FC Bayern gegen Borussia Dortmund

Darum ist die Stimmung in München so schlecht

Der FC Bayern München steht kurz vor dem Gewinn der zehnten Meisterschaft in Folge – die vielen Problemfelder aber überlagern das mögliche Titeljubiläum.

Zwei Männer, viele offene Fragen: Julian Nagelsmann (li.) und Oliver Kahn.

Zwei Männer, viele offene Fragen: Julian Nagelsmann (li.) und Oliver Kahn.

Von Marco Seliger

Julian Nagelsmann weiß um die hohen Ansprüche beim FC Bayern, das schon. Als der Trainer nun aber vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund in einem Vergleich darüber sprach, offenbarte er zumindest eine kleine Schwäche, was seine Ortskenntnisse in München angeht. „Wir sind hier nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr Süd-Giesing“, sagte Nagelsmann also, und was soll man sagen: Klar gibt es eine Feuerwehr, die für den südlich gelegenen Stadtteil zuständig ist, in dem ein gewisser Franz Beckenbauer einst aufwuchs – aber es gibt kein Süd-Giesing. Sondern nur Giesing an sich sowie zwei weitere Münchner Viertel, die einst Berühmtheit erlangten, weil der damalige Präsident Beckenbauer ein schwaches Spiel mal kurz und prägnant so analysierte: „Das war Obergiesing gegen Untergiesing – Altherrenfußball!“

An diesem Samstagabend spielen ohne jeden Zweifel die jungen oder jung gebliebenen Profis des FC Bayern gegen jene des BVB. Für den Brandschutz in der Arena im Münchner Norden, das am Rande, ist zumindest laut offizieller Einteilung der Freiwilligen Feuerwehr München die Abteilung Freimann zuständig. Und rund ums Spiel geht es, um im Bild zu bleiben, nun auch für den FC Bayern im übertragenen Sinne darum, mögliche Brände zu löschen. Oder besser: Es nicht zum Flächenbrand kommen zu lassen.

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Dass die Münchner dabei mit einem Sieg gegen den ewigen Herausforderer aus Dortmund zum zehnten Mal nacheinander Meister werden und damit einen Rekord in den fünf europäischen Topligen aufstellen können – geschenkt. Das allseits erwartete Meisterjubiläum ist nicht mehr als ein Quantum Trost im geballten Frust an der Säbener Straße im Stadtteil Harlaching (der noch etwas weiter südlich von Giesing gelegen ist).

Denn das unerwartete Aus in der Champions League gegen Villarreal erschüttert den FC Bayern noch immer in seinen Grundfesten. Oder anders: Die Debatten, die es teils schon vorher gab, erfahren seither eine neue Zuspitzung. So geht es etwa um die Frage, warum sich Vorstandschef Oliver Kahn oft wegduckt bei heiklen Themen und oft nur über seine sozialen Kanäle kommuniziert. Erst seit dem Aus gegen Villarreal, so scheint es, kommt Kahn aus der Deckung.

Nagelsmann moderiert

Seine Außendarstellung soll auch intern ein großes Thema sein. Auch, weil es der Trainer Nagelsmann ist, der im Gegensatz zu Kahn in Windeseile zum Gesicht des FC Bayern wurde. Denn auch heikle, nichtsportliche Themen wie die Tumulte auf der Jahreshauptversammlung rund ums umstrittene Katar-Sponsoring versuchte Nagelsmann wegzumoderieren. Und nicht Kahn.

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So erlangt der Trainer mit seiner natürlichen Art eine große Reputation – aus sportlicher Sicht aber gibt es auch am Coach Kritik. Oben auf der Liste stehen die fehlende Konstanz sowie die vielen Gegentore. Viele Bayern-Profis haben in dieser Runde extreme Formschwankungen, darunter so gestandene Kräfte wie Thomas Müller, Joshua Kimmich und Robert Lewandowski, was allerdings auch mit der Münchner Kaderstruktur zu tun haben könnte. So waren die Stammkräfte im Trainingsalltag kaum noch dahingehend gefordert, ihren Platz zu verteidigen – weil es keinen Ersatz im dünnen, auf die Topspieler konzentrierten Kader gibt.

Was also ist mit Blick in die Zukunft zu tun? Für Nagelsmann ist der Fall klar: „Wir haben ein paar Baustellen“, sagt der Coach. „Wir haben einen Kader, der lange zusammenspielt, das ist grundsätzlich gut. Trotzdem ist es irgendwann an der Zeit, auch mal etwas Neues zu machen.“

Wie geht es weiter?

Die Clubführung geht dabei zweigleisig vor: Einerseits bemüht sie sich, die 2023 auslaufenden Verträge der arrivierten Profis Müller und Manuel Neuer zu verlängern (was in Form von Einjahresverträgen unmittelbar vor dem Abschuss stehen soll). Zum anderen fahndet sie nach hochwertigen Zugängen.

Das Problem dabei ist, dass das Münchner Geschäftsmodell mit dem berühmten Festgeldkonto in Zeiten der Investorenclubs auf der europäischen Bühne immer mehr an Schlagkraft verliert und Corona die Kluft zur europäischen (Finanz-)Spitze vertieft hat.

Offene Zukunft

In der Abwehr immerhin gilt der Zugang des marokkanischen Rechtsverteidigers Noussair Mazraoui (24/Ajax Amsterdam) als sicher. Dessen niederländischer Clubkollege Ryan Gravenberch (19) soll das Mittelfeld verstärken. Die Zukunft von Serge Gnabry und Lewandowski (beide Verträge laufen 2023 aus) ist dagegen offener denn je.

Klar ist: Am Ende wird es auch da wie immer ums liebe Geld gehen. Aber immerhin – mit Nagelsmann scheinen die Bayern einen Coach zu haben, der einen reifen Blick auf die Dinge hat. Es gebe extreme Trainer, so sagt das Nagelsmann selbst in extremem Duktus, die auf „Finanzen scheißen“ würden: „Und dann dann gibt es mich, der sich sehr weit in Richtung Finanzen bewegt, weil er versucht, einen Weitblick für gewisse Dinge zu haben, der aber trotzdem sportlichen Erfolg will.“

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Erstellt:
21. April 2022, 17:54 Uhr

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