Umweltschutz im Biathlon

Doll visiert größere Nachhaltigkeit an

Umweltschutz rückt in vielen Sportarten in den Fokus. Der Schwarzwälder Biathlet Benedikt Doll denkt darüber nach, welchen Beitrag sein Sport leisten könnte. Weniger reisen ist eine Idee, weniger Kunstschnee verwenden eine andere. Doch es gilt manche Hürde zu überwinden.

Biathlet Benedikt Doll macht sich Gedanken über die Umweltverträglichkeit seines Sports.

© imago / Tomi Hänninen

Biathlet Benedikt Doll macht sich Gedanken über die Umweltverträglichkeit seines Sports.

Von dpa

Beim Anflug auf die neue Biathlon-Saison war bei Benedikt Doll neben der gespannten Vorfreude diesmal auch das schlechte Gewissen mit an Bord. Für den Sprint-Weltmeister von 2017 ging die Reise am Wochenende vom Schwarzwald, wo er ein paar Tage mit Frau und Kind verbracht hatte, nach Kontiolahti. Mit dem Einzel der Männer steht dort am Dienstag das erste Weltcup-Rennen des Winters auf dem Programm – 200 Kilometer südöstlich von Vuokatti, wo die Deutschen zuvor ihr finales Trainingslager absolviert hatten.

Verzicht auf Interkontinentalflüge

Doll, der zudem am Montag bei Eurosport ankündigte, in naher Zukunft seine Biathlon-Karriere beenden zu wollen („entweder höre ich nach dieser oder nach der nächsten Saison auf“), sagte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Für mich war es schon ein Dilemma, danach noch mal heimzufliegen, um jetzt wieder nach Finnland zu fliegen“, sagt Doll im Gespräch mit unserer Zeitung. Er habe das wegen seines Sohnes und wegen der Familie gemacht, betont der 32-Jährige, der im August zum ersten Mal Vater wurde – und dem der Kampf gegen den Klimawandel gerade wegen seines reiseintensiven Jobs am Herzen liegt. Deshalb verzichtet Doll zum Beispiel auf die in der Branche sehr beliebten Interkontinentalflüge in den Urlaub. Und denkt lieber intensiv darüber nach, welchen Beitrag der Biathlonsport in Sachen Umweltschutz leisten kann.

Wichtiger Punkt: die Schneesicherheit

Zentraler Punkt hierbei: die Suche nach geeigneten Anlagen. Doll erwähnt in dem Zusammenhang das Nordic-Center Notschrei bei Freiburg, wo er selbst überwiegend trainiert. „Auf seinen 1200 Metern ist das die höchstgelegene Biathlonanlage in Deutschland. Vielleicht ist es eine Option zu sagen: Okay, wir schauen, dass wir Anlagen in einer Höhe bauen, wo für die nächsten 30 Jahre oder so noch eine gewisse Schneesicherheit existiert“, überlegt er und fordert: „Man muss sich Gedanken machen, welche Anlagen Biathlon auf naturverträgliche Weise erlauben. Auch was die Reisewege und Ähnliches betrifft.“

Es geht um die Suche nach Orten, wo am wenigsten Kunstschnee produziert werden muss. „Man könnte ja den Schnee vom letzten Jahr nehmen, ihn auf einen Haufen packen und im nächsten Jahr wieder ausfahren. Da müssen dann vielleicht nur fünf Zentimeter neuer Kunstschnee drauf – anstatt 50 oder 60 Zentimeter“, schlägt Doll vor. Seine Teamkollegin Denise Herrmann-Wick musste in der Vorbereitung einen geplanten Trainingsaufenthalt in Davos aufgrund der zu hohen Temperaturen dort streichen. Und nicht erst seit dieser Erfahrung weiß die Einzel-Olympiasiegerin von Peking: „Schneeproduktion ist natürlich ein großes Thema.“

Veränderungen brauchen Zeit

Die Internationale Biathlon-Union (IBU), die sich zuletzt verstärkt bemühte, der biathletischen Sommervariante auf Roller-Ski einen Schub zu verleihen, gibt sich in Sachen Umweltschutz rege: Im Februar veröffentlichte der Weltverband seinen ersten Nachhaltigkeitsreport, mit dem er seine Selbstverpflichtung unterstrich, bis 2030 klimaneutral zu sein. „Die IBU nimmt in dieser Frage definitiv eine Vorreiterrolle ein“, sagt Herrmann-Wick. Mitstreiterin Franziska Preuß sieht das ähnlich, doch die 28-jährige Oberbayerin relativiert: „Es ist nicht einfach, vieles von jetzt auf gleich zu ändern. Das merkt man ja selbst oft in vielen Bereichen.“

So musste die IBU das geplante Komplettverbot des umweltschädlichen Fluorwachses vor knapp vier Monaten auf die Saison 2023/2024 verschieben – um das Prüfverfahren weiter zu verfeinern. Um Energie zu sparen, könnte man auf Rennen unter Flutlicht – wie sie jetzt beim Weltcup in Kontiolahti zum Teil stattfinden – verzichten, regt DSV-Skijäger Johannes Kühn an. Und der Norweger Sverre Olsbu Röiseland findet: „Es wäre gut, den Saisonstart um ein, zwei Wochen nach hinten zu verschieben.“ Damit könnte man, argumentiert der neue Co-Trainer der deutschen Biathletinnen, die intensive Reiserei auf der Suche nach einem Fleckchen echtem Schnee im November etwas eindämmen.

„Wir dürfen uns gegenüber möglichen Einsparungspotenzialen in keinem Fall verschließen“, erklärt auch Röiselands Kollege Mark Kirchner. Der Bundestrainer der Männer verweist aber auch auf Verhältnismäßigkeiten und betont: „Im Vergleich zu vielen anderen sind wir ein kleines Licht. Solange man es immer nur dort macht, wo es relativ einfach zu bewerkstelligen ist und die Auswirkungen klein sind, bin ich nur bedingt bereit, Abstriche zu machen – wenn es zugleich in anderen Bereichen einfach immer so weitergeht wie bisher.“

„Nur ein kleines Licht“

Vor dem Weltcup-Start

Stationen An diesem Dienstag beginnt im finnischen Kontiolahti die 46. Saison im Biathlon-Weltcup. Neun Weltcup-Stationen sind geplant. Das Finale findet ab 13. März am berühmten Holmenkollen in Oslo statt.

Höhepunkt Erstmals seit 2012 in Ruhpolding findet wieder eine Heim-WM statt, diesmal im thüringischen Oberhof. Die Ergebnisse der Wettkämpfe vom 8. bis 19. Februar fließen nicht in die Weltcup-Gesamtwertung ein, das gab es zuletzt 1993. 

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Erstellt:
28. November 2022, 15:30 Uhr

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