Fritz Keller zur WM 2022 in Katar

Ex-DFB-Chef verteidigt Oliver Bierhoff und Hansi Flick

Verantwortlich für das deutsche WM-Desaster in Katar sind aus Sicht von Ex-DFB-Chef Fritz Keller Politiker und andere DFB-Funktionäre. „Das Team wurde zu Aktionen überredet“, kritisiert er.

Fritz Keller spricht im Interview Klartext.

© Gottfried Stoppel

Fritz Keller spricht im Interview Klartext.

Von Harald Beck und Holger Gayer

Er spricht nach seinem Rücktritt vor anderthalb Jahren nur noch selten in der Öffentlichkeit. Aber wenn er’s tut, dann mit Klartext. Im Interview rechnet Ex-DFB-Präsident Fritz Keller nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar mit den Politikern und Fußballfunktionären ab. Sie seien es gewesen, die die Mannschaft zu Aktionen wie dem Tragen der One-Love-Binde oder der Geste des Mund-Zuhaltens überredet hätten, obwohl sich das Team intern uneins gewesen sei. Oliver Bierhoff und Hansi Flick hätten damit nichts zu tun.

Herr Keller, was sind die Gründe für das Debakel der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Katar?

Das Problem beginnt mit der Wahl des Austragungsorts. Die Entscheidung für Katar wurde von der Politik sehr stark beeinflusst. Den letzten Stimmen für Katar und gegen die USA ging damals ein Gespräch mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Uefa-Chef Michel Platini voraus. Da hat die Politik schon sehr darauf gedrängt, dass die Stimmen aus Mitteleuropa an Katar gehen. Es lagen große Investitionen im Raum, das ist bekannt. Es ging für Frankreich darum, einen großen Rüstungsauftrag zu erhalten, was auch geklappt hat.

Ein sportpolitisches Foul vorweg?

Genau. Und das ist das Erste, was im Sport nicht geht: Es ist schon klar, dass die Weltmeisterschaften irgendwie über die Welt verteilt werden sollten und nicht nur unter den Protagonisten – der Fußball gehört allen. Aber wie sie verteilt wurden, darüber brauchen wir jetzt nicht mehr zu reden – über die Compliance-Problematik etwa. Für die WM im Winter wurden dann große ökologische Sünden begangen. Da wurden Stadien gebaut, die nach ein paar Veranstaltungen niemand mehr braucht. Über die katastrophalen Arbeitsbedingungen ist auch genügend geschrieben worden. Aber letztendlich ist doch klar: Wenn dieser ganze Mist durchgezogen worden ist und man in das Land zur WM geht, dann sollte man die Sportler ihre Sache machen lassen. Sport kann nämlich seine Strahlkraft für gesellschaftliche Themen am besten entfalten, wenn er erfolgreich ist. Wenn die Politik oder die Fußballfunktionäre irgendwelche Zeichen setzen möchten, dann sollen sie es selbst tun. Allerdings wollte sich der DFB eigentlich auf den Fußball konzentrieren nach all den Skandalen der letzten Jahre.

Sind die Politiker und Funktionäre verantwortlich für das Scheitern der Mannschaft?

Vor allen Dingen im Teamsport ist der Zusammenhalt in der Mannschaft äußerst erfolgsentscheidend. Und wenn man Teams dann von außen bedrängt, bestimmte Dinge zu tun, ist das nicht zielführend. Wichtig ist, dass Spieler Vertrauen haben zu denen, die Entscheidungen treffen. In Katar wurde das Team zu Aktionen überredet, die One-Love-Binde zu tragen und dann ersatzweise diese Geste mit dem zugehaltenen Mund zu zeigen. Die Mannschaft war sich uneinig, der Kapitän und der Mannschaftsrat wurden gedrängt, es zu tun. Dann gibt es Diskussionen in der Mannschaft über Dinge, die nichts mit dem Sport zu tun haben – das geht nicht. Das war kontraproduktiv. Wir gelten jetzt international als Besserwisser; der Hohn über Deutschland geht natürlich auch aufgrund der Niederlage durch die Weltpresse – insbesondere, weil es operativ so schlecht umgesetzt wurde, der DFB die Warnzeichen allesamt nicht erkannt hatte. Das Ganze wird auch noch für diplomatischen Druck sorgen. Der eine macht den Kotau und andere gehen symbolisch dagegen. So kann man die Welt nicht von unseren Werten überzeugen.

Am Ende also doch: Mund halten und auf das Sportliche konzentrieren?

Die One-Love-Binde war der Versuch einiger europäischer Verbände, ein Zeichen zu setzen. Am Ende sind nur wenige übrig geblieben. Viele haben es abgelehnt, weil man zu spät drangegangen ist. Das hätte man vorher juristisch abklären müssen. Genügend Zeit war vorhanden. Der Druck mit der One-Love-Binde hat die Fifa doch zu einer Initiative mit den Vereinten Nationen bewegt. Es darf dem DFB nicht darum gehen, am nächsten Tag eine Schlagzeile zu haben, sondern darum, darüber nachzudenken, was nach der Geste kommt. Es geht absolut nicht, blind in so eine Sache reinzurennen und dann auch noch in der Art und Weise den Kürzeren zu ziehen. Ich bin überzeugt, dass diese Diskussion der notwendigen Einheit der Mannschaft geschadet hat und sich im Nachhinein die Verantwortlichen nicht dazu bekannt haben.

Münzen Sie das auf DFB-Präsident Bernd Neuendorf oder auf den abgetretenen Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff?

Oliver Bierhoff hat meiner Erkenntnis nach damit gar nichts zu tun. Die Aktionen waren mit Sicherheit nicht allein auf der hauptamtlichen Schiene entschieden und schlecht vorbereitet worden. Und im Übrigen, wenn man sich so weit aus dem Fenster gelehnt hat, muss man das durchziehen, auch um das Gesicht nicht zu verlieren. Wenn man so gelandet ist wie 2018 und jetzt, dann sind sicher Fehler gemacht worden. Einem Einzelnen die Schuld zu geben, ist hier sicherlich nicht richtig. Entscheidend ist: In sehr vielen Fällen, wo nicht diejenigen entscheiden, die hauptamtlich mit drin sind, wird es immer schwierig.

Sie sprechen von den Strukturen, an denen Sie als DFB-Präsident gescheitert sind?

Ja, es geht um Professionalisierung. Diejenigen, die das jeden Tag machen und ausgebildete Fachleute im jeweiligen Gebiet sind, müssen entscheiden. Die gewählten Funktionäre kontrollieren und geben Rat. Da wäre es wünschenswert, dass in Zukunft Leute ausgewählt werden, die schon einmal einen Verein geführt haben und/oder betriebswirtschaftliche oder Sportmanagement-Erfahrung haben oder sich zumindest in der Vergangenheit in einer verantwortlichen Funktion mit Fußball beschäftigt haben. Es war nach wie vor so, dass all die Entscheidungen nicht von Herrn Bierhoff alleine getroffen wurden, sondern von Gremien, deren Mitglieder ihre eigenen und die Landesverbandsinteressen vor die Interessen der nationalen Fußballentwicklung stellen.

Zurück zu Bierhoff: Ist das eine Katastrophe für den deutschen Fußball, dass der Profimanager nicht mehr da ist, oder ist das die Chance für einen Neuanfang?

Ich kann nur sagen, dass die Hauptfehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, von anderen entschieden worden sind. Ich finde, dass Herr Bierhoff gute Arbeit geleistet hat. Er war einer der wenigen, die sich nicht nur hinter Zuständigkeiten versteckt, sondern auch Verantwortung übernommen haben. Der Mann hat 18 Jahre lang versucht, Änderungen im Kinder- und im Jugendfußball hinzukriegen. Das wurde verhindert, weil viele ein Gschäftle daraus machen und etwas für ihre Landesverbände oder Fußballschulen herausholen wollten. Was fehlt oder zu spät kommt, ist die zentrale Ausbildung im Kinder- und Jugendbereich.

Und was halten Sie von Hansi Flick: Ist es richtig, dass er weiter im Amt bleibt?

Nach dem Spiel sind immer alle klüger. Nach Niederlagen muss man im Fußball immer ein paarmal drüber schlafen. Für die Unruhe im Team war Hansi Flick sicher nicht verantwortlich. Wir haben das ja beim SC Freiburg mehrmals erlebt. Immer wenn wir abgestiegen sind, mussten wir erst mal in Deckung gehen. Man wird da auch persönlich angegangen. Aber am Ende war es jedes Mal die richtige Entscheidung, den Trainer zu halten. Jeder redet von Nachhaltigkeit – und beim ersten Gegenwind gehen die Verantwortlichen hin, opfern Einzelne, auf Kosten von langfristigen Zielen. Wie Spitzenweingüter können Vereine und ihre Teams, aber vor allen Dingen auch Verbände nur besser werden, wenn sie in Generationen denken. Die Nationalspielerinnen und Nationalspieler der Zukunft sind jetzt noch in den Kindergärten und müssen vom Fußball begeistert werden. Ich halte nichts von Kesseltreiben oder Treibjagden. Viele kleinere Nationen, deren Spieler heute in den europäischen Topligen vertreten sind, agieren nachhaltiger als der DFB.

Zur Person

Fußball Fritz Keller ist nicht nur ein leidenschaftlicher Fan des SC Freiburg, sondern war von 2010 bis 2019 auch Präsident des Bundesligavereins – als Nachfolger des ebenfalls legendären Achim Stocker. 2019 wurde er zum DFB-Präsidenten gewählt, weil der Verband nach zahlreichen Strafverfahren im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft 2006 seiner Ansicht nach „ein Sanierungsfall war mit unzähligen ungelösten Themen und Baustellen“. Doch Keller scheiterte mit seinen Versuchen, Transparenz in den DFB zu bringen. Im Mai 2021 trat er zurück, nachdem er seinen Widersacher im Präsidium, den Vizepräsidenten Rainer Koch, auf einer Sitzung als „Freisler“ bezeichnet und ihn damit mit dem Nazirichter Roland Freisler verglichen hatte.

Persönlich Fritz Keller, Jahrgang 1957, führt ein sehr renommiertes Weingut in Oberbergen am Kaiserstuhl und ebendort das Restaurant Schwarzer Adler, das unter anderem mit einem Michelin-Stern dekoriert ist. Er hat drei Söhne, die allesamt in seine Fußstapfen treten: der eine ist ins Weingut eingestiegen, der zweite arbeitet als Talentscout beim SC Freiburg, der dritte kocht im Tantris in München. hog

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Erstellt:
8. Dezember 2022, 16:10 Uhr

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