Eishockey-WM in Finnland

Deshalb ist Tim Stützle mit 20 schon ein alter Hase

Bei der an diesem Freitag beginnenden Eishockey-WM sollen die NHL-Profis Tim Stützle (20) und Moritz Seider (21) zu den Stützen der deutschen Nationalmannschaft zählen. Bundestrainer Toni Söderholm ist nach Absagen von Routiniers ein wenig verstimmt.

Tim Stützle war in seiner ersten kompletten NHL-Saison bei den Ottawa Senators gleich der zweitbeste Scorer der Mannschaft.

© imago/David Kirouac

Tim Stützle war in seiner ersten kompletten NHL-Saison bei den Ottawa Senators gleich der zweitbeste Scorer der Mannschaft.

Von Jürgen Kemmner

Toni Söderholm ist oft unterwegs, das bringt sein Job als Eishockey-Bundestrainer mit sich. Um Nationalspieler und potenzielle Kandidaten in der Deutschen Eishockey Liga zu beobachten oder in einer Liga im europäischen Ausland, manchmal führt seine Reise auch nach Nordamerika. Im Dezember war Söderholm in Übersee und hat sich erkundigt, wie es Tim Stützle bei den Ottawa Senators in der NHL ergeht. Mit 18 Jahren war der Profi von Adler Mannheim bei der Talentbörse (Draft) 2020 an dritter Position von den Senators ausgewählt worden, er kämpfte sich nach und nach ins Team – diese Runde war Stützles erste komplette NHL-Saison. Der Stürmer ist einer, den Söderholm für die WM im Mai gut gebrauchen kann.

Eine Visite des Bundestrainers motiviert anscheinend ungemein. Nach Söderholms Besuch explodierte die Leistung des gebürtigen Vierseners auf dem Eis. „Am Anfang habe ich nicht viel getroffen und nicht viel gepunktet“, erzählte der 20-Jährige im April, „aber es wurde immer besser.“ Tim Stützle schloss die Hauptrunde mit 22 Toren und 36 Vorlagen bei 79 Einsätzen ab, damit war der Bursche zweitbester Scorer der Senators nach Brady Tkachuk (67 Punkte). „Ich denke aber nicht, dass mein Besuch die Ursache war“, erzählte Söderholm verschmitzt. Aber ganz bestimmt hat die Torgefährlichkeit dazu beigetragen, dass Stützle im WM-Aufgebot für Finnland steht. So hat er besser verkraftet, dass sich der Club aus Ottawa nicht für die Play-offs qualifiziert hatte.

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„Ich habe immer gesagt: Für mich ist es eine große Ehre, für Deutschland zu spielen“, hatte der Angreifer noch vor der Berufung betont – nun wird er Premiere feiern, und zwar gegen einen prominenten Gegner: Zum WM-Auftakt geht es an diesem Freitag (19.20 Uhr/Sport 1) gegen Weltmeister Kanada. Der Bundestrainer erwartet einiges von Stützle wie auch von dem knapp ein Jahr älteren Moritz Seider, der 2019 von den Detroit Red Wings verpflichtet wurde und der sich bis ins NHL-Team hochgearbeitet hat.

Für Seider (10 Länderspiele) ist es die zweite WM, er war 2021 in Lettland dabei, als Deutschland Vierter geworden war. In seiner Debütsaison in der NHL beeindruckte der Neuling mächtig, er absolvierte alle 82 Spiele mit den Red Wings, leistete 43 Vorlagen und schoss sieben Tore – für einen Verteidiger, erst recht für einen so jungen, sind das herausragende Zahlen. „Er ist ein Phänomen“, sagte Nationalteam-Kapitän Moritz Müller kürzlich. Seider selbst schwächt die Lobeshymnen, die über ihn hereingeprasselt sind, ein wenig ab. „Jeder Athlet hat den Ansatz zu den Besten der Welt gehören zu wollen – dem versuche ich gerecht zu werden“, sagte der Profi, der von Mannheim nach Nordamerika auswanderte. Stützle im Sturm und Seider in der Defensive als Eckpfeiler. „Beide mögen vom Alter jung sein, ich sehe beide aber nicht als typische junge Spieler“, sagte Söderholm, „sie haben sich in der NHL durchgesetzt, sie können ein Team führen, denn sie besitzen alles, was man benötigt.“

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Ein 21- und ein 20-Jähriger sollen vorangehen, das gab es nicht oft. Aber der Bundestrainer muss in seiner Heimat Finnland auf routinierte Kräfte verzichten – er klang etwas angefressen, als er die Absagen von Manuel Wiederer, Frederik Tiffels und Patrick Hager kurz vor dem Aufbruch einräumen musste. „Es gab Spieler, die ein bisschen kurzfristig abgesagt haben, die vor einem Monat noch Kraft hatten. Als die Saison vorbei war, war das auf einmal anders“, sagte Söderholm, „die genauen Gründe für ihre Absagen müssen sie aber selber nennen.“ Zudem hat Dominik Kahun verletzungsbedingt abgewunken. „Er hat alles versucht, um fit zu werden“, sagte der Coach, „ich hätte ihn wirklich sehr gerne dabei gehabt.“

Kader ausgedünnt, Vorbereitung zerstückelt, weil die DEL-Saison wegen Corona tief in die WM-Vorbereitung hineinreichte und sieben Profis von Meister Eisbären Berlin und Vize Red Bull München nicht ein Mal mit in einem Testspiel angetreten waren. Die Defensive wackelte; mangelnde Effizienz, Puckverluste, inkonsequentes Zweikampfverhalten erkannte der Bundestrainer bei den Tests als Probleme. Es könnte passieren, dass die Wiedergutmachung für den verpatzten Olympia-Auftritt (Platz zehn) ausfällt und eine weitere Pleite droht.

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Erstellt:
11. Mai 2022, 15:22 Uhr

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