werden und nicht als Objekt behandelt werden. Und Kinder haben da ganz feine Sensoren. Noch mal zum Windelwechseln: Das Kind packen, etwa weil ich unter Zeitdruck bin, und ohne ein weiteres Wort wickeln, das geht nicht. Stattdessen lieber zum Kind sagen: „Du Armer, das stinkt und du wirst ganz rot am Hintern, wir müssen die Windel wechseln.“ Ich kündige die Entscheidung an, handele nicht wortlos. Durch Reden und Vorleben lernen Kinder schnell – wie man Entscheidungen trifft, aber auch, welche Regeln in unterschiedlichen Kontexten zu einer Entscheidung führen.

Was, wenn Eltern etwas vorleben, aber im nächsten Moment tut das Kind wieder so, als habe es in dieser Sache noch nie eine Entscheidung gegeben?

Dass sich nicht sofort etwas ändert, heißt nicht, dass man gegen eine Betonwand gesprochen hat. Das Kind hat gehört: Wir sollten die Windel nun wirklich wechseln, ansonsten wird es unangenehm riechen, das stört dich und andere. Es hat gelernt, warum die Entscheidung wie getroffen wurde. In den allermeisten Fällen muss das erst einmal in dem Kind arbeiten und es wird sein Verhalten mit der Zeit ändern. Es muss vielleicht erst mal seine eigene Integrität wahren, erst mal dagegen sein, aber die Botschaft sickert ein, nach und nach. Es wäre ein wenig unmenschlich, vom Kind zu erwarten, dass es immer gleich sagt: „Alles klar, verstanden, wird so gemacht.“ Wer das haben möchte, muss mit Strafen arbeiten. Was dazu führen wird, dass man später Automaten anstatt eigenständiger Persönlichkeiten vor sich hat. Wir als Gesellschaft brauchen aber ja Menschen, die eigenständig denken, Probleme angehen, Lösungen finden und eben Entscheidungen treffen können – nur so werden sich die komplexen Herausforderungen bewältigen lassen, vor denen unsere Welt in diesen Zeiten steht.

Zur Person

Mathias Voelchert Jahrgang 1953, arbeitet als Berater für Familien, Schulen und Unternehmen und hat zahlreiche Bücher über Erziehung geschrieben. Er hat die Organisation Familylab gegründet, die unter anderem Seminare und Vorträge für Eltern veranstaltet. Voelchert ist Vater zweier erwachsener Kinder und lebt im bayerischen Windberg.

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Erstellt:
1. Dezember 2023, 15:14 Uhr

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