Stuttgarter EC als Vorreiter für Emanzipation

Deshalb sind Girls Camps im Eishockey wichtig für Mädchen

Der Stuttgarter EC hat Anfang Mai erstmals ein Girls Camp organisiert, ein Kurz-Trainingslager nur für Mädchen. Es ist wichtig für die Entwicklung, auch mal nicht gegen Jungs auf dem Eis zu stehen.

Im Jugend-Eishockey eine Seltenheit: Ein Spiel zwischen zwei Mädchen-Teams, üblicherweise treten Nachwuchs-Mannschaften gemischt an.

© Baumann/Julia Rahn

Im Jugend-Eishockey eine Seltenheit: Ein Spiel zwischen zwei Mädchen-Teams, üblicherweise treten Nachwuchs-Mannschaften gemischt an.

Von Jürgen Kemmner

Sarah Bouceka macht den Fernseher an, wenn in Finnland die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft übers Eis flitzt. „Das sind Pflichttermine. Ich schaue jedes Spiel“, sagt die 14-Jährige, „wenn es geht, auch die anderen Partien.“ Der Teenager aus Stuttgart-Stammheim liebt Eishockey, sie spielt es selbst – und zählt damit zu einer Randgruppe. Etwa 21 000 Menschen spielen im Deutschen Eishockey Bund (DEB), etwa 6500 davon sind männliche Jugendliche, aber nur 750 Mädchen unter 18 Jahren kämpfen um Punkte. „Unsere Eishockey-Welt ist ziemlich klein“, sagt die Gymnasiastin.

Es war kein Zufall, dass Sarah Bouceka Torhüterin Milena vom EHC 80 Nürnberg beim Girls Camp des Stuttgarter EC (SEC) in der Eiswelt Waldau getroffen hat. „Wir lernten uns bei einem Turnier in Frankreich kennen“, erzählt sie, „ich habe mich gefreut, dass wir uns wieder sehen.“ Der Club aus Degerloch hat Anfang Mai erstmals ein Girls Camp veranstaltet. Es war ausgebucht, 35 Spielerinnen wurden von vier Trainern am Freitag und Samstag gefordert und gefördert. Jungs durften nur zusehen. „Man hat mehr Druck, wenn man mit Jungs spielt“, sagt Sarah. Sind die Girls unter sich, probieren sie eher knifflige Tricks oder komplizierte Stocktechniken aus, weil sie keine schnippischen Buben-Kommentare fürchten müssen. „Wir wollen bald regelmäßig ein Camp ausrichten für bis zu 60 Mädchen“, sagt Trainer Thomas Schneeberger.

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Mädchen in Eishockey-Montur unter sich, eine Ausnahme. Üblich sind gemischte Camps und Mannschaften. Zu wenige Mädchen nennen Schläger und Puck ihre Freunde – gäbe es eigene Ligen, würden entweder regional die gleichen zwei, drei Teams den gesamten Winter gegeneinander spielen, oder es müssten überregionale Entfernungen überbrückt werden. Es bleibt nur die Unisex-Lösung. „Ich wurde gut aufgenommen, wir Mädchen sind voll akzeptiert“, sagt Anna Kaltschmidt (14) von den Eisbären Eppelheim. Die Integration funktioniert auf dem Eis, wenn’s aber zum Umziehen und Duschen geht, sind die Mädchen wieder Außenseiter. Sobald die jungen Frauen den jungen Männern im Zweikampf um die Scheibe körperlich unterlegen sind, trennen sich die Wege, was spätestens in der U 17 der Fall ist. „Schlittschuhtechnisch sind Mädchen oft besser, sie fahren harmonischer“, sagt Trainer Schneeberger, „aber Eishockey in eben eine sehr körperbetonte Sportart.“

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In der Frauen-Bundesliga spielen sieben Clubs, drei aus Bayern, zwei aus Nordrhein-Westfalen und je einer aus Berlin und Baden-Württemberg (Mad Dogs Mannheim). Die Strukturen sind rudimentär, in Deutschland gibt es für Frauen nur das Bundesleistungszentrum Füssen, daher sind mitunter weite Reisen notwendig, um an Lehrgängen teilzunehmen.

Sarah Bouceka war 2021 an vier Tagen bei den U-17-Juniorinnen. „Das war anspruchsvoll, ich habe viel von älteren Spielerinnen abgeschaut und viel gelernt“, erzählt die 14-Jährige. Auch Leonie Casalinuovo (15) und Siena Müller Maldonado (14) vom SEC wurden schon zu Lehrgängen eingeladen. Solche Maßnahmen finden selten statt, eine Nationalmannschaft gibt es erst ab der U 16 – davor heißt das Auswahlteam „Germany select“, zu dem Stürmerin Sarah kürzlich zum Turnier in Chamonix berufen wurde.

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Mädchen und Frauen sind im DEB wichtiger Bestandteil des Programms „Powerplay 26“, der Verband hat sich mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Bundesinnenministerium explizit zu deren Förderung im Eishockeys bekannt. „Die Nachwuchsförderung beider Geschlechter ist auf das identische Niveau gehoben worden“, betonte Michael Pfuhl 2019 als technischer Direktor des DEB. Ein himmelweiter Unterschied bleibt: Begabte Jungs dürfen auf eine lukrative Profikarriere hoffen, Mädchen können hierzulande mit ihrem Sport kein Geld verdienen. Und das bremst die Motivation, Zeit und Geld zu investieren – gerade auch bei deren Eltern. Eine Ausrüstung kostet etwa 2500 Euro, für Torfrauen sind es bis zu 8000.

Nordamerika könnte Vorbild sein. Dort existiert seit 2015 eine Profiliga mit sechs Clubs, da kriselt es zwar immer wieder, als Salär gibt’s für die Ladys aber im Schnitt umgerechnet 15 000 Euro pro Jahr. Zudem werden Spielerinnen an High School und Uni wie Profis betreut. Anna Reich ergatterte einst ein Stipendium an der Minnesota State University und spielte für die Minnesota Bluejays. „Mir hat es unheimlich viel gebracht, auch weil ich gegen die Besten der Welt spiele“, sagte sie einst. Nun ist die Landshuterin 28 und fährt für den achtmaligen Meister ESC Planegg in der Bundesliga aufs Eis. Als Amateur.

Es ist ein weiter Weg zur Emanzipation, Girls Camps sollen dazu beitragen. Der SEC, bei dem zehn Mädchen spielen, hegt Ambitionen. „Wir möchten die Attraktivität für Mädchen und deren Anteil in den Teams erhöhen“, betont Vorstandsmitglied Philipp Kordowich, „perspektivisch mit der Option auf ein Frauenteam.“ Für den Sommer ist geplant, erneut ein Girls Camp zu veranstalten. Sarah Bouceka wird sich bestimmt anmelden und viele bekannte Gesichter sehen.

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Erstellt:
17. Mai 2022, 14:26 Uhr

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