Radsport

Es droht die nächste Tour de Corona

Vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt lässt die Radprofis ein Thema nicht los, das sie am liebsten weit hinter sich lassen würden. Bora-Teamchef Ralph Denk sieht sogar das Geschäftsmodell gefährdet.

Maximilian Schachmann wurde in diesem Jahr schon von zwei Coronainfektionen ausgebremst.

© dpa/Alain Jocard

Maximilian Schachmann wurde in diesem Jahr schon von zwei Coronainfektionen ausgebremst.

Von Jochen Klingovsky

Der Franzose Benoît Cosnefroy (26) zählt nicht zu den ganz großen Namen im Radsport, doch sein Bekanntheitsgrad könnte sich schon bald erhöhen – wenn der U-23-Weltmeister von 2017 tatsächlich Recht behält mit seiner alarmierenden Prognose. „Die Tour de France ist in diesem Sommer mit einem sehr hohen Risiko verbunden“, sagte der AG2R-Profi vor seinem vierten Start bei der Frankreich-Rundfahrt an diesem Freitag, „im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass wir mit einem Peloton in Paris ankommen werden.“

So pessimistisch wie Cosnefroy sind nicht viele, ein Szenario aber fürchten alle: die nächste Tour de Corona.

Abschottung verursacht Bauchweh

Schon 2020, als das Rennen in den September verlegt worden war, und 2021 war die Grande Boucle („Große Schleife“) zu einer großen Blase mutiert – Fahrer und Teams isolierten sich komplett. Der Sport, der von seiner Nähe zu den Fans und Sponsoren (gut) lebt, vermied so zwar Infektionen, ein Rezept für die Zukunft wollte darin aber niemand sehen. „Ich habe Bauchweh, wenn wir uns abschotten“, meinte zuletzt Ralph Denk, der Chef des Rennstalls Bora-hansgrohe, „dann sind wir vielleicht irgendwann virenfrei, aber zugleich budgetfrei.“

Dabei litt auch das deutsche Topteam unter dem jüngsten Ausbruch im Feld. Bei der Tour de Suisse gingen zum abschließenden Zeitfahren vor zehn Tagen nur noch etwa die Hälfte der ursprünglich 152 gestarteten Fahrer an den Start. Der Großteil fehlte wegen des Coronavirus, vier Teams (Jumbo-Visma, UAE Emirates, Bahrain-Victorious und Alpecin-Fenix) hatten sich gleich komplett zurückgezogen. Bora-hansgrohe verlor drei Fahrer aufgrund von positiven Tests, darunter Aleksandr Vlasov (26) im Trikot des Gesamtführenden. Nach dem Rennen sagte Maximilian Schachmann (28): „Ich kreuze die Finger, dass ich kein Corona bekomme.“ Das Glück war ihm nicht sonderlich hold.

Ein positiver Test – und das Rennen ist vorbei

In der Woche nach der Tour de Suisse erwischte es auch Schachmann, und das schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Der Titelverteidiger musste wegen der Corona-Infektion auf die nationale Meisterschaft am Wochenende verzichten, gehört aber wie Vlasov zum Bora-Team für die Frankreich-Rundfahrt. Offen ist, wie beide dort in die Gänge kommen. Und was sonst noch passiert.

Benoît Cosnefroy jedenfalls hat große Bedenken, weil es rund um die Tour kaum noch Beschränkungen gibt. Und er vermisst auch ein Bewusstsein für die Lage. „Wir Radprofis sind praktisch die Einzigen, die noch aufpassen“, meinte der Franzose, nachdem sich drei Teamkollegen von ihm infiziert hatten, „in den letzten zwei Jahren hat die Bevölkerung Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Jetzt, wo die Vorgaben gelockert wurden, hat niemand mehr Lust, sich darüber Gedanken zu machen. Man kann nur hoffen, dass uns das nicht auf die Füße fällt.“ Schließlich ist für Profis mit einem positiven Test das Rennen vorbei – unabhängig davon, wie es ihnen geht.

Fahrer fürchten die Tests

Es gibt allerdings auch Radfahrer, die diese Regel hinterfragen. Am deutlichsten hat das Nils Politt (28) getan. Die meisten Profis, die sich während der Tour de Suisse infiziert hätten, seien symptomfrei gewesen, erklärte der deutsche Meister aus dem Bora-Team. „Sie haben von Corona nichts gemerkt“, sagte Politt, „irgendwann muss unter diese Sache mal ein Schlussstrich gezogen werden. Früher ist man doch auch mit einer verschnupften Nase weitergefahren.“

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, das Coronarisiko viel zu unberechenbar – auch für austrainierte Leistungssportler. Deshalb wird es bei der Tour 2022 wieder verpflichtende (Schnell-)Tests geben. Einen noch vor dem Start am Freitag in Kopenhagen, zwei weitere am zweiten und dritten Ruhetag, die auch Jonas Rutsch (24) fürchtet. „Die Angst vor einem positiven Ergebnis ist absolut begründet, das ist natürlich ein beschissenes Gefühl“, erklärte der Profi von EF Education, dem die Szenerie bei der Tour de Suisse noch lange in Erinnerung bleiben wird: „Wir saßen morgens auf einmal zu zweit am Tisch – am Abend zuvor sind wir noch ein komplettes Team gewesen.“

„Es kann schon einschlagen“

Nun hoffen alle Beteiligten, dass nicht auch die Tour de France zu einer Coronalotterie wird. Sicher sein kann sich allerdings niemand. „Die Sorge ist da“, sagte Denk vor der Fahrt zum Grand Depart nach Dänemark, „es kann schon einschlagen.“

In diesem Falle wäre Benoît Cosnefroy höchstwahrscheinlich ein ziemlich gefragter Gesprächspartner.

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Erstellt:
28. Juni 2022, 17:54 Uhr

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