Stuttgart Surge holt Robin Häberle

Football-Vertrag trotz lebenslanger Sperre

Anfang Juni startet Stuttgart Surge in die Saison der European League of Football, doch die Verpflichtung eines Spielers aus der Region entfacht heftige Diskussionen in der Szene. Der Club verteidigt sich.

Robin Häberle – die Verpflichtung des 150-Kilo-Hünen brachte den Club in Erklärungszwang – auch gegenüber den Sponsoren.

© Fiona Noever/Noever

Robin Häberle – die Verpflichtung des 150-Kilo-Hünen brachte den Club in Erklärungszwang – auch gegenüber den Sponsoren.

Von Jürgen Kemmner

Ende April vermeldete Stuttgart Surge die Verpflichtung von Robin Häberle. 29 Jahre alt, 195 Zentimeter groß, 152 Kilogramm schwer, Position: Offensive Line. „Ich wollte noch mal ganz oben angreifen. Ich habe einige Spiele von Stuttgart Surge gesehen, und man hat gemerkt, dass die Offensive nicht sehr erfahren war. Deshalb will ich meine fast zehnjährige Erfahrung einbringen“, wurde der Neuzugang in der Pressemeldung des Clubs aus der European League of Football (ELF) zitiert. Eine Verpflichtung wie viele andere? Eine Verpflichtung wie keine andere!

Denn Robin Häberle wurde 2018 vom American Football und Cheerleading Verband Baden-Württemberg (AFCV) lebenslang gesperrt, der Bundesverband AFVD hat die Sperre übernommen. Der kräftige Angreifer, dessen Aufgabe darin besteht, den eigenen Quarterback zu beschützen, hatte in der Regionalliga als Spieler der Heilbronn Miners einen Gegenspieler der Holzgerlingen Twisters mit dem Helm ins Gesicht geschlagen, wobei der Gegenspieler ebenfalls keinen Helm trug. Es gab einen gewaltigen Tumult, dem auch der Übeltäter nicht schadlos entging; sogar ein Schiedsrichter wurde verletzt. Aufgrund der Sperre durfte Häberle bei Clubs mittrainieren, ein Footballmatch war verbotenes Land. Schließlich wechselte er die Sportart und spielte bis 2021 Rugby bei den Pforzheim Rhinos in der Bundesliga, wo er sich auch als Vorstandsmitglied der SG Pforzheim ehrenamtlich engagierte. Dies alles war Suni Musa und Martin Hanselmann vollumfänglich bekannt, der Geschäftsführer von Stuttgart Surge sowie der Cheftrainer entschieden sich trotz der unrühmlichen Vorgeschichte, Robin Häberle zu verpflichten. Das war möglich, weil sich die ELF nicht unterm Dach des AFVD befindet und die Sperre nicht greift.

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Die Bekanntgabe löste ein Beben aus, das die Footballszene in Deutschland erschütterte – es rollte als Folge in den sozialen Medien ein Tsunami der Empörung über die ELF-Filiale in Stuttgart, in dem sich sehr böse Worte über Spieler und Club ergossen und der erst nach drei Tagen allmählich verebbte. „Wir hatten im Gespräch mit dem Spieler alles offen angesprochen“, betont Suni Musa, „und haben beschlossen, ihm eine zweite Chance zu gewähren.“ Gleichwohl stellt der Manager klar, dass jeder im Club die Tat scharf verurteile. Zwei Gründe hätten aus Sicht von Musa für den Vertrag und die Chance für Häberle nach vier Jahren im Footballexil gesprochen. Erstens: Der heute 29-Jährige war im folgenden Prozess vor einem Zivilgericht freigesprochen worden. Zweitens: Der damals verletzte Kontrahent habe keine bleibenden Schäden aus der Auseinandersetzung davongetragen.

Der Blick in die NFL bestärkte Stuttgart Surge, Robin Häberle nicht auf ewig zu verdammen. 2019 hatte Myles Garrett von den Cleveland Browns dem Quarterback der Pittsburgh Steelers, Mason Rudolph, den Helm vom Kopf gerissen und ihm mit seinem Helm auf den Kopf geschlagen. Das Urteil der NFL lautete: Garrett wird auf unbestimmte Zeit gesperrt, mindestens aber bis Saisonende. So kam es. Nach der Spielzeit war die Strafe des Defensive Ends verbüßt, der 26-Jährige zählt längst wieder zum Stammpersonal der Browns. Ein paar sportliche Etagen tiefer hatte Robin Häberle für den Verbandstag des AFCV im März einen Antrag auf Rehabilitation gestellt, die Surge-Offiziellen rechneten damit, dass diese Begnadigung ausgesprochen würde – doch die Versammlung lehnte die Absolution einstimmig ab. Abgesehen von dieser Information sagt der baden-württembergische Verbandschef Markus Würtele zur Personalie Häberle nur: „Kein Kommentar.“

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Für Stuttgart Surge hätte diese in der Szene umstrittene Verpflichtung neben Empörung auch wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen können – ein anonymer Absender hatte die Sponsoren des Clubs per Mail über die Vergangenheit des Offensivspielers aufgeklärt, was dazu führte, dass Geschäftsführer Musa in der folgenden Woche einige bohrende Fragen der Partnerunternehmen beantworten musste. „Das hat uns das Leben schwer gemacht“, gibt der 43-Jährige zu, „aber am Ende haben alle Sponsoren mitgezogen und sind sich mit uns einig, dass der Spieler eine zweite Chance bekommen soll.“ Es war nicht der erste Fall, bei dem Surge jenseits der sportlichen Geschehnisse ins Schlaglicht geraten war. Vergangene Saison hatte Quarterback Jacob Wright einen Gegenspieler rassistisch beleidigt, der Stuttgarter Club reagierte umgehend und trennte sich sofort vom Spielmacher.

Häberle selbst äußert sich nicht, der 29-Jährige und sein Club haben sich auf einen freiwilligen Maulkorb geeinigt. Das Beste, was er tun kann: Robin Häberle lässt nach Saisonbeginn am 5. Juni in der Offensive Line von Stuttgart Surge ebenso überzeugende wie faire Taten auf dem Spielfeld folgen.

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Erstellt:
10. Mai 2022, 15:24 Uhr
Aktualisiert:
10. Mai 2022, 18:53 Uhr

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